Die Verkehrsminister der Länder treffen sich in der kommenden Woche in Potsdam. Dabei beraten sie auch darüber, ob Kfz-Kennzeichen mit alten Stadtbezeichnungen auf Wunsch wieder vergeben werden. Auch in Sachsen-Anhalt bestünde Bedarf. Doch das Verkehrsministerium ist bislang dagegen.

Magdeburg. Schon 19 Jahre ist Familie Wilke aus Farsleben (Bördekreis) mit ihrem mintfarbenen VW Golf unterwegs. Als Zweitwagen fährt Gastwirtin Sabine mit ihm noch regelmäßig einkaufen. "Aber der Rost macht ihm doch langsam zu schaffen", erzählt sie. Hartmut Kositzki schwört dagegen noch voll auf seinen alten 190er Benz. "Den habe ich 1990 wenige Tage nach der Währungsunion gekauft. Seitdem hat er mich nie im Stich gelassen", erzählt der 68 Jahre alte Steinmetz aus Colbitz. Nur die Zylinderkopfdichtung sei mal repariert worden. Und ein Katalysator musste nachgerüstet werden.

Beiden in die Jahre gekommenen Autos gemeinsam ist: Das "WMS"-Kennzeichen für den Altkreis Wolmirstedt schmückt die Fahrzeuge auf ganz eigene Art. Zwar haben die Nummernschilder schon etwas gelitten, aber ein "WMS" für Wolmirstedt auf Autokennzeichen gibt es schon seit der ersten Kreisgebietsreform nach der Wende 1994 nicht mehr. Seither wurden bei Fahrzeugwechsel in den zuständigen Straßenverkehrsbehörden ausschließlich die "WMS"-Nachfolger ausgegeben: Zunächst "OK" für Ohrekreis, seit der zweiten Kreisgebietsreform 2007 dann "BK" für Landkreis Börde.

Noch 1657 "WMS" im Land unterwegs

So exotisch, wie es auf den ersten Blick scheint, sind aber die "WMS"-Freunde nicht. Nach Angaben der Landkreisverwaltung im Bördekreis fahren immerhin noch 1657 Fahrzeuge mit "WMS"-Kennzeichen durch das Land. Auch "WZL" für Wanzleben (1291 Fahrzeuge), "HDL" für Haldensleben (2606 Fahrzeuge) und "KLZ" für Klötze (1747 Fahrzeuge) sind noch unterwegs. "KLZ"-Kennzeichen gibt es sowohl im Bestand des heutigen Altmarkkreises Salzwedel (1542), als auch im Bördekreis (205). Grund ist die Aufteilung des Altkreises Klötze 1994 in zwei verschiedene Neukreise.

Gibt es heute noch einen Bedarf, diese alten Städte-Kennzeichen wiederzubeleben? Hotel-Inhaber Bernd Rothämel aus Wolmirstedt glaubt nicht. Dabei müsste er als Oldtimer-Freund und Organisator der alljährlichen "Ohre-Classics" an "historischen wertvollen" Kennzeichen eigentlich Interesse haben. "Wichtiger wäre, wenn man nicht wegen jedem Kennzeichentausch nach Haldensleben müsste. Welches Kennzeichen am Auto hängt, ist mir letztlich egal", sagt er.

Das sehen aber nicht alle so. Kommunen in verschiedenen Ländern fordern, die bei Kreisgebietsreformen weggefallenen Kennzeichen wieder einzuführen. Aus diesem Grund wollen die Verkehrsminister der Länder auf ihrem Treffen in Potsdam am Mittwoch und Donnerstag nächster Woche unter anderem auch über dieses Thema beraten.

Vorreiter der "Bewegung" ist Sachsen. Dort haben 13 Kommunen entsprechende Anträge beim sächsischen Verkehrsministerium gestellt. So will zum Beispiel Plauen sein ungeliebtes "V" für Vogtland wieder gegen das alte "PL" tauschen. Auch Kommunen wie Hoyerswerda ("HY") oder Grimma ("GRM") möchten ihre alten Kennzeichen zurück.

In Sachsen-Anhalt betrifft es den Harz

In Sachsen-Anhalt kommen entsprechende Initiativen bislang vor allem aus der Harzregion. Dort fahren Städte wie Halberstadt ("HBS"), Wernigerode ("WR") und Quedlinburg ("QLB") seit 2007 einheitlich mit "HZ"-Kennzeichen für den neuen Landkreis Harz durch das Land. Im Frühjahr 2010 hatte die Hochschule Heilbronn im Rahmen einer Tourismus-Studie unter anderem auch Passanten in Wernigerode befragt, ob sie trotz Kreisgebietsreform ihr altes Auto-Kennzeichen wiederhaben möchten. Im Herbst 2010 wurde das Ergebnis vorgestellt: Von 221 Befragten sprachen sich 96 Prozent für die Rückkehr zu "WR" aus.

Für Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert wäre das "WR" eine kostenlose Außenwerbung. "Billiger bekommt man Werbung nicht", so der OB. Grundsätzlich wäre er für eine Rückkehr zu "WR". Aber Gaffert sieht auch die Gefahr, dass Wernigerode den Eindruck erweckt, sich gegen den Harzkreis stellen zu wollen. "Selbstverständlich wollen wir da nicht unser eigenes Süppchen kochen", sagt er.

Verkehrsminister eher zurückhaltend

Michael Ermrich (CDU), Landrat im Harzkreis, spricht sich klar gegen eine Rückkehr zu alten Kennzeichen aus. "Weil HZ auch ein Stück Kreisidentität bedeutet", so der Landrat. Ermrich privat fährt allerdings mit einem Kennzeichen umher, das sogar WR-WR gleich doppelt abbildet – ganz Lokalpatriot für seine Heimatstadt. Ein Kennzeichen-Tausch am Privat-Pkw zu "HZ" wäre laut der zuständigen Zulassungsbehörde problemlos möglich. "Aber wer macht das schon? Die meisten Autofahrer wollen ja WR behalten", so der befragte Beamte einigermaßen verdutzt.

Wird denn nun Sachsen-Anhalt bei der Verkehrsministerkonferenz zu den Ländern gehören, die sich für eine Liberalisierung bei der Kennzeichen-Vergabe stark machen? Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) antwortet ausweichend: "Ich möchte erst einmal hören, wie die Kollegen in der Sache denken. Dann werden wir sehen."

Er selbst stehe der Zulassung von alten Kennzeichen eher ablehnend gegenüber. "Ich persönlich finde, man sollte das nicht machen. Wer an seinem Auto für seine Heimatregion werben will, kann dies auch anders tun, zum Beispiel mit Aufklebern", so der Minister. Daehre befürchtet nicht nur hohe Kosten und aufwändige zusätzliche Arbeit in den Verkehrsbehörden, er sieht auch Probleme bei der Zuordnung von alten Städte-Kennzeichen. Daehre: "Nehmen Sie zum Beispiel Quedlinburg. Dörfer aus dem Umland, die früher ein QLB-Kennzeichen hatten, würden heute vielleicht lieber das HZ behalten, weil sie sich eher dem Harz als der Stadt Quedlinburg zugehörig fühlen."

Der Minister glaubt, dass neue Kennzeichen wie HZ oder BK auch überregional einen sehr viel größeren Wiedererkennungsgrad der Region haben als alte Stadtkennzeichen. "Wer im Sauerland verbindet schon QLB mit einer Stadt im Harz?" Karl-Heinz Daehre findet, dass die neuen Kennzeichen einfach ein paar Jahre Zeit brauchen, um auch beim Bürger anzukommen. "Die Kennzeichen werden in Zukunft dabei helfen, dass die neuen Landkreise besser zusammenwachsen", glaubt der Minister. Meinung

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