Yoichi Yamashita, Erster Konzertmeister der Magdeburgischen Philharmonie, ist einer der bekanntesten Japaner, die in Sachsen-Anhalt leben und arbeiten. Volksstimme-Redakteur Oliver Schlicht sprach mit dem Violinisten über die Ereignisse in seiner Heimat.

Volksstimme: Herr Yamashita, die Bilder aus Japan bestimmen seit dem schrecklichen Erdbeben vor einer Woche die Nachrichten. Wie informieren Sie sich?

Yoichi Yamashita: Das staatliche japanische Fernsehen überträgt sein Programm seit Beginn der Katastrophe als Livestream über das Internet. So kann ich mit meiner Familie das Programm auch hier in Magdeburg sehen. Die Übertragung läuft bei uns zu Hause den ganzen Tag. Das sind schlimme Bilder. Es gab zwar immer schon Erdbeben in meiner Heimat, aber die Größe der Katastrophe ist erschreckend.

Volksstimme: Was berührt Sie besonders?

Yamashita: Das Leid der Flüchtlinge. Etwa 450 000 Menschen sind aus dem 30-Kilometer-Gürtel rund um das beschädigte Atomkraftwerk geflohen. Tausende sitzen in Schulsporthallen und können nicht nach Hause. Die Straßen sind zerstört, die Geschäfte sind geschlossen. Viele Menschen haben zu wenig zu essen.

Volksstimme: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Berichterstattung im japanischen und im deutschen Fernsehen?

Yamashita: Aus meiner persönlichen Sicht werden die Menschen in Japan nicht über das volle Ausmaß der Katastrophe informiert. Ich habe starke Zweifel, ob die Regierung die volle Wahrheit sagt. Ich vermute, dies geschieht, um keine Panik aufkommen zu lassen. Das ist sicherlich nachvollziehbar. Es ist bestimmt schwierig, die richtige Ausgewogenheit zwischen Informationspflicht und einer Beruhigung der Bevölkerung zu finden.

Volksstimme: Herr Yamashita, Sie leben bereits seit 1992 in Magdeburg. Sie sind mit der japanischen Pianistin Yuko verheiratet und haben gemeinsam zwei 15 und 16 Jahre alte Söhne, die hier geboren wurden. Wie eng sind ihre familiären Verbindungen noch nach Japan?

Yamashita: Sehr eng. Ein- bis zweimal jährlich besuchen wir unser Heimatland. Mein 73-jähriger Vater Saburo lebt im westlichen, China zugewandten Teil Japans. Diese Region ist wenig betroffen. Aber die Eltern meiner Frau leben etwa 30 Autominuten nördlich von Tokio. Anfangs konnten wir sie telefonisch nicht erreichen. Das war schlimm. Jetzt sind wir in ständigem telefonischen Kontakt.

Volksstimme: Wie haben Ihre Schwiegereltern die Katastrophe erlebt?

Yamashita: Sie waren in einem Kaufhaus einkaufen. Das Gebäude hat stark gewackelt, die Waren sind aus den Regalen gestürzt. Von der Tsunami-Flutwelle haben sie erst im Fernsehen erfahren. Der Wohnort meiner Schwiegereltern liegt nicht in Küstennähe.

Volksstimme: Sind Freunde von Ihnen ums Leben gekommen?

Yamashita: Zum Glück nicht. Niemand ist etwas passiert. Ich kenne auch viele Kollegen des Orchesters in Sendai, wo der Tsunami die größten Verwüstungen angerichtet hat. Um die hatten wir besonders Angst. Aber auch meine Musikerkollegen dort sind mit dem Schrecken davongekommen.

Volksstimme: Die radioaktive Strahlung aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima bedroht unter Umständen auch den Wohnort ihrer Schwiegereltern. Werden Sie die Eltern Ihrer Frau nach Deutschland holen?

Yamashita: Vielleicht. Das überlegen wir tatsächlich. Bislang sehen meine Schwiegereltern die Situation aber noch sehr gelassen. Das Atomkraftwerk ist über 200 Kilometer entfernt. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Volksstimme: Sie werden bestimmt in Magdeburg ständig auf die Vorgänge in Japan angesprochen.

Yamashita: Ja, aber das ist verständlich. Für die Solidarität und das Mitgefühl der Deutschen und auch für die Hilfe von deutschen Einsatzkräften in Japan möchte ich mich ausdrücklich bedanken.