Braucht Sachsen-Anhalt eine Gemeinschaftsschule? Eine solide Mehrheit von 60 Prozent der Volksstimme-Leser stimmte gestern beim TED mit Ja. SPD, Linke und Grüne wollen die neue Schulform etablieren, so dass die Schüler praktisch von der 1. bis zur 10. oder 12. Klasse gemeinsam lernen können. CDU und FDP wollen hingegen am gegliederten Schulsystem festhalten.

Magdeburg (js/wb/ig/ne). Viele Leser finden die Gemeinschaftsschule sympathisch, da sie sich dadurch kürzere Schulwege versprechen. "Gerade auf dem flachen Lande sind die Schulwege lang und die Schulbusse oft überfüllt", sagte Karin Schultz aus dem Landkreis Stendal. Eine Mutter von drei Kindern meinte, Gemeinschaftsschulen könnten mehr Angebote unterbreiten, als dies die kleinen Landschulen vermögen. Karin Lubatsch aus Oebisfelde und Charlotte Köppe aus Magdeburg erwarten pä-dagogische und psychologische Vorteile, da sich Kinder, die nicht aufs Gymnasium dürfen, zurückgesetzt fühlten. Andere Leser, wie Frank Walter aus Salzwedel, hielten entgegen, dass man in jedem System gute Schule machen könne – entscheidend dafür seien gut ausgebildete und motivierte Lehrer.

Zum Thema Gemeinschaftsschule hatte die Volksstimme auch zu einem Streitgespräch in die Redaktion geladen. Den Fragen stellten sich Thomas Lippmann, Landeschef der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung GEW, sowie Jürgen Mannke, Landesvorsitzender des Philologenverbands. Lippmann befürwortete klar die Gemeinschaftsschule, Mannke lehnte sie ab. Auch Lippmann argumentierte mit dem Vorteil kürzerer Schulwege. Zudem beende die Gemeinschaftsschule die seiner Ansicht nach unsägliche Praxis, Kinder nach der vierten Klasse abhängig von ihrer Note auf Gymnasien und Sekundarschulen aufzuteilen, sagte Lippmann. "Derzeit bleiben die Schüler, die es eben nicht ans Gymnasium schaffen, in der Sekundarschule. Wenn aber problembeladene Kinder in einer Klasse konzentriert werden, entsteht kein förderliches Klima." Dagegen könnten auch noch so gute Lehrer nicht viel ausrichten, meinte der GEW-Chef. "Das muss sich ändern."

Mannke sprach sich gegen Gemeinschaftsschulen in Deutschland aus. Eine solche Schulform funktioniere in Finnland, wo aber deutlich mehr Personal und Geld in die Bildung gesteckt würde und es wesentlich kleinere Klassen gebe. "Eine gleichartige Ausstattung in Deutschland hielte ich zwar für wünschenswert, ist aber illusorisch." In einer Klasse mit 25 und mehr Schülern sei es nahezu unmöglich, schwache und starke Schüler gleichermaßen zu fördern. "Es gibt bereits genügend verschiedene Schulformen, um jedes Kind seinen Begabungen und Fertigkeiten entsprechend auszubilden. Eine Gemeinschaftsschule lehne ich daher ab."

Das gesamte Streitgespräch lesen Sie am Freitag in der Volksstimme. Lesermeinungen zum Thema finden Sie heute auf der Leserseite IV

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