Der Winter geht, das Fahrrad kommt. Als Arbeitspferd mit Schulmappenkorb, als Mountainbike für den Waldausflug, als schicker Cityflitzer im Rennradlook. Fahrradfahren ist trendy. Junge Firmen investieren in hochwertige Nischenprodukte. Das Rad wird gerade neu erfunden – auch in Sachsen-Anhalt.

Magdeburg. "Schmuck sehen Sie heute aus!" Marcel Pardeike sitzt mit einem Pott Kaffee auf dem alten Holzhocker vor seiner Ladentür und lobt die Nachbarin. Die war beim Friseur. Jetzt schließt sie gerade die schwere Haustür nebenan auf. Die alte Dame im schicken Sonntagskostüm lächelt ein bisschen verlegen. "Na, Hauptsache meinem Mann gefällt es auch." "Bestimmt". Dann verschwindet sie langsam im Treppenhaus.

Hier in der Enge von Magdeburg-Buckau kennt man sich. Kaum fünf Minuten vergehen, da kommt der nächste Nachbar vorbei und schwatzt kurz mit Marcel. Ein junger Bursche probiert vor dem Geschäft gerade das vierte Fahrrad aus. Das geht hier, Autos kommen selten durch die Gasse. Vor knapp einem Jahr hat Marcel Pardeike seinen Laden eröffnet. Nicht im Zentrum, der Verkaufsraum von eher bescheidener Größe, aber der "Rad der Stadt Magdeburg" – so heißt die kultige Bude – ist einer von den jungen, hippen Fahrradläden in Magdeburg, deren Besuch immer etwas mehr als nur ein Einkauf ist.

Denn hier treffen sich Gleichgesinnte. Auf der Internetseite dieses "Rades" heißen die Mitarbeiter "Radkulturbeauftragte" und "Mitarbeiter des Monats". Der Laden selbst verkauft und repariert nicht nur. Von hier aus starten auch Tagestouren mit Technikkursen – eben mehr ein Biker-Kulturzentrum als ein Geschäft.

Helme mit Pudelmützen

Knackvoll ist es. Der hölzerne Verkaufstresen sieht aus wie eine alte Wohnzimmeranrichte. Halbe Räder, kaputte Räder, teure Räder, dünne Räder – an der Decke, an den Wänden, liegend, stehend, hängend. Helme mit Pudelmütze, englische Reiterhelme, Sporthelme, eine ganze Ecke voll. Ledertaschen, Beutelchen, Retro-Sitze. Hinten in der Werkstatt-Kammer baut der Lehrling gerade eine schmierige Nabenschaltung auseinander. "Kaffee?" Marcel reicht einen Becher. Vorn am Ladeneingang ist noch ein zweiter Holzhocker frei.

Automechaniker von Beruf war er mal, aber das ist lange her. Ab 1998 hat er in Fahrrad-Geschäften gearbeitet, vor einem Jahr dann wagte er gemeinsam mit Partner Martin Schmidt den Schritt zum eigenen Geschäft. Schon bereut? "Definitiv nicht", beteuert Marcel. "Das Geschäft wird toll angenommen. Ich glaube, wir sind dicht am Kunden dran." Er meint damit weniger die jungen Leute, die um die 20 Jahre alt sind. Die fahren lieber Auto, sagt er. "In der Fraktion der 30- bis 45-Jährigen ist das Fahrrad vor allem in der Stadt als Alltags-Alternative zum Auto angekommen", glaubt Marcel Pardeike.

Beinah, findet er, hätte das Internet-Geschäft vor 15 Jahren den Fahrradhandel kaputt gemacht. Dabei braucht gerade der Fahrradkauf eine gute Beratung. "Dann kamen die Discounter mit ihren Billigrädern. Noch eine Federung mehr, noch ein Gang mehr, noch eine Scheibenbremse zusätzlich. Die Räder wurden immer schwerer und reparaturanfälliger." Jetzt gehe der Trend zurück zu den Wurzeln. Weniger ist mehr, aber die einzelnen Baugruppen sind hochwertig. "Der neueste Trend sind Single-Speed-Bikes - das kommt aus der Fahrradkurier-Szene. Keine Schaltung, stattdessen eine einzelne, für die Hauptanwendung optimierte Übersetzung." Die Landschaft spüren, statt sich bequem über jeden Huckel zu gängeln.

Dazu edles Design, eine hochwertige Bremsenanlage, ein Sattel aus feinstem Leder – keine Schutzbleche, keine Klingel, keine Luftpumpe, keine Beleuchtung. Das pure Rad. Kostenpunkt: ab 700 Euro mit viel Platz nach oben. Damit fährt man nicht im Dunkeln, denn damit will man gesehen werden. Und wenn es doch dunkelt, klemmt man schnell ein Licht an den Lenker.

Vier junge Männer aus Magdeburg haben sich voll und ganz dem Bau solcher puristischen Bikes verschrieben. "Schindelhauer" heißt ihre Firma, benannt nach einem der Herren: Jörg Schindelhauer. Auf ihrem Werbebild sehen sie aus wie eine Boygroup, wie eine Independent-Combo der Bikerszene. Kennengelernt haben sich die vier beim Studium in Magdeburg: Maschinenbau, Betriebswirtschaft, Design. Drei der Männer kommen aus der Magdeburger Region, Produktdesigner Stephan Zehren wuchs am Bodensee auf.

Er sitzt im Loftbüro der Firma hoch oben über einem Hinterhof in Magdeburg-Stadtfeld und kritzelt mit dem Digitalstift an einem Entwurf auf seinem Macintosh. Hinten an der Wand hängt ein riesiges Gemälde: Ein Engel im Sprung über zerstörte Autos. An der Wand lehnen Fahrrad-Prototypen.

Im Hof unten stehen reihenweise Leihräder. Dort residiert noch ein Rocklabel-Büro, eine kleine Offsetdruckerei, in der Loft nebenan hat sich ein Architekturstudio einquartiert. Die alte Stahltür im obersten Stockwerk bei "Schindelhauer" steht offen. Alle paar Minuten kommt ein Paket-Kurier und übergibt – atemlos – ein Paket mit Bauteilen.

"Gefertigt werden die Räder nach unseren Entwürfen in einem Unternehmen in Zerbst", erzählt Designer Zehren. Zwei der vier "Schindelhauer"-Ingenieure überwachen gerade in Fernost in einer anderen Manufaktur die Produktion der Rahmen für das Geschäftsjahr 2011. Wo genau in Fernost, soll nicht in der Zeitung stehen. Die Konkurrenz liest mit.

"Schindelhauer" auch in Brasilien

2009 wurde die Firma gegründet. Schon 2010 hat "Schindelhauer" etwa 400 Räder verkauft. Die Preise lagen zwischen 1200 und 1500 Euro. Im Oktober waren die Edel-Bikes ausverkauft. 2011 soll die Produktion nahezu verdoppelt werden. Die Preise liegen mittlerweile zwischen 1300 und 2900 Euro. Das teuerste Rad verfügt über eine "Rohloff"-Nabenschaltung mit 14 Gängen, die allein 950 Euro kostet. Es gibt inzwischen etwa 40 Händler, die "Schindelhauer" im Programm haben – nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in den USA und Brasilien.

Nur genau sechs Modelle haben die Magdeburger Ingenieure für ihr aktuelles Sortiment entworfen. Für das laienhafte Auge sind diese puristischen Räder kaum zu unterscheiden. Der klassische Diamantrahmen bildet zwei Dreiecke: weiß, silber, schwarz. "Schindelhauer" will mit inneren Werten überzeugen. Zwei Beispiele: Eine Sattelklemme, die innen im Rohr angeordnet ist und so ohne Schlitz im Rohr auskommt, was Lackschäden vorbeugt. Oder ein ebenfalls verdeckt angeordneter, fein konstruierter Spannschlitten an der Hinterrad-Aufhängung. "So kann das Rad gewechselt werden, ohne dass der Antriebsriemen jedesmal neu justiert werden muss", erklärt der Designer.

Apropos Riemen: Es gibt bei "Schindelhauer" keine Kette, sondern ein fast wartungsfreies Zahnriemenantriebssystem aus carbonfaserverstärktem Kunststoff. Zehren: "Versuche mit Zahnriemen an Fahrrädern gab es auch schon in der Vergangenheit. Aber erst neue Materialien machen ihn richtig leistungsfähig." 20000 Kilometer sollen die neuartigen Zahnriemen halten. Der Vorteil gegenüber der Kette? "Die Kraftübertragung ist direkter. Der Riemen ist sauberer. Was die Kunden aber vor allem lieben: Im Gegensatz zur Kette hört man diesen Antrieb nicht. Der Fahrer gleitet auf dem Rad fast geräuschlos über die Straße."

Und wenn er dann so den Elberadweg entlanggleitet mit seinem hypermodernen Minimalbike, kommt er demnächst an einer gläsernen Manufaktur vorbei, in der ebenfalls Fahrräder gebaut werden. Aber diese Räder sind von ihrer äußeren Erscheinung her das ganze Gegenteil eines "Schindelhauers": Retroräder der Marke "Weltrad" aus der Elbestadt Schönebeck.

Seit 1895 gibt es diese Marke. Seit 2004 baut der Sieben-Mann-Betrieb von Familie Leue die Räder streng nach historischen Bauplänen – im Vorkriegslook, aber mit modernen, hochwertigen Baugruppen. Zwischen 1600 und 5000 Euro kosten die edlen Teile. Wieviel Fahrräder genau verkauft werden, verrät Inhaber René Leue nicht. "Wir sind eine ordentliche Fahrradmanufaktur. Und die baut jeden Tag etwa ein Fahrrad", sagt er vielsagend. "Weltrad" verschickt die Räder überwiegend an Kunden in Europa, aber auch in die USA oder nach Neuseeland.

Auch die Firma "Weltrad" verändert ihre Produkte stetig. Mechaniker Marcel Völkel: "Wir arbeiten daran, die für "Weltrad" typische Retro-Lampe mit LED-Technik auszurüsten, um die Lichtstärke deutlich zu erhöhen." Herkömmliche Fahrradlampen schaffen 17 Lux Lichtstärke. Eine LED-Fahrradlampe könnte mit herkömmlicher Dynamotechnik 40 bis 80 Lux schaffen. "Da muss man dann schon abblenden, wenn Gegenverkehr kommt", so der Mechaniker. Auch dem Trend nach Elektrobikes folgt "Weltrad". 2011 soll die Produktion mit neuen Modellen in diesem Bereich ausgebaut werden.

Pilgerstätte für Fahrradfans

Bislang passiert die Fahrradmontage in einem stetig gewachsenen Werkstattbereich auf einem Hof im Schönebecker Stadtteil Frohse. Der war und ist nicht nur Produktionsort, sondern seit Jahren auch eine kleine Pilgerstätte für Fahrradfans, die den Elberadweg entlangkommen. "Wir haben in der Vergangenheit dort die Zahl der Gästezimmer immer weiter ausgebaut, stoßen aber jetzt an Grenzen. Das soll sich nun bald ändern", erzählt René Leue.

Knapp eine Million Euro investiert der Familienbetrieb in die neue "Weltrad manufactur", die im Schönebecker Cokturhof entsteht, ursprüngliche die königlich-preussische Saline und das spätere Landratsamt. Dort, unweit des Elberadweges, eröffnet ab Mai nicht nur eine gläserne Manufaktur, sondern auch ein Biergarten, ein Restaurant und ein Fahrradfachgeschäft. Ein paar neue Zimmer "Bett & Bike" gibt es im Cokturhof dann auch.

Das Fahrrad, so scheint es, bringt die Menschen zueinander. In Sachsen-Anhalt vielleicht ein bisschen mehr als anderswo.

www.rad-der-stadt-magdeburg.de www.schindelhauerbikes.com www.weltrad.de

 

Bilder