Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Halle hat gestern einen 32 Jahre alten Mann vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Der Schwerstbehinderte hatte am 27. Juni 2010 seinen aggressiven Vater erwürgt. Bei der "Impulstat" habe Notwehr vorgelegen, so die 1. Große Strafkammer.

Halle. "Ein äußerst seltener Fall", schickte der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Jan Stengel, seiner Urteilsbegründung voraus. Das tragische Geschehen vom Juni des vergangenen Jahres sei aufgrund der Erkrankungen des Handelnden und des Opfers ausgelöst worden. (Den Begriff "Täter" benutzte Stengel mit Blick auf den gerade freigesprochenen Angeklagten nicht).

"Letztlich gibt es nach dem 27. Juni 2010 nur Opfer – der getötete Vater, der Sohn, der ihn umgebracht hat, die Ehefrau des Getöteten und die Lebensgefährtin des Angeklagten", meinte der Richter.

Die Staatsanwaltschaft Naumburg hatte den nach einem Autounfall vor zehn Jahren schwerstbehinderten Lars K. vorgeworfen, seinen Vater am "Kirschblütentag" in Naumburg nach einem Streit, den der 57-Jährige wegen einer Nichtigkeit vom Zaun gebrochen und als erster zugeschlagen hatte, getötet zu haben.

Der 57-Jährige war bekannt dafür, dass er zu Streitereien und "kleineren Handgreiflichkeiten" neigte, wenn er getrunken hatte. Am Tattag hatte er 2,63 Promille Alkohol im Blut. Er war "volltrunken", wie Rechtsmediziner Professor Manfred Kleiber festgestellt hatte.

Lars K. hatte sich gewehrt, und sein Vater war bei der Rangelei auf die Knie gegangen. Der 32-Jährige hatte ihn von hinten in den "Schwitzkasten" genommen. Beide waren nach vorn gefallen und Lars K. hatte weiter gegen den Hals gedrückt. Dabei war das Zungenbein des Opfers gebrochen. Der Vater war erstickt.

Stengel skizzierte in seiner Urteilsbegründung noch einmal den ungewöhnlichen Lebensweg des jungen Mannes, der unter einem "hirnorganischen Syndrom" leidet: "Der schwere Unfall 2001 mit daraus resultierender Gehirnschädigung, das Zurückkämpfen ins Leben nach der Lähmung, die Umschulung, eine Partnerin, ein inzwischen zwei Jahre altes Kind." Lars K. sei ein zweites Mal geboren worden.

"Auf der anderen Seite der Vater. Krank. Der Psychopharmaka einnahm, sich aber nicht behandeln ließ. Der aggressiv wurde, wenn er getrunken hatte", sagte Stengel.

Diese beiden Menschen seien aufeinandergetroffen. Und es sei zur Tragödie gekommen. Lars K. habe sich zu Recht gewehrt. Und nicht nur bis zu jenem Zeitpunkt, wo er mit massiver Gewalt (Schwitzkasten) gegen den Hals des Vaters vorgegangen sei – wie Staatsanwalt Uwe Damaschke in seinem Schlussvortrag gesagt hatte. Stengel: "Er hat aufgehört, als sich der Vater unter ihm nicht mehr bewegte. Eine Blaufärbung des Gesichts habe er nicht wahrgenommen, weil das Opfer auf dem Gesicht lag."

Aufgrund seines durch den Unfall stark geminderten Intelligenzquotienten habe Lars K. auch nicht anders reagieren können. Außerdem: "Bei stark Betrunkenen, wie beim Opfer, ist der Weg zwischen Bewusstlosigkeit und Herzstillstand sehr viel kürzer." Auch diese vom rechtsmedizinischen Gutachter beschriebene Tatsache spreche für den Schwerstbehinderten, meinte der Richter.

Das Schwurgericht schloss sich mit seinem Freispruch dem Antrag des Verteidigers an. Außerdem erhält der 32-Jährige eine finanzielle Entschädigung für die Untersuchungshaft.

Der Staatsanwalt hingegen war zwar selbst von seiner Totschlagsanklage abgerückt, hatte jedoch noch "fahrlässige Tötung" gesehen und ein Jahr Haft, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, beantragt.

In seinem Schlusswort hatte der Angeklagte mit zitternden Händen und kaum zu verstehen nur einen Satz gesagt: "Ich vermisse meinen Vater."

Der Vorsitzende Richter schloss den Prozess: "Ich weiß, wenn Sie es könnten, würden Sie die Tat ungeschehen machen. Aber Sie und Ihre Familie müssen damit leben, dass das nicht geht."Meinung