Der Flugplatz Halle-Oppin war in der vergangenen Woche Schauplatz von Dreharbeiten mit einem ungewöhnlichen Aufgebot an Starschauspielern der älteren Generation. Domröse, Feuerstein, Köfer, Sander, Prückner und viele andere spielen eine Rentnertruppe, die aus Abenteuerlust ein Flugzeug entführt.

Halle. Der kleine Flugplatz am Stadtrand von Halle wird sonst bevorzugt von einer Handvoll Freizeitfliegern angesteuert. Doch an diesem windigen Freitag steht ein richtig dicker Brummer am Rand des Rollfeldes: eine Ju 52 mit weithin sichtbarem Schweizer Kreuz am Leitwerk.

An "Tante Ju" herrscht geschäftiges Treiben. Kameraleute und Tontechniker tragen ihre Gerätschaften umher. Ein Rollstuhl wird bereitgestellt. Regisseur Bernd Böhlich ruft laut in den Wind hinein: "Achtung, bitte Ruhe, wir drehen!" Zum dritten Mal schleppen zwei Darsteller eine Rollstuhlfahrerin die Treppe zum Eingang des Flugzeugs hinauf. "Stop!" Es gibt technische Probleme. Das Ganze noch mal von vorn.

Kurt Waldmeier, langjähriger Flugkapitän der Swiss-Air, sitzt etwas abseits auf einer Parkbank, die Augen mit faltiger Stirn auf die schicke Fliegeruhr an seinem Handgelenk gerichtet. "Um 14.10 Uhr müssen die fertig sein. Dann fliege ich los", sagt er mit Bestimmtheit. Man glaubt es ihm. Das genehmigte Flugfenster lässt dem Schweizer Kapitän kaum Spielraum.

Die alte Ju war im September 1939 direkt vom Junkerswerk Dessau in die Schweiz überführt worden. Bis 1981 tat sie Dienst bei der Schweizer Luftwaffe. Heute ist sie eine von vier "Ju", die der "Verein der Freunde der Schweizer Luftwaffe" auf einem Flugfeld in der Nähe von Zürich sorgsam hegt und pflegt.

Fast so abenteuerlich wie das Flugzeugleben dieser für die Filmproduktion gemieteten Maschine ist die Story des Streifens, für den die Schweizer Ju nun die Kulisse bildet.

Ausbruch aus dem Heim

Zum Filminhalt: Im Seniorenheim "Abendstern" ist die attraktive Annegret (Angelica Domröse) neu eingezogen. Herr Tiedgen (Otto Sander) ist von ihr schwer beeindruckt. Und weil ihm das abgeschottete Leben im Heim mit Tanztherapie, Chor und Kaffeekränzchen sehr auf die Nerven geht, will er die schicke Annegret mit einer abenteuerlichen Flugnummer beeindrucken. Während eines Rundflugs mit dem Propeller-Klassiker, der für zehn Altersheimbewohner organisiert wurde, bringt der kühne Herr Tiedgen kurzerhand die Maschine unter seine Kontrolle. Die "Senioren-Bande" macht spontan mit und ist begeistert von dem Vorschlag, die Ju in Richtung Mittelmeer fliegen zu lassen. Bei einem Zwischenstopp in Wien überschlagen sich die Ereignisse. Polizei und Presse sehen schon einen touristischen Anschlag drohen. Die "Rasselbande" aus dem Altersheim sucht das Weite und startet wieder durch. Sie kommt mangels Benzin aber nicht sehr weit. Die alte Ju landet schließlich auf einer fast unbewohnten Mittelmeerinsel. Hier nimmt das Abenteuer seinen weiteren Lauf.

Drehpause. Unweit des Flugzeugs steht ein Bus, hinter dem ein kleiner Mann mit grau-grüner Jacke Schutz vor dem Wind gesucht hat. Das dünne Haar weht wild umher. Herbert Köfer wartet gelassen und freundlich lächelnd auf seinen nächsten Auftritt. Braun gebrannt ist er und in Plauderlaune.

1978, also vor 33 Jahren, hat Herbert Köfer als Opa Paul Schmidt gemeinsam mit Helga Göring in "Rentner haben niemals Zeit" DDR-TV-Geschichte geschrieben. Fühlt er sich als der ewige Rentner? Köfer lacht: "Als ich die ersten Rentner gespielt habe, war ich noch kein Rentner. Aber irgendwie war ich schon ab 50 auf die Rolle des vorbildhaften Rentners festgelegt." Über seine jüngste Rentnerrolle will er nicht viel sagen. "Das darf ich nicht. Aber das Drehbuch war so spannend, dass ich es beim ersten Lesen nicht aus der Hand legen konnte."

Köfer wurde im Februar 90 Jahre alt. Einfach so abhauen, Familie und Freunde zurücklassen und durchbrennen wie im Film ... Kann sich Herbert Köfer das auch in seinem Privatleben vorstellen? Köfer überlegt: "Das wäre derzeit aus Termingründen schwierig. Morgen spiele ich in Dresden Theater, am nächsten Wochenende in Berlin, dazwischen muss ich noch zu zwei Lesungen ..."

Bei so viel Stress im hohen Alter: Wie hält er sich fit? Ab und zu geht der leidenschaftliche Pferdefreund noch auf die Berliner Trabrennbahn, erzählt er. "Rennen fahre ich zwar nicht mehr, aber ein paar Aufwärmrunden mache ich noch." 90 Jahre und noch kerngesund – das klingt nach einem sehr enthaltsamen Leben. Oder kennt auch Herbert Köfer eine heimliche Sünde? "Jawohl. Süßigkeiten. Die könnte ich den ganzen Tag essen." Für die Dreharbeiten habe ihm Ehefrau Heike (39 Jahre jünger) extra eine große Tüte zusammengestellt. "Da sind Schokoladentafeln drin, Kekse und Bonbons. Immer, wenn mir danach ist, greife ich zu", erzählt Köfer und zeigt Anzeichen von Vorfreude.

Am Flugzeug gehen die Dreharbeiten weiter. Die "Senioren-Bande" beim gemeinsamen Einsteigen in den Flieger. Die Schlange der Darsteller ist der eigentliche Star dieses Films. Diese Rentnertruppe verkörpert ein stolzes Stück deutsche Filmgeschichte: Angelica Domröse ("Die Legende von Paul und Paula"), Otto Sander ("Die Blechtrommel"), Ralf Wolter ("Der Schatz im Silbersee"), Monika Lennartz ("Insel der Schwäne"), Us Conradi ("Türkisch für Anfänger"), um nur einige zu nennen.

Tilo Prückner ("Adelheid und ihre Mörder") – mit Peter Stein und Bruno Ganz Gründungsmitglied der Berliner Schaubühne – spielt den Flugkapitän beim Ju-52-Ausflug. Dem Bayer wurde bei den Dreharbeiten eine ganz besondere Ehre zuteil. Er durfte nach den abgeschlossenen Dreharbeiten in Kroatien bei Innenaufnahmen im Flieger die "Tante" auf dem Copilotensitz nicht über, sondern durch die Alpen fliegen.

"Weil die Maschine nicht so hoch steigen darf, mussten wir durch die Täler entlang der Berghänge fliegen", erzählt er. Das war doch sicher ein einmaliges Erlebnis. Prückner: "Ja, das war es. Die Maschine hat Löcher wie ein Schweizer Käse. Der Regen kommt durch und es zieht gewaltig. Eine Heizung gibt es auch nicht. Saukalt war es. Und schrecklich laut." Aber die Dolomiten habe er gesehen. Und seine bayerische Heimat so von oben. "Das war schon sehr schön", sagt er.

Nazis hinterm Mond

Ist er auch privat viel mit dem Flugzeug unterwegs? Der Schauspieler überlegt kurz: "Mehr beruflich. Ich musste gerade wegen drei Drehtagen nach Australien fliegen. Das war anstrengend." Ein Film in Australien? "Absolut verrückte Sache. Science-Fiction. Die Nazis sitzen auf der Rückseite des Mondes und wollen die Erde zurückerobern. Ich spiele einen durchgeknallten Wissenschaftler." Tilo Prückner muss zurück. Der Dreh geht weiter. Diese Seniorengarde der deutschen Schauspielerei – so scheint es – ist noch schwer im Geschäft.

"Ich habe selten ein Set mit so vielen netten, von Allüren freien Schauspielern erlebt. Eine tolle Truppe", schwärmt Robert Stadlober ("Crazy"). Der junge Blondschopf ist neben Anna Maria Mühe ("Novemberkind"), der Tochter von Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann, der einzige Jungschauspieler bei diesem Film.

Beim Fototermin am Ende des Drehtages auf dem Flugplatz in Halle-Oppin stimmt das gut gelaunte Ensemble spontan das Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" an. Wenn der Film so gut wird, wie die Laune der Schauspieler am Set ist, darf sich das Publikum freuen.

 

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