Magdeburg. Das Opfer, ein 23-Jähriger aus Aschersleben im Salzlandkreis, und der Angeklagte Robert N. (21) hatten Dusel. Großen Dusel. Das ist unbestritten. Denn die wuchtigen Hiebe mit einem sogenannten Teleskopschlagstock und die Stiche mit einem Klappmesser hätten auch tragisch ausgehen können.

Dass an Thomas F. heute nicht nur noch ein Grabstein erinnert und der Robert N. nicht wegen eines Tötungsverbrechens vor den Schranken des Magdeburger Landgerichts steht, sondern "nur" wegen versuchten Totschlags, ist somit großes Glück.

Dabei stehen Ursache und Wirkung, Ausgangs- und Endpunkt des Ereignisses vom 22. September 2010 in keinem Verhältnis zueinander. Wie Staatsanwalt Stefan Böttger gestern in seiner Anklage schilderte, waren das spätere Opfer, Thomas F., und dessen Kumpel mit einem Kampfhund "Gassi".

Erst beschimpft, dann geprügelt

Die Sache muss wohl nicht sehr leise vonstatten gegangen sein. Denn Josephine J., Freundin von Robert N. und selbst wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, fühlte sich gegen 22.45 Uhr durch das geöffnete Fenster belästigt. Die 20-Jährige verbat sich das "laute Lachen und Gegröhle". Das "Gespräch" zwischen Straße und 1. Etage verlief auf dem Niveau: "Willste auf die Fresse?" "Wenn Du willst, komme ich raus?" "Na, dann komm doch."

Die Blonde mit Hauptschulabschluss griff sich ein Bund mit acht Schlüsseln, ihr Lebensgefährte Robert den Schlagstock rechts und das 7,5-Zentimeter-Klingen-Messer links (Josephine: "Habe ich nicht gesehen").

Auf der Straße begann dann die Prügelei. Das spätere Opfer, das damals noch im Boxtraining stand, soll zuerst zugeschlagen haben. Ergebnis: Nasenbeinbruch bei Robert, Ellenbogenfraktur bei Josephine.

Während der wüsten Schlägerei, bei dem der 21-Jährige mehrfach die Stahlrute einsetzte und auch mit dem Klappmesser zustieß, kam die Langhaarige ihrem Freund zu Hilfe. Sie nahm den "Boxer" in den Schwitzkasten und knallte ihm mehrfach das Schlüsselbund auf Kopf und Rücken.

Erst als Thomas F. bemerkte, dass er aus der Brust blutete und erschrocken rief: "Hör auf, ich blute!", stoppte das Pärchen die Gewaltattacken.

Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass der Bruststich drei Zentimeter tief war, Herz, Lunge und Blutgefäße knapp verfehlt hatte. Der Verletzte wurde operiert und musste vier Tage im Krankenhaus bleiben.

Die Jugendkammer unter Vorsitz von Hans-Michael Otto bemühte sich gleich zu Beginn des Prozesses darum, das Hauptverfahren abzukürzen. Hinter verschlossener Tür gab es eine Absprache zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigern und Strafkammer.

Deal: Bewährungsstrafen für Geständnisse

Der Deal nach 45 Minuten: Geständnis gegen eine Bewährungsstrafe im unteren Bereich für Josephine J. und – so sich der angeklagte versuchte Totschlag bei Robert N. als gefährliche Körperverletzung herausstellt – eine Bewährungsstrafe im oberen Bereich.

Die beiden Angeklagten räumten dann auch über ihre Anwälte die Taten, wie von der Staatsanwaltschaft beschrieben, ein. Warum er sich überhaupt dermaßen bewaffnet habe, dazu sagte N., dass er das mit Blick auf den Kampfhund getan habe. Das Messer habe er "nicht gezielt, sondern im Rahmen des Gerangels eingesetzt". Er bedauere, was geschehen sei.

Die Mitangeklagte bestätigte das Geständnis ihres Freundes.

Thomas F., der als erster Zeuge gehört wurde und als Nebenkläger auftritt, schilderte den Fall aus seiner Sicht. Beeinträchtigt durch die erlittenen Verletzungen sei er heute nicht mehr. Die Schlägerei scheint den eher zierlichen Zerspaner auch psychisch nicht angekratzt zu haben. Lediglich die Messerattacke. Er fragte mit Blick auf die Angeklagten: "Hätten wir uns nicht pelzen können wie richtige Männer ...?"