Naumburg (epd). Für so manchen Naumburg-Besucher war der Rundgang durch den Dom in letzter Zeit eine Enttäuschung. Die Suche nach den berühmten Stifterfiguren im westlichen Altarraum endete in den vergangenen Jahren vor meterhohen Gerüsten, die den Blick auf die mittelalterlichen Plastiken verstellten. Die Einbauten waren seit Mitte 2009 der vorübergehende Arbeitsplatz für Forscher. Ende Februar soll das Gerüst fallen. Doch zuvor können eine Woche lang interessierte Laien hinaufsteigen und das monumentale Figurenensemble aus der Nähe betrachten.

"So nah werden die Besucher Uta von Naumburg nie wieder sein", schwärmt der Dresdner Hochschulprofessor und Restaurator Ulrich Schießl. Er ist Sprecher des Forschungsprojekts "Naumburg Kolleg", an dem elf Doktoranden aus sechs verschiedenen Fachbereichen von mehreren Universitäten beteiligt sind. 1,5 Millionen Euro, gespendet von der Volkswagen-Stiftung, stehen den Wissenschaftlern zur Verfügung.

Im Mittelpunkt des Projekts stehen Entstehung, Bedeutung und Funktion des Westchores mit den zwölf lebensgroßen Stifterfiguren und dem Relief zur biblischen Passionsgeschichte am Lettner. Dabei arbeiten die Forscher mit hochmodernen Laseranalysen per Computer, die den Stein weder beschädigen noch zerstören. Bis Mitte 2012 sollen die Ergebnisse ihrer Arbeit im Dom vorliegen.

Der Naumburger Dom ist eines der bedeutendsten Sakralbauwerke in Deutschland. Besonders der Altarraum an der Westseite mit den Stein- skulpturen verleihe dem Baudenkmal weltweit einzigartige Bedeutung, erläutert der Projektsprecher. Dessen Urheberschaft liegt jedoch im Dunkeln. Ähnlich wie die Landesausstellung Sachsen-Anhalts ab 29. Juni will deshalb auch das Graduiertenkolleg dem unbekannten "Naumburger Meister" und dem Geheimnis seiner Steinskulpturen etwas näher kommen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass der bislang namenlose Architekt und Steinbildhauer in der Mitte des 13. Jahrhunderts nach Naumburg kam. Dort leitete er im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

Bei den aktuellen Forschungen untersuchten die Fachleute von Hochschulen in Dresden, Leipzig, München und Münster die ursprüngliche Farbigkeit der Steinskulpturen und ihr Material, das Wechselspiel von Architektur und Skulptur sowie ihren Rang in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte, berichtet Projektsprecher Schießl. Untersucht würden zudem die Finanzierung und Organisation des damaligen Kirchenbaus und die Bedeutung des Domkapitels, das 968 in Zeitz gegründet wurde und seinen Bischofssitz 1030 nach Naumburg verlegte. Im Mittelalter sei das Kapitel eine der wichtigsten geistlichen Institutionen in Mitteldeutschland gewesen.