Seit 2006 gibt es in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen den Nationalpark Harz. Heute werden beide Umweltminister den ersten gemeinsamen Nationalparkplan für das erste länderübergreifende Schutzgebiet unterzeichnen. Mit Natio- nalparkchef Andreas Pusch war Volksstimme-Redakteur Tom Koch im Gespräch.

Volksstimme: Ihre Bilanz nach fünf Jahren gemeinsamem Harzer Nationalpark: Sind die Unterschiede zwischen Ost und West zu sehr betont worden?

Andreas Pusch: Nach der Fusion ist oftmals ein falsches Bild vermittelt worden. Hier die vollständige Ruhe, dort werden alle Bäume umgehackt. Das stimmte und stimmt natürlich nicht, aber die Debatte hat das Zusammenwachsen, das Miteinander nicht befördert.

Volksstimme: Was steht im ersten länderübergreifenden Nationalparkplan?

Pusch: Er beschreibt den aktuellen Zustand, enthält Konzepte und legt unsere Planungen bis 2021 fest. Bislang galten jeweils die Pläne aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Mit der Fusion erhielten wir den Auftrag, binnen fünf Jahren ein gemeinsames Papier vorzulegen, das haben wir jetzt getan.

Volksstimme: Worin unterscheidet sich das neue Papier?

Pusch: Vor allem in wichtigen Details, beispielsweise waren in der Vergangenheit eher Ausnahmen für Eingriffe in den Kernzonen möglich. Von nun an wollen wir noch konsequenter handeln, um unser wichtiges Ziel erreichen zu können: den Prozessschutz auf drei Vierteln der Nationalpark-Fläche.

Volksstimme: Was ist darunter zu verstehen?

Pusch: Die Natur Natur sein lassen. Auf 75 Prozent der Fläche des knapp 25 000 Hektar großen Parks wird der Mensch zum Beobachter und greift dann auch nicht mehr aktiv in die Vorgänge der Natur ein. Bereits 2007 haben wir das als Ziel formuliert und gesagt, das wollen wir bis 2022 erreichen.

Volksstimme: Wie ist der Stand heute?

Pusch: Im Fusionsjahr waren 41 Prozent unserer Fläche als Naturdynamikzone ausgewiesen, dazu wurde früher Kernzone gesagt. Jetzt sind es mehr als 52 Prozent, 2799 Hektar Fläche sind hinzugekommen, auf denen die Naturvorgänge ungestört ablaufen können. Wir liegen also voll auf Kurs.

Volksstimme: Fünf Jahre Nationalpark, da gab es Kritik an der Jagd, Mobbing-Vorwürfe, Ärger mit dem Borken-Käfer und im Vorjahr zahlreiche Wandbrände an den Gleisen der Harzer Schmalspurbahn. Inwieweit zu Recht?

Pusch: Keine Bange, mit sachlicher Kritik weiß ich sehr wohl umzugehen, allerdings war nach meiner Einschätzung nicht jede Wortmeldung als sachlich einzuordnen. Ein Gedanke zum Borkenkäfer: Die Diskussion hat sich entspannt, auch um Kahlflächen in einem einstigen reinen Fichtenwald wie am Ilsenburger Meineberg. Dieser ist längst wieder bewachsen, Birke, Buche, Eberesche und Fichte haben sich angesiedelt. Schon in diesem Sommer werde ich mich dort als Wanderer in einem Birkenwald verstecken können.

Volksstimme: Ein Blick nach vorn: Auf dem Wurmberg sind millionenschwere touristische Investitionen geplant, noch größere im Brockenort Schierke – beides unmittelbare Nachbarn des Nationalparks. Wie stehen Sie zu diesen Projekten?

Pusch: Beide Vorhaben berühren keine unserer Flächen. Wir sind keine Gegner von neuen touristischen Angeboten im Harz auf dafür vorgesehenen Flächen. Allerdings sage ich deutlich, neue Skipisten soll es im Nationalpark nicht geben.

Volksstimme: Herr Pusch, im gemeinsamen Plan steht, weite Areale des Nationalparks sich künftig selbst zu überlassen. Auf diese Weise wird ein Teil des Harzes wieder zum Urwald – mit dem Wolf?

Pusch: Ich bin mir sicher, dass der erste freilebende Wolf früher oder später im Harz auftauchen wird. Ich halte das für einen Gewinn, wir werben dafür, dass das ein Grund zur Freude ist.