Veit Wolpert startet für die Freien Demokraten als Spitzenkandidat. Für den 50-jährigen Juristen geht es bei diesem Wahlkampf auch um die persönliche politische Zukunft. Die FDP bangt bei Umfragewerten von fünf Prozent um den Einzug in den Landtag. Jüngst bekam Wolpert in seinem Bitterfelder Heimatwahlkreis Unterstützung von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Bitterfeld. Der kalte Februarwind bläst ein paar spätwinterliche Flöckchen um den grauen Bauhausblock im Stadtzentrum von Dessau. Jetzt, um neun Uhr am Morgen wochentags, verlieren sich nur eine Handvoll Passanten in der grauen Leere rund um den bauhistorisch so bedeutsamen Gebäudekomplex. Nur zwei schwere Dienstlimousinen mit wartenden Chauffeuren vor dem Bauhaus-Eingang zeugen davon, dass sich hochrangiger Besuch eingestellt hat.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kam aus Berlin nach Sachsen-Anhalt, um im Heimatwahlkreis seines Parteifreundes Veit Wolpert liberale Wahlhilfe zu leisten. Nun stehen beide Männer im Bauhaus-Untergeschoss und lassen sich von Philipp Oswalt, Direktor der Bauhaus-Stiftung, den Freischwinger-Clubsessel des Designers Marcel Breuer erläutern. Beide Männer lauschen interessiert und nicken selbstverständlich auch eifrig, als Oswalt die dringende Notwendigkeit eines größeren Besucherzentrums anspricht. Politiker-Routine.

Dann folgt eine englische Plauderei mit ausländischen Gaststudenten. Brüderle sitzt immer ein wenig der Schalk im Nacken: Ein Pfälzer, Weinliebhaber, langjähriger Bürgermeister von Mainz, ein Politiker mit Bauchgefühl. Wolpert ist von anderem Schlag. Er ist nicht nur Jurist, er benimmt sich auch so – immer um Korrektheit bemüht. Was nicht heißt, dass ihm jede Lockerheit fehlt.

Lebensläufe seit 1990 miteinander verbunden

Der FDP-Mann kann auch lustig. So etwa beim Eintrag ins Gästebuch nach dem Gespräch mit den Studenten. Brüderles englischer Scherz: "Na, wer weiß, was ich hier unterschreibe ...", beantwortet Wolpert trocken und mit ernster Miene ebenfalls in englisch: "Kein Problem. Sie kaufen gerade eine neue Waschmaschine."

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die beiden Männer könnten kaum gegensätzlicher sein. Doch die Lebensläufe von Veit Wolpert und Rainer Brüderle sind seit 1990 miteinander verbunden. Wolpert, 1960 in Würzburg geboren, hatte es nach dem Jura-Studium in Würzburg als junger Rechtsanwalt nach Zweibrücken in die Westpfalz an die französische Grenze verschlagen.

Dort hörte er eine launig vorgetragene Wahlkampfrede von Brüderle, damals Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz. "Ich war begeistert", erinnert er sich schmunzelnd. "Vor allem ein Satz ist mir in Erinnerung geblieben. Er sagte: Es kann doch nicht sein, dass die Genehmigung von einem Sch ...haus an der Autobahn in Deutschland 20 Jahre dauert."

Brüderle warb Wolpert persönlich für die FDP. So wurde der junge Jurist ein Liberaler. Einige Wochen später saß Wolpert im Zug nach Bitterfeld in die "Ostgebiete".

Nun ist er wieder auf dem Weg nach Bitterfeld – aber in ein anderes Bitterfeld als 1990. Nach einem Kurzbesuch bei etwa 40 Unternehmern des Landesverbandes der freien Berufe in Dessau steht eine Firmenbesichtigung beim Erfolgsunternehmen "ORWO Net" auf dem Programm. ORWO ist ein Leuchtturm. 2003 ist der Digitalfoto-Dienstleister mit 32 Beschäftigten gestartet, heute arbeiten 250 Mitarbeiter am Stammsitz in Bitterfeld-Wolfen. 33 Millionen Euro Umsatz 2010. Eine solche Firma besucht ein Bundeswirtschaftsminister ebenso gern wie ein FDP-Spitzenkandidat. Für die erklärte Mittelstandspartei FDP ist ORWO ein Heimspiel.

Vorbei geht die Fahrt an einem Veit-Wolpert-Wahlplakat. Wolpert blickt aus dem Autofenster auf sein freundlich lächelndes Großbild-Porträt. Gut getroffen? "Ich denke schon. Aber nach so vielen Jahren in der Politik schaue ich Wahlplakate heute mit anderen Augen an. Ist der Standort attraktiv? Können Autofahrer im Verkehr den Slogan schnell genug lesen?"

Viele Bürger verbinden andere Wertungen mit Wahlplakaten: Langweilig, austauschbar, sinnfrei. "Wahlwerbung zu entwerfen, ist nicht einfach. Uns war wichtig, die Betrachter emotional anzusprechen. Unser Plakat zum Thema Heimat mit der Oma, die im Garten steht, finde ich zum Beispiel sehr gut gelungen." Die FDP habe, so Wolpert, häufig ein Verständigungsproblem mit ihren liberalen Inhalten: "Wenn wir uns für den Mittelstand stark machen, geschieht dies vor allem, weil damit Wohlstand entsteht, der allen Menschen zugute kommt. Dies auf ein Wahlplakat abzubilden, ist nicht ganz einfach."

Nach 300 Metern war der Kragen schwarz

Ortseingang Bitterfeld. 1990 im Herbst kam der junge Wolpert hier schon einmal an. "300 Meter zu Fuß vom Bahnhof zu unserer neu gegründeten Anwaltskanzlei – da war mein Hemdkragen schon schwarz", erinnert er sich. Die Sekretärin in der Kanzlei habe gescherzt: Warum er sich so anstelle – das Kohlekraftwerk sei doch schon abgeschaltet. "Bitterfeld war schon krass damals. Aber ehrlich: Zweibrücken war auch nicht der Nabel der Welt."

Der Jurist Wolpert war nach der Wiedervereinigung zunächst mit der Beratung von Wohnungsbaugesellschaften beschäftigt. Dann folgten erste politische Gehversuche in der Kommunalpolitik. 2002 saß der Anwalt das erste Mal für die FDP im Landtag, von 2004 bis 2006 und seit 2008 ist er Fraktionsvorsitzender. Nach dem Rückzug von Karl-Heinz Paqué aus der Landespolitik vor drei Jahren ist Veit Wolpert die Nr. 1 der Liberalen in Sachsen-Anhalt.

Im Großraum Bitterfeld als Lebensmittelpunkt ist der gebürtige Südländer schon seit langem angekommen. 1994 folgte ihm seine heutige Ehefrau Elke nach Sachsen-Anhalt. Beide haben sich schon als Teenager kennengelernt und sind seit 24 Jahren ein Paar. 2009 komplettierte Söhnchen Florian die Familie. Die Wolperts bewohnen ein Haus mit "angeschlossener Streuobstwiese", so Veit Wolpert, in der Dübener Heide.

Ihre Urlaube haben die Wolperts in der "vorflorianschen" Zeit besonders gern in Afrika verbracht. "Wir sind Wüstenfans und erkunden mit gemieteten Geländewagen die Natur von Namibia und dem südlichen Afrika." Das Paar ist auch schon mal mit defekter Benzinpumpe drei Tage im Kavango-Delta von Botswana liegengeblieben. Die Löwen sind in sicherer Entfernung vorbeigezogen, ein junger Elefant wurde schon gefährlicher. "Der hat unser Zelt mit seinen Stoßzähnen auseinandergenommen, während wir drinlagen. Ein Gewehr hatte Veit Wolpert nicht dabei, "nur ein Buschmesser", sagt er. Zum Glück ist nichts passiert. Veit Wolpert hat den Elefanten tapfer verscheucht.

Da kann man mal sehen, wie wenig Wahlplakate die Wirklichkeit tatsächlich wiederspiegeln. Von wegen Oma und Heimat. Die Sonne am Horizont der Savanne. Löwen ziehen vorbei, ein wilder Elefant zertrampelt eine knallgelbe Bitterfelder Luftmatratze. Veit Wolpert droht grimmig mit dem Buschmesser, den Arm schützend um seine Elke gelegt. Das wäre doch mal ein FDP-Plakatmotiv gewesen, über das ganz Sachsen-Anhalt spricht.

Na, vielleicht reicht es trotzdem über die Fünf-Prozent-Hürde. Und wenn nicht? "Na, dann bin ich halt wieder Anwalt", sagt Veit Wolpert, öffnet die Autotür und folgt seinem Ziehvater Brüderle in Richtung Fotografen am ORWO-Betriebseingang. Das Heimspiel kann beginnen.

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