Es gibt einen Fotokamera-Typ, von dem gibt es in Sachsen-Anhalt nur zwei Geräte. Trotzdem sind die Fotos dieser beiden Kameras sehr beliebt – bei Kriminalisten, Staatsanwälten und Richtern. Die Rede ist von einer Spezial-Kamera, mit der per Rundumbild Tatorte zur Beweissicherung erfasst werden. Seit drei Jahren werden die beiden Kameras in Sachsen-Anhalt von der Polizei eingesetzt.

Magdeburg. Der laute Knall eines Pistolenschusses erschallt aus dem Fernsehlautsprecher. Das Opfer im Krimi sinkt erschossen im Orchestergraben zu Boden. Der Kopf liegt in einer riesig ausufernden Blutlache. Ein Mord ist geschehen. Wenig später ermittelt die Polizei am Tatort. Das Blut auf dem Boden erstreckt sich bis zur Fußspitze der smarten Kriminaltechnikerin, die neben der Leiche kniet. Sorgfältig ist sie darauf bedacht, sich nicht ihren Designerhosenanzug zu beschmutzen. Sie streift ihre Einweghandschuhe über, um den Tatort nicht zu verunreinigen. Doch wenig später fährt sich die Dame mit der Hand durch ihr wallendes Haar.

Beim Betrachten solcher Szenen im Fernsehen werden viele Kriminalisten wohl etwas schmunzeln. Denn mit der Realität eines echten Tatortes hat die Ermittlungsarbeit dieses TV-Krimis nicht sehr viel zu tun. Wenn die "echten" Mitarbeiter des Landeskriminalamtes (LKA) am Tatort eintreffen, setzen sie noch vor der eigentlichen Spurensicherung zunächst eine spezielle "Sphärenkamera" ein. Nach nur wenigen Minuten ist sie komplett aufgebaut und beginnt selbstständig mit der Aufnahme der Umgebung. Einen Tastendruck und drei Minuten später steht ein räumliches Bild zur Verfügung und dieses eine Bild dokumentiert den Tatort lückenlos. 32 Belichtungsstufen der Kamera ermöglichen ein beliebiges Aufhellen und Abdunkeln auch von Teilbereichen des Raumes.

Die Kamera friert den Tatort ein

"Die Kamera nimmt einen Rundumblick auf. Sie friert den Tatort so ein, wie er von den Ermittlern vorgefunden wird’’, erklärt Kriminalhauptkommissar Thomas Strauß, Leiter der Tatortgruppe des LKA in Magdeburg. Neben dieser speziellen Rundumaufnahme werden von den Tatortbearbeitern auch viele Details fotografiert.

Diese Detailbilder und auch weitergehende Informationen wie Laborberichte, Lageskizzen, audiovisuelle Dokumente oder erkennungsdienstliche Informationen werden mit einer Computer-Software später mit der Rundumaufnahme so verbunden, dass alles gemeinsam über die Betrachtung des Tatortbildes abrufbar sind. So ermöglicht die Software, dass Ermittler am Computer große Mengen von Spuren und Bilder miteinander in Beziehung setzen können. Strauß: "Damit wird die Tatortarbeit und besonders die Auswertung der Spuren sehr übersichtlich. Dem Bearbeiter entgeht nichts mehr." Der fertige Tatortbefundbericht wird im LKA auf DVD gebrannt und den Ermittlern zur Verfügung gestellt. "Zusätzlich gleichen die Ermittler diese Informationen im Netzwerk ab. Das heißt, sie können auch auf andere Archive der Polizei zugreifen", erklärt Thomas Strauß.

Während früher viele Einzelaufnahmen vom Tatort mühsam manuell zu einer Dokumentation zusammengesetzt werden mussten, können sich die Ermittler heute per Mausklick im virtuellen Tatort bewegen. Der Betrachter kann sich im Bild um die eigene Achse drehen, vom Boden bis zur Decke schauen und sich Details heranzoomen. Thomas Strauß: ,,Beim Betrachter entsteht das Gefühl, vor Ort zu sein und alles real nachempfinden zu können. Auch die Richter und Staatsanwälte haben die Vorteile erkannt. Sie können ganz andere Einblicke in einen Tatort gewinnen und nutzen diese Möglichkeit inzwischen auch sehr häufig’’, erzählt Strauß.

Diese spezielle Bearbeitungssoftware mit Namen "SceneCase" wurde vom Hersteller gemeinsam mit dem LKA von Sachsen-Anhalt entwickelt. Erst jüngst tagte wieder, informiert Strauß, eine Expertengruppe, um die Erfahrungen der Magdeburger Ermittler aufzunehmen. Seit 2007 arbeitet die Polizei Sachsen-Anhalts mit dem neuartigen Verfahren. Sechs Bundesländer setzen aktuell in Deutschland die Kamera in Verbindung mit der "SceneCase"-Software ein.

Einsatz 2010 an 200 Tatorten

Die Anschaffung einer Kamera mit der dazugehörigen Software an zehn Arbeitsplätzen und Netzwerkanbindung habe etwa 150 000 Euro gekostet, so Strauß. Zwei Kameras sind mittlerweile in Magdeburg und Halle im Einsatz. "Mit zunehmendem Erfolg", so der Magdeburger Tatortgruppen-Leiter. Im Laufe des Jahres 2010 sei die Magdeburger Kamera an etwa 200 Tatorten zum Einsatz gekommen. Strauß: "Das Gerät wird längst nicht nur bei Kapitalverbrechen eingesetzt, sondern gehört bei sehr vielen Ermittlungen mittlerweile zum technischen Standard."

Vielleicht lassen sich die Krimi-Macher im Fernsehen ja von der modernen Art, Tatorte mit Rundumkameras aufzunehmen, inspirieren. Der realistischen, zeitgemäßen Darstellung der Arbeit von Kriminaltechnikern würde dies sicherlich dienen.

Strauß: "Die Kamera selbst wurde übrigens eigentlich für Spezialeffekte im kommerziellen Filmgeschäft entwickelt. Sie kam zum Beispiel bei den ,Spiderman‘-Filmen zum Einsatz." Für die polizeiliche Arbeit wurde sie erst später als "nachgeordnete Anwendung" entsprechend modifiziert, so der Leiter der Tatortgruppe des Landeskriminalamtes in Magdeburg schmunzelnd.

* Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines von den Volksstimme-Redakteuren Philipp Hoffmann und Oliver Schlicht begleiteten Germanistik-Seminars an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Bilder