In einer Serie zur Landtagswahl am 20. März stellt die Volksstimme die Spitzenkandidaten von Grünen, FDP, SPD, Linken und CDU vor. Heute: Wulf Gallert von der Linken. Er will der erste linke Ministerpräsident Deutschlands werden.

Magdeburg. Wulf Gallert hat es geschafft, er steht auf dem Gipfel in der Sonne. Es war ganz leicht. Er kam mit dem Auto auf den Brocken, zum Stammtisch mit Politprominenz. Auf dem Podium im Saal sitzen die Konkurrenten, im Publikum örtliche Honoratioren, Verwaltungsbeamte, Unternehmer. Nicht die klassische Klientel der Linken. Es gibt Schnittchen und Kräuterlikör.

Der Grünenvertreter thematisiert Umweltprobleme, der SPD-Minister redet über Strukturanpassungen. Als Gallert dran ist, redet er über sein aktuelles Thema, den Mindestlohn. Die Situation in Sachsen-Anhalt sei "langfristig bedenklich und gefährlich". Das Land habe seit 2002 die höchste Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland und zugleich die niedrigsten Löhne. "Wir müssen dafür sorgen, dass endlich mal die Tariflöhne eingehalten und kontrolliert werden. Die werden nämlich massenhaft unterlaufen", ruft er in die Runde. Das Mikrofon hat er weggelegt. Er ist auch so bis in die hinteren Reihen zu hören.

Dass Gallert in dieser Runde dafür kaum Beifall bekommt, scheint ihn nicht zu überraschen. "Na ja, gestern Verdi war schöner", wird er hinterher sagen, "aber wir sind ja nicht hier, um Spaß zu haben." Ein Satz, aus dem sich viel ablesen lässt über den Linken, der sich als "preußischen Grundschullehrer" bezeichnet und Fraktionskollegen zurechtweist, wenn die unpünktlich zur Sitzung erscheinen.

Gallert gilt bei Freund und Gegner als Mann mit Pflichtbewusstsein, mitunter bis über die Schmerzgrenze. Aufgewachsen in einem politischen Elternhaus und als junger Lehrer 1986 in die Staatspartei SED eingetreten, blieb er über die Wende dabei.

Wulf Gallert kam am 22. Juni 1963 in Havelberg zur Welt. Der Vater war Staatsbürgerkunde-Lehrer, die Mutter Pionierleiterin. Der Vater durfte als Umsiedler aus Schlesien zum Studium. "Unter anderen politischen Verhältnissen wäre mein Vater Landarbeiter geworden, und meine Mutter hätte saubergemacht", sagte Gallert einmal. Die Familie hielt viel auf die DDR, aber wenig vom Apparat; der Vater hatte Zoff mit der Schulrätin, Sohnemann Wulf wollte nicht Offizier werden, durfte nicht zur EOS, der Erweiterten Oberschule.

"Bullerjahn ist nur nicht so ehrlich, dass er das zugibt"

Dass viele in der Wendezeit ihr Parteibuch hinwarfen, sei "unanständig" gewesen und habe ihn wütend gemacht, erzählt Gallert.

1990 wurde er Chef der SED/PDS-Kreistagsfraktion, vier Jahre später Parlamentarischer Geschäftsführer der PDS im Landtag, 2004 Fraktionschef. 1994 gehörte er zu den Architekten des "Magdeburger Modells", die acht Jahre währende Tolerierung der SPD-Minderheitsregierung durch die PDS. Sein Partner auf SPD-Seite war der Parlamentarische Geschäftsführer Jens Bullerjahn, mit dem Gallert bis heute eine Freundschaft verbindet.

Jetzt ist Bullerjahn Finanzminister und SPD-Spitzenkandidat – und damit Gallerts Gegner. Nicht nur das. "Freund" Bullerjahn erklärt seit Wochen klipp und klar, eine rot-rote Regierung werde es nur unter SPD-Führung geben, aber nicht mit Wulf Gallert als Ministerpräsident.

Empfindet das Gallert als Ausdruck von Misstrauen? Der gibt sich gelassen: "Der eigentliche Grund für diese Aussage ist eben nicht die Beurteilung meiner Person, sondern sein Ehrgeiz. Er ist nur nicht so ehrlich, dass er das zugibt", sagt Gallert über Bullerjahn.

Gallert setzt darauf, dass die SPD nach der Wahl ihre Ablehnung gegen einen linken Ministerpräsidenten aufgibt, falls das Wahlergebnis die Chance auf eine gemeinsame Regierung eröffnet. "Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen uns und der SPD sind viel größer als zwischen SPD und CDU", sagt Gallert. Die Sozialdemokraten kämen in Erklärungsnot, wenn sie ihre Ziele wie Mindestlohn, Gemeinschaftsschule und Ganztagsbetreuung für alle Kinder einem neuen Regierungsbündnis mit der CDU opfern würde.

Treffen Gallert und Bullerjahn im Wahlkampf aufeinander, schenken sie sich nichts. Mal redet Gallert etwas abschätzig vom "Kollegen Bullerjahn", manchmal vom Jens, und manchmal nur von "der SPD". Was für eine Art Freundschaft ist das? Gallert sagt: "Wir haben ein Grundverständnis über die Art und Weise, wie wir Politik machen und wie man die Relationen zwischen Familie und Politik hinkriegt. Ein gewisses Grundvertrauen, dass der andere deswegen, weil er eine andere Meinung hat, noch kein schlechter Mensch ist." Das sei in der Politik schon viel.

Zugleich sei Politik allein für Gallert nicht alles, sagen Leute, die ihn lange kennen. Er sei weder ein Barrikadenkämpfer noch jemand, der nach Feierabend in linken Zirkeln über die Weltrevolution theoretisiert. Eher jemand, der sich im feinen Anzug verbal mit dem politischen Gegner im Landtag duelliert.

"Ja, ich lebe gern gut", sagt er. Er habe eine allzu große Schwäche für gutes Essen. Zwar hat eine Mandel-Operation vor einiger Zeit seinen Geschmackssinn neutralisiert, "das hat mir geholfen", witzelt er öffentlich. "Doch jetzt kommt der Geschmack wieder, und ich muss aufpassen." Und Sport treiben. Viermal in der Woche rackere er sich am Heimtrainer im Keller ab, "bis das Hemd klatschnass ist und ich fast vom Stuhl falle". Doch nicht etwa als Ausgleich, um den Kopf frei zu bekommen, sondern "aus Notwendigkeit". Da ist er wieder, der pflichtbewusste Preuße.

Gallert gilt zugleich als Familienmensch, ist seit 1996 mit der Dozentin Frauke Mingerzahn verheiratet. Weggefährten erzählen, in seine zwei Söhne sei er geradezu vernarrt. Gallerts großer Sohn Moritz (12) kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Arne, den heute Vierjährigen mit schwarzafrikanischem Vater, haben seine Frau und er kurz nach dessen Geburt adoptiert. Fraktionskollegen erzählen, Gallert habe sich einmal von einem Kollegen bei einem Termin mit Hinweis auf einen wichtigen anderen vertreten lassen – und sei kurz darauf mit seinen Kindern beim Stadtbummel ertappt worden.

Urlaub in Sachsen-Anhalt vermeidet er allerdings bewusst. "Im Urlaub möchte ich nicht Dinge in der Zeitung lesen, über die ich mich aufregen muss, und nicht Sachen im Radio hören, die meinen Blutdruck steigen lassen." Wer Gallert eine Weile beobachtet hat, weiß: In dem äußerlich abgeklärten 1,88-Mann mit dem gutmütigen Schnauzbart schlummert ein Vulkan. Das bekamen zuletzt die Landtagskollegen von der CDU zu spüren, die Gallert mal wieder personelle Altlasten in den Reihen der Linken vorhielten. Voller Zorn rief der in die Runde: "Wer hat die politische Unterdrückung in der DDR stärker legitimiert? War das jemand, der als 18- oder 19-Jähriger IM-Berichte geschrieben hat oder war es möglicherweise ein stellvertretender Energieminister, der in diesem System einen viel höheren Stellenwert hatte?"

Das Selbstbewusstsein der Linken lässt sich auch an einer aktuellen Antwort ablesen: "Ja, ich will Ministerpräsident werden", sagt Gallert. Warum? "Weil es dran ist. Wir haben eine politische Stärke erreicht, die es akzeptabel und notwendig macht, dass wir uns diesem Anspruch stellen." Das Ziel hatte er bereits vor fünf Jahren. Damals hatte sich Duzfreund Bullerjahn frühzeitig auf eine Koalition mit der CDU festgelegt. Diesmal zeigt sich die SPD zumindest für ein SPD-geführtes Bündnis mit den Linken offen.

Bei der Bundestagswahl im September 2009 wurde Gallerts Partei stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt. Inzwischen hat die Linke in Umfragen eingebüßt, lag zuletzt knapp vor der SPD oder gleichauf mit ihr bei 24 Prozent, die CDU enteilte auf 33 Prozent.

Eine Ursache für die Verluste dürfte die von der Berliner Linken-Spitze angezettelte Kommunismus-Debatte gewesen sein. "Das war sicherlich nicht hilfreich", sagt Gallert trocken.

Um ironische Bemerkungen ist Gallert selten verlegen. Auch nicht auf dem Brocken, wo er nach der Podiumsrunde Erbsensuppe löffelt und Journalistenfragen beantwortet. Ja, sagt Gallert, auch er habe Ehrgeiz. "Sonst säße ich jetzt nicht hier und würde mich mit Ihnen unterhalten, da wäre ich jetzt schon weg." Vor Jahren haben ihm solche Repliken das Etikett arrogant eingetragen. Inzwischen achtet er darauf, wo er solche Spitzen abschießt.

Dem, der Gallert durchs Land begleitet, fallen zwei Dinge auf: Er hört mehr zu, als dass er doziert. Und er verspricht nichts, was über das Wahlprogramm hinausgeht.

Ein paar Tage vor dem Brockenstammtisch war Gallert zu Besuch in Elbingerode, jetzt "Stadt Oberharz am Brocken", und ließ sich die Geldnot der Stadt schildern. Selbst wenn sich die Kommune von allen "freiwilligen" Ausgaben trenne, bliebe unterm Strich ein Drei-Millionen-Loch im Jahresetat, rechnet FDP-Bürgermeister Andreas Flügel vor. Die Gründe: Der längere Winter in den Bergen, drastische Abwanderung und hohe Kosten für touristische Einrichtungen.

"Auch wir könnten Ihre Probleme nicht lösen "

"Für mich war der Harz bisher immer so ein Stück heile Welt", gesteht Gallert und räumt ein, bei solcher Finanznot sei auch ein linker Ministerpräsident machtlos. Ja, falls die Linke regiere, werde man zwar die Landeszuweisungen an die Kommunen von 1,5 auf 1,7 Milliarden Euro aufstocken, "doch auch das würde Ihr Problem hier nicht lösen".

Auch jetzt beim Brockenstammtisch mahnt Gallert "mehr Ehrlichkeit" an, kritisiert die kostspielige Förderung von Tourismusprojekten, die sich das Land nicht mehr leisten könne. Wie das geplante Spaßbad in Thale, für das auch die Linken im Stadtrat gestimmt hätten, sagt er. Nur wenige Kilometer entfernt, in Bad Suderode, sei das unausgelastete Kurzentrum mit Landesgeldern gestützt worden.

Den Honoratioren im Saal gefällt das nicht. Gallert bekommt wenig Beifall. "Aber in den Aussagen war er am klarsten", meint ein Unternehmer hinterher.

Gallert sagt, er habe im Wahlkampf zahlreiche solcher Runden besucht, mit niemandem so häufig geredet wie mit Handwerkern. "Im Normalfall werden sie mich trotzdem nicht wählen. Aber sie werden mit mir leben können." Das sei das Entscheidende.

Und wenn er erneut nicht Ministerpräsident wird?

"Dann verfalle ich nicht in Depressionen."

Würden Sie es dann noch mal probieren?

Gallert schiebt sich den letzten Löffel Erbsensuppe in den Mund. "Das fragen Sie mich mal später, wenn es soweit ist."

 

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