100 Jahre ist es her, dass Clara Zetkin zum 19. März 1911 den ersten Frauentag ausgerufen hat. Das Sozialministerium veranstaltete kürzlich eine Fachkonferenz unter dem Titel "Frauen auf der Überholspur" in Magdeburg mit etwa 200 Teilnehmerinnen. Für die Volksstimme führte Caroline Vongries ein Gespräch zum Thema mit Bestsellerautorin Sabine Asgodom.

Volksstimme: Nicht nur der Frauentag, die Frauenbewegung insgesamt hat in Ost und West eine höchst unterschiedliche Tradition ...

Sabine Asgodom: Ich bin an sich nicht dafür, gerade diese Unterschiede zu betonen. Als ich von Niedersachsen nach Bayern oder von der Stadt aufs Land zog, war das auch eine Art Schock.... Die entscheidende Linie verläuft für den Osten doch zwischen 1991 und 2011.

Volksstimme: Wie meinen Sie das?

Asgodom: Aus meiner Sicht haben gerade die Frauen hier im Osten ihre Chancen in den vergangenen 20 Jahren wahrgenommen. Mehr als die Männer. 1991 prägten Verunsicherung und Jammern die Stimmung. Ob Potsdam, Stuttgart, Düsseldorf, Schweiz, Österreich – heute treffe ich bei meinen Seminaren überall auf erfolgreiche "Ostfrauen", die ihren Weg gemacht haben.

Volksstimme: Was macht denn für Sie die Ostfrau aus?

Asgodom: Diese Frauen kommen äußerst kompetent daher und haben ein ungeheures "standing", wie man im Englischen sagen würde: Ansehen, Stehvermögen, auch Bodenhaftung. Vieles von ihrem Selbstverständnis haben sie mitgebracht. Eines mussten aber die meisten Ostfrauen erst lernen: Ich zu sagen. Das gehörte sich in der DDR nicht.

Volksstimme: Alice Schwarzer wollte den Frauentag im letzten Jahr am liebsten abschaffen. Was sagen Sie?

Asgodom: Alice Schwarzer kommentiere ich an dieser Stelle lieber nicht. Ich bin seit 1976 Gewerkschafterin, für mich ist der Frauentag seit jeher ein Aktionstag. Motto: Raus auf die Straße. Dennoch hatte ich vor einigen Jahren die Nase gestrichen voll von der ewigen Nörgelei. Während eines Kongresses in Berlin dachte ich: Wenn ich jetzt noch ein einziges Mal den Begriff fehlende Kinderbetreuung hören muss ...

Volksstimme: Genau diese Probleme bestehen aber nachweislich noch immer.

Asgodom: Das bestreite ich nicht. Aber ich kann es nicht leiden, wenn gerade Frauen immer wieder gesellschaftliche Verhältnisse und anderes als Grund vorschieben, nicht selbst aktiv zu werden und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Da sage ich mittlerweile: Bloß raus aus dem Jammerland! Und deshalb freue ich mich, dass der Frauentag in den letzten Jahren zunehmend zu einem Frauen(be)stärkungstag geworden ist. Wie heute hier in Magdeburg.

Volksstimme: Das heißt, Sie predigen, alles positiv zu se-hen?

Asgodom: Ich setze sehr auf positive Psychologie. Aber natürlich ist das Leben kein permanenter Kinderfasching. Krisen, Schmerz und missliche Situationen wollen durchgestanden sein. Es wäre Unsinn, das zu beschönigen. Ich sage den Frauen in meiner Umgebung oft auch unbequeme Dinge.

Volksstimme: Zum Beispiel?

Asgodom: Krieg endlich deinen Hintern hoch. Wenn dir etwas nicht passt, ob im Beruf oder im Privatleben, dann ist es an dir, die Konsequenzen zu ziehen, vorausgesetzt, es ist dir wirklich ernst. Allein die eigene Einstellung zu verändern, kann Wunder bewirken. Ich plädiere auch immer dafür, eine berufliche Alternative in der Schublade zu haben. Allein das Wissen darum macht unabhängig.

Volksstimme: Wie stehen Sie dann zur Quote? Nicht nötig?

Asgodom: Es ist eine Krücke, aber meiner Ansicht nach gibt es keine Alternative. Für mich ist das in erster Linie nicht einmal eine Frage des Prinzips oder sozialer Gerechtigkeit. Ich sehe es einfach als eine gigantische Verschwendung von Potenzial an, wenn hervorragend ausgebildete und begabte Frauen nicht in adäquaten (Führungs-) Positionen auftauchen. Dabei kann ich Frauen nur Mut machen: Seien wir authentisch. Wir müssen es nicht genauso machen wie die Männer. Es muss auch nicht alles perfekt sein. Ich denke oft, eigentlich wissen wir, was gut für uns ist, aber wir hören nicht auf diese innere Stimme.