Die 25 getöteten Schafe auf einer Koppel in Gollbogen (Anhalt-Bitterfeld) sind am zurückliegenden Wochenende der Attacke eines Wolfsrudels zum Opfer gefallen. Dies ergaben gestern Bissuntersuchungen. In den Dörfern nahe Altengrabow, wo die Wölfe leben, fürchten Bewohner auch Übergriffe auf Menschen. Experten halten das für unwahrscheinlich.

Zerbst. "Wenn das wirklich Wölfe waren, dann geh‘ ich ab sofort nicht mehr in den Busch!" Im Dobritzer Konsum schlagen die Wellen hoch am Montagmorgen. Chefin Martina Heise hat es mit der Angst bekommen. "Mensch, die werden dir schon nichts tun", beschwichtigt Ehemann Helge. Die beiden führen den Laden, und seit dem frühen Morgen gibt es zwischen Milch und Brötchen nur ein Thema: Einen Kilometer von der Eingangstür entfernt haben Wölfe 25 Schafe getötet.

Die Gegend ist flach wie ein Teller. Felder, Wald, etliche Weiden. Dünn besiedelt, das Straßennetz ist grob. Hier geht es in den Fläming. Und der hat seit zwei Jahren Wölfe. Drüben in Nedlitz, Luftlinie zehn Kilometer, ist vor zwei Jahren erstmals wieder nach vielen wolfs-losen Jahrzehnten ein Schaf gerissen worden. Martina Heise: "Also von den Lebenden hier in der Gegend hatte keiner jemals mit einem Wolf zu tun. Wenn es nach mir ginge, dann sollte das so bleiben. Die Wölfe gehören hier nicht her."

In Gollbogen selbst, wo es neben der Schäferei von Marcus Jungnickel fünf Gehöfte gibt, herrscht die gleiche Unruhe. "So dicht an den Häusern, da bekommt man unweigerlich Angst!", meint Renate Jungnickel. Die Herde gehört ihrem Sohn, bis vor zwei Jahren ihrem verstorbenen Lebensgefährten. "So etwas hat es ja noch nie gegeben. Die müssen weg! Die waren jetzt einmal hier, die kommen wieder", befürchtet die Frau. Und: "Wir haben hier auch Schulkinder, die morgens auf den Bus warten."

Experte recht sicher: Das waren Wölfe

Unterdessen machte sich gestern Vormittag Andreas Rößler, Leiter des Naturschutzamtes in Anhalt-Bitterfeld, selbst ein Bild. Von Amts wegen und als passionierter Jäger lässt er keine Möglichkeit aus, sich mit den Wölfen zu befassen. Jüngst erst war er in der Lausitz bei einem Seminar zu Wolfsrissen an Nutztieren. "Ich bin ziemlich sicher, 90 Prozent sag ich mal: Das war eine Gruppe Wölfe." Schleifspuren von der Weide zu einem Gebüsch habe er ausgemacht. "Typisch Wolf." Und dann die Bissspuren an den Kadavern sowie den fünf attackierten, aber überlebenden Mutterschafen. "Die Durchmesser, die Hämatome, die Art der Bissverletzungen – das stammt von Wölfen."

Vollständig festlegen will sich Rößler, dessen Gutachten im Landwirtschafts- und Umweltministerium ausschlaggebend für Entschädigungsleistungen sein wird, jedoch nicht. Veterinärärzte würden versuchen, separate Speichelspuren an den Kadavern aufzunehmen. "Dann können wir eine DNA-Analyse veranlassen und hätten einen 100-prozentigen Beweis." Die Hoffnung darauf sei "bestenfalls vage. Es muss eine ganz saubere Speichelprobe sein. Wo will man die nehmen an Kadavern, die schon mehrfach hin- und hergeladen wurden?"

Das hat Schäfer Jungnickel nicht ahnen können, als er am Sonntagmorgen auf die Weide kam. 25 tote Schafe, die mochte er nicht einfach den Krähen überlassen. Der materielle Schaden umfasst mehrere tausend Euro. "Das waren alles ausgewachsene, trächtige Muttertiere, die einen Wert zwischen 200 und 250 Euro haben. Der ebenfalls getötete Zuchtbock kostet etwa 400 Euro." Um eine Entschädigungszahlung hat sich Schäfer Jungnickel bislang noch nicht selbst gekümmert.

Aber sie steht ihm zu. "Seit der Novellierung des Naturschutzgesetzes von Sachsen-Anhalt 2010 sind Entschädigungen, wenn Nutztiere von Wölfen gerissen wurden, ausdrücklich vorgesehen", so Detlef Thiel, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums. Die Höhe der Zahlung sei vom Einzelfall abhängig. Sie könne auch die komplette Schadenssumme umfassen. "Es wird berücksichtigt, in welchem Umfang der Schäfer vorbeugende Maßnahmen gegen Wolfsübergriffe getroffen hat", so Thiel.

Solche Maßnahmen zu treffen empfiehlt auch der Wolfsbeauftragte von Altengrabow, Klaus Puffer. "Es gibt Herdenschutzhunde, die von kleinauf mit den Schafen aufwachsen und sie als ihresgleichen ansehen. Wenn Wölfe kommen, verteidigen diese Hunde die Schafe." Einen guten Schutz bieten auch Elektroweidenzäune und Anhängsel an den Zäunen, die Geräusche verursachen. In der Lausitz, wo mit sieben Rudeln die meisten Wölfe in Deutschland leben, seien mit solchen Maßnahmen die Übergriffe auf Schafherden erheblich zurückgegangen. Puffer: "2010 wurden in der Lausitz nur sieben Schafe von Wölfen gerissen."

Klaus Puffer vom Bundesforstamt Möser obliegt als Revierleiter des Truppenübungsplatzes Altengrabow die Oberaufsicht über die Wölfe, die dort seit einigen Jahren sesshaft geworden sind. Elf Tiere, darunter neun Jungwölfe, leben dort. Insgesamt soll es in Brandenburg, Sachsen und in Altengrabow mittlerweile etwa 40 Wölfe geben.

Die Wölfe auf dem Truppenübungsplatz sollen im März und April mit Fallen eingefangen werden, um sie mit Funksendern ausstatten zu können. Puffer: "Das soll helfen, ihre Schlafplätze zu finden und mehr über ihre Wanderungsbewegungen zu erfahren." Die Wanderungswege sind beträchtlich. Die Lausitzer Wölfe, die zum Teil bereits mit Sendern unterwegs sind, würden Ausflüge über 150 Kilometer Entfernung vornehmen. "70 Kilometer in einer Nacht sind durchaus möglich." Unterwegs sind die Wölfe immer in der Nacht.

Auch bei den Altengrabower Wölfen rechnet der Experte bald mit einer Teilung der Rudel und der Abwanderung von Tieren in den Harz oder nach Niedersachsen, um dort neue Reviere zu erschließen. "Die Jungwölfe stammen aus zwei Würfen 2009 und 2010. Wir glauben, dass die Wölfin auch in diesem Jahr Junge wirft. Wenn sich neuer Nachwuchs einstellt, werden die Jungwölfe noch ein bisschen den Babysitter machen und dann verschwinden", so Klaus Puffer.

Die Blutrausch-Attacke kommt vom Jagdinstinkt

Der Vorfall im von Altengrabow etwa 30 Kilometer entfernten Gollbogen könnte auf einen solchen "Ausflug" der Jungwölfe zurückgehen. Den Forstmann wundert keineswegs, dass die Schafe in so einer großen Anzahl gerissen wurden. "Solch eine Blutrausch-Attacke rührt vom Jagdinstinkt der Tiere. Wenn die Schafe in der Koppel nicht flüchten können, wie es in der freien Wildbahn normal wäre, töten die Wölfe weiter, um auf Vorrat Beute zu machen." In Altengrabow haben Untersuchungen der Hinterlassenschaften der Wölfe – die so genannte Losung – ergeben, dass sich die Tiere vor allem von Rehwild ernähren. "Überbleibsel dieser geschlagenen Rehe haben wir bislang nicht gefunden. Vermutlich, weil davon kaum etwas übrig bleibt", so der Forstmann.

Wenn ein Wolfsrudel Rehe und Schafe anfällt, wäre dann nicht auch ein Übergriff zum Beispiel auf Kleinkinder auf einem Spielplatz möglich? Klaus Puffer glaubt das nicht. "Der Mensch passt nicht in das Beuteschema des Wolfes. Allein, wenn er Menschen wittert, flüchtet der Wolf." In den zehn Jahren, seit die Wölfe in der Lausitz wieder sesshaft geworden sind, habe es nicht einen Übergriff auf Menschen gegeben. Puffer: "Das wäre aus meiner Sicht höchstens bei einem tollwütigen Wolf vorstellbar."

Wenn die Wölfe aber nun tatsächlich auch auf langen Wanderungen im Land umherstreifen, wäre eine Begegnung Mensch-Wolf ja durchaus denkbar. Was rät der Experte? Wie sollen sich Spaziergänger angesichts eines Wolfsrudels verhalten? Puffer schmunzelt: "Sie sollten sich am Anblick erfreuen. Denn er dauert vermutlich nur wenige Sekunden." Der Wolf wird wohl genauso dumm gucken wie der Spaziergänger, weil er eine solche Begegnung nicht erwartet.

Ein schwacher Trost für Schäfer Jungnickel. Um sich selbst habe er keine Sorge, "aber ich lebe natürlich von meinen Schafen. Momentan habe ich die Ausfälle durch die getöteten Tiere, und ich habe dazu auch erstmal die Kosten für die Entsorgung. Da muss schon was kommen als Entschädigung."

Es ist auch eine finanzielle Frage, elektrischen Weidenzaun zu installieren und zu betreiben. Mehrfach waren 2010 im Zerbster Gebiet Drahtrollen in der Nacht verschwunden – genau wie der elektrische Impulsgeber. Schäfer Jungnickel hat es 2010 noch härter getroffen: Ihm wurde der bereits fertig ausgebildete Hütehund gestohlen. "Manche sagen, man soll den Hund mit zur Herde geben, damit er sie nachts beschützt. Aber wenn ich mir vorstelle, dass da mehrere hungrige Wölfe rumschleichen – die machen doch den Hund kalt!", weiß auch Mutter Jungnickel nicht weiter. "Wir achten alle Tiere. Aber sie sollen uns in Ruhe lassen. Sonst muss was anderes passieren."Meinung

 

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