Er ist der einzige General Sachsen-Anhalts. Das steht fest. Aber bei der Anrede wird es schon kompliziert: Herr Doktor? Herr General? Herr Generalarzt? Oder einfach nur Herr Tempel? "Doktortitel gibt‘s in der Bundeswehr nicht", schmunzelt der Kommandeur des Sanitätskommandos Weißenfels vielsagend ...

Weißenfels. Doch zu zu Gutenberg will sich Dr. Michael Tempel nicht äußern. Weder als Mensch noch als Bundeswehrangehöriger. Er habe zwar eine persönliche Meinung zu Plagiatsvorwürfen gegen den Verteidigungsminister, aber der Respekt vor dem Dienstherrn gebiete Zurückhaltung. "Und nur zu sagen: Ich halte den Minister für einen guten Mann an der Ministeriumsspitze, das ist doch platt", wischt er das Thema vom Tisch.

Es war zumindest ein Versuch!

Der General ist der einzige General Sachsen-Anhalts. "Schreiben Sie nicht ,der letzte‘. Das würde ja bedeuten, dass Weißenfels aufgelöst wird. Und das wollen wir ja wohl alle nicht."

Das nächste heiße Eisen. Die Bundeswehrstrukturreform und die Unter-der-Decke-Diskussion um Bestand oder Abwicklung von Standorten.

Planspiele machen die Runde. Von wem? Achselzucken. Nur so viel: "Als vor wenigen Tagen durch die Presse geisterte, dass Weißenfels möglicherweise wackelt, habe ich viele Anrufe aus Bonn und Berlin (Verteidigungsministerium, d. Red.) bekommen. Und musste eine Menge Fragen beantworten.

"Weißenfels, da habe ich ein gutes Bauchgefühl"

Weißenfels als Sanitäts-Kaserne mit rund 1250 Soldaten und 250 Zivilkräften ist in die Diskussion geraten, weil zum Sanitätskommando III unter anderem auch das Bundeswehrkrankenhaus Berlin und das Lazarettregiment 31 in Berlin-Kladow gehören. Es macht die Runde, dass das Sanitätsregiment 32 Weißenfels deshalb "aus logistischen Gründen" nach Berlin unter das Dach des Schwesterregiments befohlen werden könnte. Was Weißenfels theoretisch beerdigen würde. Und das bei einer Hauptstadt-Liegenschaft, von der selbst die Berliner nicht gerade in den höchsten Tönen schwärmen. Wo hingegen in Weißenfels in den vergangenen Jahren rund sechs Millionen Euro verbaut wurden.

Tempel: "Das ist ein logisches Argument, aber kein schlüssiges." Der 56-Jährige mit Eichenlaub und Äskulap-Stab auf der Uniform erklärt: "Es wäre nicht das erste Bundeswehrobjekt, das teuer saniert wurde, um es danach besser verkaufen zu können."

Trotzdem hat der General in Bezug auf Weißenfels "ein gutes Bauchgefühl". Auch deshalb, weil es eine gute Verkehrsanbindung – A14, Flugplatz und Bahn – und ein klares Bekenntnis des Landes zu den stationierten Einheiten gebe.

"Der Standort Weißenfels wurde in den Landesförderungsplan aufgenommen. Das ist nicht nur ein deutlicher Fingerzeig aus Magdeburg, sondern auch bundesweit ziemlich selten." Wenn er entscheiden könnte, würde er sich für das Sanitätsregiment in der Stadt im Burgenlandkreis entscheiden, aber ...

"Die Sprachreglung war damals noch eine andere"

Der Generalarzt hat Auslandserfahrung – rund 700 Einsatztage. Die erste sammelte er als Kommandeur des Deutschen Feldkrankenhauses in Phnom Penh (Kambodscha) 1993 und 1994. In diesem Einsatz fiel auch der erste getötete deutsche Soldat. "Die Sprachregelung war damals noch eine andere. Der 26 Jahre alte Sanitätsfeldwebel war am 14. Oktober 1993 in seinem Jeep von einem Mann, der auf einem Moped nebenher fuhr, erschossen worden. Offiziell hieß es: Tod durch eine kriminelle Handlung."

Er selbst sei beim selben UNTAC-Einsatz (Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen in Kambodscha) auch beschossen worden. "Der Knall war erst zu hören, als es eingeschlagen hatte."

In Kambodscha und beim Einsatz danach in Somalia habe man Fehler gemacht, räumt der höchste Dienstgrad Sachsen-Anhalts ein. "Wir haben den Menschen dort mit High-Tech-Medizin geholfen. Ein viertel Jahr später sind wir wieder abgerückt und haben die Bevölkerung in einem medizinischen Vakuum zurückgelassen."

Doch habe man aus den Fehlern gelernt. "Hilfe zur Selbsthilfe bedeute im Falle des Sanitätsdienstes, dass wir unter anderem einheimische Ärzte vor Ort anleiten."

Tempel bricht eine Lanze für "Medizin auf höchstem Niveau beim Auslandseinsatz. Die Maxime lautet: Jedem Soldaten im Ausland – ganz gleich, ob er verwundet, verletzt oder erkrankt ist – steht eine Behandlung nach deutschem Heimatstandard zu". Natürlich sei der "Airbus als fliegende Intensivstation" teuer. "Aber es wird nicht dazu kommen, dass kranke Soldaten mit dem ADAC ausgeflogen werden. An diesem Prinzip wird nicht gerüttelt."

Auch, dass Spezialisten in Feldlazaretten wie dem im afghanischen Masar-i-Sharif vorgehalten werden, die nicht jeden Tag Patienten hätten, gehöre zur medizinischen Einsatzstrategie der Bundeswehr.

Der gelernte Chirurg sagt, dass die Feuergefechte in Afghanistan mit keinem anderen Einsatz der Vergangenheit zu vergleichen seien. Und mit Blick auf das Sanitätspersonal: "Wir kämpfen um jede Gesundheit, um jedes Leben." Und er bezieht dabei ausdrücklich alle Seiten ein. "Das verlangt einfach der hippokratische Eid." Auch, wenn ein Taliban auf der Trage liege, werde diesem Menschen geholfen. Der 56-Jährige gibt allerdings zu, dass es schwer falle, "einem Terroristen medizinisch zu helfen, dessen Komplize gerade ISAF-Soldaten in die Luft gesprengt hat".

Vehement wehrt er sich gegen den Begriff "Kriegschirurgie". Er bevorzuge "Einsatzchirurgie". Kriegschirurgie sei in den Köpfen zu sehr mit Amputationen behaftet und habe mit der heutigen Arbeit der Ärzte kaum noch etwas zu tun.

"Na ja, Sanitäter machen ja auch keinen Krach"

Tempel, der gebürtige Baden-Württemberger, lebt seit September 2007 im Burgenlandkreis. Und der Mann, den sein Beruf während der vergangenen 38 Jahre quer durch Deutschland gehetzt hat, schwärmt von der Region im Süden Sachsen-Anhalts. "Die Menschen sind offen und freundlich, wenn es ums Militär geht", sagt er. "Na ja Sanitäter machen ja auch keinen Krach und schießen wenig."

Die Truppe habe in Region und Land einen "verlässlichen Partner. Ganz gleich, ob die Oberbürgermeister in Weißenfels und Naumburg, der Landrat oder die Landesregierung. Die Bundeswehr lebt in der Region, die Region lebt mit uns und auch ein wenig von uns. Gelebte Kontakte", nennt er die Beziehungen Bund-Region.

Dass die Bundeswehr so gut gelitten ist, das sei längst nicht überall so. "Anders, als in manchen alten Bundesländern kann man sich hier abends in Uniform auf die Straße wagen."

Der General schiebt auch gleich eine Begründung nach: "Das liegt wohl daran, dass die Verschmelzung von Bundeswehr und Volksarmee ausgesprochen gut abgelaufen ist." Die Herausforderungen dieser Jahrhundertaufgabe sei "gut gemeistert" worden.

Tempel ist praktizierender Wahl-Ossi. "Wenn ich in den alten Bundesländern solchen Blödsinn über die neuen Länder höre wie ,Dunkeldeutschland‘, halte ich sofort dagegen." Und manchmal müsse er als "militanter Vertreter des Ostens" noch deutlicher werden, wenn es um Kunst und Kultur gehe. "Ich sage dann: Goethe ist zwar in Frankfurt am Main geboren worden, aber studiert, gelebt und gearbeitet hat er in Leipzig beziehungsweise Weimar."

"Möchte noch ein Weilchen das tun, was ich jetzt tue"

Der Genralarzt zeigt auf ein Fahnenband, das an der Truppenfahne hängt. Auf dem gold-schwarzen Stoff steht: "Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt".

"Als es hieß, das Land vergibt diese höchste Ehrung, die es für eine Bundeswehreinheit vergeben kann, habe ich gedacht, dass der Innenstaatssekretär nach Weißenfals kommt – höchstens der Innenminister." Doch die Staatskanzlei habe ihm mitgeteilt: Nein, nein, das macht der MP selbst. "Na, wenn das kein Beweis ist, wie das Land und der Ministerpräsident selbst zur Bundeswehr in Sachsen-Anhalt stehen?"

Die nächste Zeit bringe neue Herausforderungen. "Wir haben bisher 30 Prozent unserer Soldaten und Unteroffiziere aus Wehrpflichtigen rekrutiert." Nun müssten auch die Sanitäter mit der Wirtschaft konkurieren. "Jungen Menschen unserer Region, die über den Kasernenzaun schauen, müssen wir attraktive Arbeitsplätze anbieten."

Was er für Zukunftswünsche hat, daraus macht Tempel kein Hehl: "Ich möchte eigentlich noch ein Weilchen das tun, was ich zur Zeit tue. Dass der Standort Weißenfels in dieser Blüte wie jetzt weiter existiert, eingebettet in die Region, das möge noch viele Tage so bleiben."

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