Das Schicksal der kleinen Amalia aus Langenstein im Harzkreis beschäftigt viele Menschen – auch über Sachsen-Anhalt hinaus. Die Zehnjährige wird gegenwärtig auf der Intensivstation langsam aus dem künstlichen Koma geholt. Das Mädchen hatte das Zugunglück in Hordorf (Bördekreis) schwer verletzt überlebt. Ihre engsten Angehörigen waren ums Leben gekommen.

Halberstadt. Es wird noch einige Tage dauern, bis das kleine Unfallopfer völlig aus dem künstlichen Koma erwacht ist, sagte der Ärztliche Direktor des St.-Salvator-Krankenhauses in Halberstadt gestern der Volksstimme. "Die Medikamente werden langsam reduziert", so Professor Klaus Begall. Dabei müsse man "sehr vorsichtig vorgehen" und die Kreislaufverhältnisse müssten während des Aufwachvorgangs "am Monitor genau überwacht werden".

Amalia R. saß mit ihren engsten Angehörigen im Nahverkehrszug, der am 29. Januar bei Hordorf frontal mit einem Güterzug zusammengestoßen war. Zehn Menschen starben. Darunter waren auch Amalias Mutter, deren Lebensgefährte, dessen Mutter und ihr Partner sowie die zwölf Jahre alte Schwester Amalias.

Amalia selbst erlitt schwere Verletzungen im Gesicht, der Arme und Beine – ein Schädelhirntrauma, Frakturen und Organverletzungen. "Die ersten drei Tage hat das Kind in akuter Lebensgefahr geschwebt", sagt der Klinik-Chef. Danach habe sich ihr Zustand langsam "stabilisiert". Allerdings sei er "nach wie vor kritisch". Das Mädchen müsse noch eine Weile auf der Intensivstation bleiben.

Professor Begall: "Wir warten erst einmal ab, bis die Patientin aufgewacht ist. Dann setzen wir die Behandlung fort – auch operativ." Er spricht von "Polytrauma" (mehrere gleichzeitig geschehene Verletzungen verschiedener Körperregionen, d. Red.). Der Arzt ist optimistisch, dass "alle Körperfunktionen wieder hergestellt werden können".

Die körperliche Behandlung sei jedoch nur die eine Seite. "Wir sind auch auf die seelische Behandlung vorbereitet", sagt Begall. "Ein Team bereitet sich intensiv vor, die Fragen der Patientin nach ihrer Familie zu beantworten." Zu den Betreuern gehörten die Klinikseelsorgerin, Pfarrerin Kerstin Schenk, und eine Psychologin.

Amalias leiblicher Vater und dessen Eltern würden sich intensiv um die Zehnjährige kümmern. "Wir haben ihnen signalisiert, dass nun nach und nach auch Freunde das Kind besuchen können. Aber wir achten sehr darauf, dass die Patientin nicht überlastet wird."

Der Ärztliche Direktor beschreibt die "außergewöhnliche Anteilnahme in der Bevölkerung". Er werde sehr oft auf der Straße angesprochen und gefragt, wie es Amalia gehe.

Ein großes Lob zollt Begall seinen Klinikmitarbeitern. "Nachdem Sonnabendnacht der Notfall ausgerufen worden war, meldeten sich viele Ärzte und Schwestern im Krankenhaus zum Dienst."

Mindestens drei Wochen müsse Amalia wohl noch in der Klinik bleiben: "Aber eher länger", schätzt Begall die Genesung ein.

Derweil geht das Ermittlungsverfahren gegen den mutmaßlichen Unfallverursacher weiter. Neues – so die Magdeburger Staatsanwaltschaft gestern – gebe es allerdings nicht zu berichten. Vieles deute weiter darauf hin, dass der Führer des Güterzugs zwei Haltesignale überfahren hat. Ihm wird fahrlässige Tötung beziehungsweise Körperverletzung vorgeworfen. Ermittler gehen davon aus, dass die Staatsanwaltschaft in absehbarer Zeit Anklage erheben werde. Und: Der Beschuldigte überschaue bis heute wohl die gesamte Tragweite seines Tuns nicht.