Die Frage einer Schulstrukturreform entwickelt sich in Sachsen-Anhalt zum Wahlkampfthema. Kultusministerin Birgitta Wolff (45, CDU) plädiert für Behutsamkeit bei Veränderungen und möchte zugleich die Alltagsarbeit von Schulen und Lehrern erleichtern. Volksstimme-Redakteur Winfried Borchert fragte sie.

Volksstimme: Frau Wolff, jüngst haben zwei Schüler beklagt, der Schwierigkeitsgrad der Mathematik-Abiturprüfung sei zu hoch. Wird Gymnasiasten zu viel abverlangt?

Birgitta Wolff: Ich fand Mathe früher auch ziemlich anstrengend und war im Studium gottfroh, dass ich verschiedene Sachen schon gehört hatte. Insofern bin ich skeptisch, jemanden darüber entscheiden zu lassen, der noch nicht weiß, was man später einmal damit anfangen kann. Als Impression nehme ich diese Wortmeldung natürlich ernst. Sie scheint mir aber bisher nicht repräsentativ für die Schülerschaft oder die Bevölkerung des Landes zu sein. Ich werde aber mit dem Landesschülerrat bei der nächsten Gelegenheit darüber sprechen.

Volksstimme: Es gibt auch Erwachsene, die meinen, nicht jeder Schulabgänger müsse ein Mathematiker sein.

Wolff: Es gibt immer eine gewisse Verführung für Schüler, gute Noten auch dadurch zu erzielen, dass sie Fächer wählen, in denen das Anspruchsniveau niedriger ist. Ich möchte aber nicht, dass Abiturienten im Studium auf die Nase fallen, weil sie vorher von Chemie, Biologie, Physik und Mathe nicht viel gehört haben. Nachdenken könnte man aber über gezielte Wahlmöglichkeiten in der Prüfung, beispielsweise Auswahlmöglichkeiten zwischen Aufgaben.

Volksstimme: Müsste man nicht auch über den Inhalt des Mathematik-Unterrichts nachdenken, über die Art der Vermittlung durch den Lehrer?

Wolff: Darüber reden wir ständig. Gerade im Fach Mathematik ist das Fort- und Weiterbildungsinteresse der Lehrkräfte ausgeprägt. Und insgesamt ist Fort- und Weiterbildung ein unerschöpfliches Feld, auch weil viele Lehrkräfte zu sehr an Fachliches denken, wir müssen aber stärker Wert auf Pädagogik legen.

Volksstimme: Eltern beklagen des Öfteren, Lehrer würden ihre Aufgabe zu sehr in Wissensvermittlung und zu wenig im Vermitteln von Kompetenzen sehen. Wird an manchen Schulen noch immer der berüchtigte "Nürnberger Trichter" angewandt?

Wolff: Das ist wirklich ein Problem und war Ausgangspunkt dafür, dass man vor Jahren an den Sekundarschulen mit der Entwicklung sogenannter kompetenzorientierter Lehrpläne begonnen hat. Die Grundidee: Das Programm wird entschlackt, und die Aufmerksamkeit der Lehrkräfte liegt nicht mehr auf der Frage, was für Stoff stopfe ich in diesen Trichter, sondern darauf, was kann der Schüler hinterher. Allerdings erfordert das massives Umdenken, das vielen Lehrkräften nicht leicht fällt.

Volksstimme: Es wird zurzeit viel über Schulstrukturen diskutiert, aber was macht eigentlich eine gute Lehrerin, einen guten Lehrer aus?

Wolff: Eine gute Ausbildung, aktuelles Wissen, sowohl fachliches, fachdidaktisches, als auch pädagogisches. Und Engagement, ein inneres Bekenntnis zu diesem Beruf als Berufung. Das ist nicht irgendein Job, sondern das muss man als persönliche Mission annehmen. Damit auch der Erziehungsaspekt von Schule nicht als belastend, sondern als schöne Aufgabe empfunden wird.

"Veränderungen in der Schulszene brauchen 7 bis 12 Jahre"

Volksstimme: Lehrern wird dies oft schwer gemacht. Viele sind mit Elan in den Beruf gestartet, der durch unsinnige Führungsentscheidungen und eine belastende Verwaltungsbürokratie zerstört wurde.

Wolff: Das ist in der Tat ein Problem. Die Lösung lautet: Mehr Eigenständigkeit von Schulen. Das fängt bei der Inanspruchnahme von Budgets, etwa für externe Lernveranstaltungen an. Zugleich sollen Schulen ein frei verfügbares Budget für Personalkosten erhalten und mehr Mitspracherechte bei Personalentscheidungen.

Volksstimme: Wann ist mit Verbesserungen zu rechnen?

Wolff: Reformen in der Schulszene dauern sieben bis zwölf Jahre. Das ist wie ein Tanker. Wenn man diesen hektisch hin- und herlenkt, kommt man ins Schlingern und verschwendet Energie. Aber man ändert nicht den Kurs, schon gar nicht kontrolliert.

Volksstimme: Das hieße, vielen der heutigen Schüler würde das nicht mehr zugute kommen.

Wolff: Vielleicht werden es nicht zwölf Jahre, sondern sechs bis sieben. Ich wende mich aber dagegen, mitten im Spiel die Regeln zu ändern. Veränderungen muss man Eltern, Schülern und Lehrkräften zuliebe behutsam vornehmen. Strukturveränderungen stellen auch für Schüler einen Unsicherheitsfaktor dar und können potenziell einen Schock auslösen. Deshalb sollte jeder Politiker seine Veränderungseuphorie im Griff haben.

Volksstimme: Mit diesem Argument ließe sich fast jede Veränderung ablehnen.

Wolff: Nein. Wichtig ist, dass man Ideen für Veränderungen mit den Betroffenen gemeinsam entwickelt und begleitet. Eine Regierung sollte schon den Eindruck vermeiden, sie wolle den Betroffenen ein neues System überstülpen.

Volksstimme: Sie spielen auf die Frage einer Schulstrukturreform an. Deren Verfechter von SPD und Linken argumentieren, in Deutschland hänge der Bildungserfolg eines Kindes stark vom sozialen Status seiner Eltern ab, und ein längeres gemeinsames Lernen könne dies ändern. Warum lehnen Sie das ab?

Wolff: Das ist ein weit verbreitetes, aber nicht belegtes Gerücht. Ich habe noch nie eine empirische Studie gesehen, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Schulstrukturen und sozialer Selektivität zeigt. Die einheitlichste Schulstruktur wird nichts daran ändern, dass Kinder aus Familien, in denen sich Eltern um ihre Kinder kümmern, bessere Chancen haben als Kinder, deren Familien sich nicht kümmern. Da ist gar nicht Geld das allein Ausschlaggebende, sondern das Engagement der Familien.

Wir haben in Sachsen-Anhalt eine Übertrittsquote von der Grundschule zum Gymnasium von 46 Prozent. Davon kommen zwar etliche Schüler nicht bis zum Abitur. Allerdings haben in Sachsen-Anhalt nur 15 Prozent der Eltern Abitur, was in der Tradition der niedrigen Abiturquote aus DDR-Zeiten herrührt. Daran ist ersichtlich, es stimmt einfach empirisch nicht, dass in Sachsen-Anhalt nur Eltern mit Abitur auch Kinder mit Abitur haben.

"Schulen brauchen mehr Mitsprache bei Geld und Personal"

Volksstimme: Um die Übergangsquote zum Gymnasium zu senken, wurde vor Jahren die sogenannte Eignungsfeststellung in der vierten Klasse eingführt. Paradoxerweise ist die Quote damit gestiegen. Wäre es nicht vernünftig, das aufwändige Verfahren wieder abzuschaffen?

Wolff: Ja, oder man könnte schauen, ob sich die Situation wieder normalisiert hat. Wenn das Verfahren einen Anlass bietet, dass Eltern und Lehrer einmal gemeinsam darüber nachdenken, welches ist für das Kind der beste zukünftige Weg, dann ist das Ziel erreicht. Wenn eine Schullaufbahnempfehlung beziehungsweise eine Eignungsfeststellung als herzloser und hirnloser Selektionsmechanismus verstanden wird, ist das Verfahren falsch.

Volksstimme: Gäbe es nicht einfachere Verfahren, damit Eltern und Lehrer ins Gespräch kommen?

Wolff: Manchmal braucht man einen künstlich geschaffenen Anlass, und das ist zweifellos die Schwelle von der Grundschule in die nächste Schule. Dass Eltern und Lehrer von der Einschulung bis zum Schulabschluss ständig engen Kontakt halten, ist ein frommer Wunsch, der sich leider nicht immer erfüllt. Es gibt deshalb sogar Leute, die fordern, Lehrkräfte sollten zu Hausbesuchen verpflichtet werden …

Volksstimme: … klingt vernünftig…

Wolff: … ja, aber reden Sie darüber mal mit Lehrkräften. Viele Lehrkräfte sehen ihre Aufgabe noch immer sehr stark klassenraumzentriert. Zugleich sind Hausbesuche auch nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Ich halte regelmäßige Lehrer-Hausbesuche für wünschenswert, weiß aber nicht, ob man sie vorschreiben sollte. Der aktuelle Trend ist, dass Schulsozialarbeiter Hausbesuche machen. Ich möchte auch deshalb die Schulsozialarbeit stärken. Bis auf die FDP sind sich da, glaube ich, auch alle Parteien im Land einig.

Volksstimme: Die Verfechter einer Schulstrukturreform argumentieren, vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien könnten sich am Gymnasium nicht durchsetzen. Darum müsse man das System ändern.

Wolff: Ich bin nicht gegen sinvolle Veränderungen, wenn diese behutsam und gemeinsam mit allen Beteiligten geschehen. Es gibt zwei Beispiele, wie man es nicht macht: Die Förderstufe, die überhastet und schlecht vorbereitet eingeführt und beim nächsten Regierungswechsel gleich wieder abgeschafft wurde. Und die Einführung des 13. Schuljahres an den Gymnasien, die beim nächsten Regierungswechsel ebenfalls wieder verschwand. So etwas ist für das Schulsystem immer hinderlich. Die Länder, die bei den internationalen PISA-Vergleichsstudien immer ganz oben stehen, haben eines gemeinsam: Relativ stabile Regierungen und keine erratischen (umherirrenden – d.Red.) Bewegungen in ihrer Schulpolitik. Die Länder, die dagegen ständig herumexperimentieren, stehen interessanterweise bei PISA ganz unten, wenngleich man das sicherlich nicht monokausal sehen darf.

Eine Gemeinschaftsschule beziehungsweise Allgemeine Oberschule einzuführen, in der alle bis zur achten Klasse lernen, sagt sich leicht, doch dabei kommt es sehr auf Details an.

Volksstimme: Zum Beispiel?

Wolff: Wo will man diese Schule ansiedeln, an den Gymnasien, an den Sekundarschulen oder Grundschulen? Mit welchen Lehrern will man arbeiten? Wie will man den zusätzlichen Raumbedarf decken? Wie geht man damit um, dass an anderen Schulen die Schülerzahlen abnehmen, will man diese dann schließen? Die Verfechter sagen, sie wollten die Gemeinschaftsschule auf freiwilliger Basis einführen. Diese Möglichkeit gibt es bereits. Ich befürchte, dass sich die Verfechter damit nicht zufriedengeben werden, wenn sich nicht genug Schulen freiwillig melden. So hat die SPD das jedenfalls in Thüringen gemacht und Gymnasien dann unter Druck gesetzt. So etwas will ich in Sachsen-Anhalt vermeiden.

Volksstimme: Tatsache ist, viele Eltern haben regelrecht Angst davor, ihr Kind habe schlechtere Berufschancen, wenn es auf die Sekundarschule statt aufs Gymnasium geht.

Wolff: Solche Ängste wollen wir abbauen. Die Sekundarschule ist keine schlechtere Schule als das Gymnasium, sondern eine andere. Wir müssen die vertikale Durchlässigkeit des Systems verbessern. Sie ist aber schon jetzt größer, als viele glauben. Im Jahr 2009 haben 979 Schüler ihre Hochschulreife auf dem Fachgymnasium erworben, 1544 auf der Fachoberschule. Ebenso muss es gesellschaftlich akzeptiert werden, wenn ein Abiturient anschließend eine Lehre macht. Das ist keine Ressourcenverschwendung. Er könnte ja auch noch 20 Jahre, nachdem er seine Lehre gemacht hat, berufsbegleitend oder sonstwie auf eine Hochschule gehen. Umgekehrt muss genauso klar sein, dass auch ein Schüler, der nach der 9. oder 10. Klasse vielleicht auch erst eine Lehre macht, genauso mit 35 oder 40 Jahren seine Hochschul-Zugangsberechtigung nachholen kann oder über andere Zugangswege an eine Hochschule kommt, zum Beispiel über Eingangstests. Das ist im aktuellen Landes-Hochschulgesetz schon möglich und funktioniert wunderbar, muss aber noch massiv weiterentwickelt und ausgebaut werden.

"Regelmäßige Hausbesuche von Lehrern wünschenswert"

Volksstimme: Kritisiert wird immer wieder, dass es selbst gute Sekundarschüler sehr schwer haben, nach einem Wechsel aufs Gymnasium zu bestehen. Wie wollen Sie das erleichtern?

Wolff: Es ist tatsächlich immer schwierig, mitten im Spiel zu wechseln. Ich würde einem guten Sekundarschüler immer empfehlen, erst einmal seinen Sekundarschulabschluss zu machen und dann das Abitur anzustreben.

Volksstimme: Wenn man Ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, Sie würden gern Kultusministerin bleiben, oder?

Wolff: Ja, ich würde dieses Amt sehr gerne weiter ausüben. Aber darüber entscheidet zunächst der Wähler am 20. März und entscheiden danach die Koalitionsverhandlungen. Insofern ist mir klar, dass es auf dem Weg zu einer eventuellen Verlängerung dieses Amtes zwei Prüfsteine gibt, und das ist auch okay.