Gustav-Adolf "Täve" Schur, kurz vor dem Ende der DDR als deren populärster Sportler gekürt, wird morgen 80. Persönlich gratulieren wird ihm allerdings nur seine Familie, denn der Jubilar hat sich für einen Tag ins Privatleben zurückgezogen. Dafür soll’s am Sonnabend so richtig krachen. In Kleinmühlingen, dem Standort des Friedensfahrt-Museums, werden hunderte Gäste zur "Täve-Gala" erwartet.

Magdeburg. Was haben Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Stefanie Graf, was der zweifache Straßenradsport-Weltmeister Gustav-Adolf Schur nicht hat? Eine einwandfreie deutsche Biografie etwa?

Immerhin, seit März 2010 zieht sich das Aufnahmeverfahren der ostdeutschen Sportlegende mittlerweile hin. Größtes "Hindernis" ist offensichtlich die immer noch ausstehende Auskunft der Birthler-Behörde über den "Stasi-Persilschein" des populärsten Sportlers der untergegangenen DDR.

Dabei machen es die Leitgedanken der (verständlicherweise von Aktiven aus der Alt-Bundesrepublik dominierten) Einrichtung so einfach. Dort heißt es in Paragraf 45: "Die Hall of Fame des deutschen Sports ist ein Forum der Erinnerung an Menschen, die durch ihren Erfolg im Wettkampf und durch ihren Einsatz für die Ideen des Sports Geschichte geschrieben haben. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe möchte mit der von ihr gegründeten Einrichtung mithelfen, die mehr als hundertjährige Geschichte des deutschen Sports und seiner großen Persönlichkeiten im Gedächtnis unseres Landes zu bewahren und gleichzeitig Diskussionen über diese Vergangenheit anzuregen."

Täve – keine "große Persönlichkeit des deutschen Sports"? Wo stecken da Erinnerungslücken? Was also hält die Juroren davon ab, dem in Heyrothsberge lebenden ehemaligen Radrenner diese außerordentliche Ehre zuteil werden zu lassen?

Ganz einfach: Seit fast einem Jahr steht eine Antwort der Birthler-Behörde auf eine entsprechende Anfrage aus. Dabei musste sich Schur in den vergangenen 21 Jahren bereits viermal einer Überprüfung seiner DDR-Vergangenheit stellen – zuletzt, als er 1998 für die PDS in den Deutschen Bundestag eingezogen war …

"Man wird älter, weil man sich zu wenig bewegt"

In Täves kleinem Arbeitszimmer türmen sich immer noch Briefe mit Anfragen, Autogrammwünschen sowie stapelweise Zeitungsausschnitte – der bekennende Linke hat neben der Volksstimme die "Junge Welt" und das "Neue Deutschland" abonniert. Der Terminkalender des Nimmermüden quillt immer noch über: Buchlesungen (am Donnerstag kommt seine neueste Autobiografie "Täve" in den Handel), Präsidiums-Sitzungen des Landes-Sportbundes (dessen Ehrenpräsident er ist), Gruppenführungen durch das Friedensfahrt-Museum (Täve ist Kuratoriums-Chef) und zu seiner ganz speziellen Freude am 7. Mai der Startschuss zur Kleinen Friedensfahrt in Salzwedel bestimmen auch im morgen beginnenden 81. Lebensjahr seinen Tages-, Wochen- und Monatsrhythmus, und er sagt: "Alle privaten Termine müssen sich daran ausrichten."

Seine zahlreichen Ehrenämter als Mitglied des Gemeinderates der Einheitsgemeinde Biederitz, Vorsitzender der Basis-Organisation der Partei Die Linke, Ehrenpräsident des Landes-Sportbundes, Ehrenmitglied des Landesvorstandes der Volkssolidarität und Vorsitzender des Kuratoriums Friedensfahrt lassen Täve selbst in einem Alter, da es sich die überwiegende Mehrheit seiner Altersgenossen im Lehnstuhl bequem macht, kaum einen Abend im heimischen Fernsehsessel Platz nehmen.

Getreu seinem Lebensmotto "Man bewegt sich nicht weniger, weil man alt wird, sondern man wird alt, weil man sich zu wenig bewegt", ist Täve noch immer einmal pro Woche auf seiner Karbon-Rennmaschine, einem Geschenk seines Sohnes Gus-Erik zum 75., zusammen mit seinem langjährigen Freund Wolfgang Lichtenberg auf Achse. Beide Rad-Enthusiasten machen kommenden Monat auf Mallorca, dort, wo sich aktive Radrenner für ihre Saison präparieren, eine Woche Urlaub – und wollen auf der Frühlingsinsel so um die 1000 Kilometer "strampeln". Wenigstens dreimal pro Woche bringt Täve ("Autofahren ist verlorene Lebenszeit") seinen Kreislauf mit Ausdauertraining in Schwung.

Allerdings – und diese Überlegungen sind selbst einem langjährigen Täve-Kenner neu – will sich der Unermüdliche künftig deutlich mehr seiner Familie, Ehefrau Renate sowie den vier erwachsenen Kindern und vor allem den sieben Enkelkindern widmen: "Ich habe mir einen Ferienkalender angeschafft, damit ich wenigstens in den Schulferien zu Hause bin, wenn wir die Enkel in Heyrothsberge betreuen."

Am Sonnabend aber wird es "krachen", ist sich Täve gewiss, der seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit steht, das zwar genießt, es aber immer mehr als "notwendiges Übel" erachtet. In der Sporthalle von Kleinmühlingen im Salzlandkreis, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Friedensfahrt-Museum, wird die Gala zu Täves Jubiläum vorbereitet. Dem organisierenden Bundesvorstand seiner Partei Die Linke hat Schur "so etwa 100 Adressen angegeben". Er selbst rechnet vorsichtig mit "über 200 Gästen".

Geschenke zu seinem 80. wünscht er sich nicht. Seine Gratulantenschar bittet der Jubilar traditionell, Geld auf das Spendenkonto für das Friedensfahrt-Museum zu überweisen. Doch wer Täve kennt, weiß, dass zu seinen runden Geburtstagen stets eine überdimensionale Sammelbüchse für Bares auch am Eingang zum Festsaal bereitstehen wird.

"Täve", dem man seine acht Lebensjahrzehnte nicht im Geringsten ansieht, kann man getrost zutrauen, dass sein Wunsch, 100 zu werden, eintrifft. Bis dahin – und das wäre ein verdienter Etappensieg – sollte doch wohl die Stasi-Unterlagen-Behörde ihre akribischen Nachforschungen beendet und dem Kämpfer aus dem Osten freie Bahn für seine Aufnahme in den "Olymp des Deutschen Sports" geben …

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