Für Reiner Haseloff war gestern der letzte erste Tag. Der letzte als Wirschaftsminister in der Böhmer-Regierung, der erste als neuer Ministerpräsident. Die Volksstimme begleitete den CDU-Politiker bei seinen ersten Schritten zum neuen politischen Lebensabschnitt.

Wittenberg/Magdeburg. 5.30 Uhr der Wecker klingelt. Reiner Haseloffs erster Gedanke beim Aufstehen: Hoffentlich klappt heute der Zeitplan. Alles ist so eng gestrickt, wie wahrscheinlich in den kommenden fünf Jahren nicht mehr, glaubt er. Schon die kleinste Verspätung an irgendeiner Stelle kann den gesamten Ablauf durcheinanderbringen.

Doch Ehefrau Gabriele beruhigt ihn: "Es wird schon alles klappen, Reiner."

Dass in den nächsten Stunden noch etwas "schief gehen" könnte, dagegen sträubt sich das rationale Denken des Physikers. Aber ein Stück Flauheit im Magen bleibt an diesem Morgen. Doch der 57-Jährige bringt sich selbst zur Raison: Alles ist gut vorbereitet, die Gespräche der letzten Tage waren gut. Mehr kann man nicht tun. Nun wird alles seinen Gang gehen. Jetzt bin ich in der Kette drin. Nerven behalten, Reiner.

"Sie strahlen Stärke und natürliche Autorität aus"

Zum Frühstück gibt‘s eine Handvoll Müsli mit Milch. Dazu ein Glas Wasser. So wie immer. Der Tisch liebevoll gedeckt von Ehefrau Gabriele. Auch wie immer.

Natürlich drehen sich die Gespräche um den bevorstehenden politischen Höhepunkt des Tages. Aber auch um die Familie. Sohn Clemens ist schon da und wird am ökumenischen Gottesdienst im Magdeburger Dom teilnehmen. Martin wird später nachkommen, um den Tag live mitzuerleben.

Gabriele liest ihrem Mann das Horoskop vor: Wassermann – Sie strahlen Stärke und natürliche Autorität aus. Job: Unnachgiebig und entschlossen versuchen Sie überall, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Na dann ...

Zwar ist der 57-Jährige niemand, der sein Leben nach den Sternen ausrichtet – aber wenn‘s hilft, schadet ein Horoskop schließlich auch nicht.

8.15 Uhr. Sachsen-Anhalts Polit-Prominenz versammelt sich im Remter des Magdeburger Domes. Alt- und Neuminister, der scheidende Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und sein Nachfolger. Ökumenischer Gottesdienst. Die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der Präsident der evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, reden den Teilnehmern ins Gewissen.

"Macht kann auch korrumpieren", schreibt Feige den Anwesenden ins Stammbuch und bittet darum, dass diejenigen, die im Landes etwas zu sagen haben, "dem korrumpierenden Sog der Macht nicht erliegen". Je mehr Macht jemand in den Händen halte, desto mehr Verantwortung habe er auch für das Gute.

Ein Wink auf Bodenhaftung auch der Satz: "Eine Allensbach-Umfrage hat ergeben, dass die Berufe Pfarrer und Politiker nicht sonderlich gut angesehen sind." Nur 28 Prozent der Befragten hielten den kirchlichen Beruf für bemerkenswert, bei Politikern seien es nur sechs Prozent. Feige: "Das sollte uns zu denken geben."

"Hatte die Ehre, vom Chef einbestellt worden zu sein"

Junkermann heißt alle nach dem Ende des Wahlkampfs willkommen. "Die, denen etwas gut gelungen ist, die mit Schmerzen und die Enttäuschten, die, denen etwas weniger gelungen ist", sprichtsie die Anwesenden an.

Haseloff, der Römisch-Katholische, neben sich seine Ehefrau, betet und singt. Was er in diesen 45 Minuten im Remter denkt, soll sein Geheimnis bleiben. Dass er von der Stimmung ergriffen ist, sieht man jedoch dem künftigen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts deutlich an.

Die Stuhlreihen lichten sich. Die geistlichen Würdenträger am Ausgang drücken die Hände der Gehenden.

Draußen ein kurzes Zuppeln von Gabriele Haseloff am Jackenkragen ihres Mannes. Ein kritischer Blick. Dann noch ein leichtes Streichen über die Schulter.

Der Weg zum Palais am Fürstenwall, dem Sitz des Ministerpräsidenten, ist nur kurz. SPD-Sozialminister Norbert Bischoff Seite an Seite mit seinem neuen Chef: Große Koalition im Kleinen.

Dass er sich künftig nicht mehr so frei bewegen kann, ist Haseloff in diesem Moment wohl gar nicht bewusst. Als "Schutzperson Nr. 1" wird er wenige Stunden später immer LKA-Männer an seiner Seite haben. Ob er es will oder nicht. Den Opa, der einfach mal schnell in den Kindergarten fährt, um dort seinen Enkel abzuholen, wird es in dieser Form für die nächsten Jahre nicht mehr geben.

Seinen neuen Arbeitsplatz kennt er bereits: "Na klar. Ich hatte doch die Ehre, vom Chef das eine oder andere Mal einbestellt worden zu sein", schmunzelt er.

"Dass sind keine Dankschreiben, sondern Trostbriefe"

Doch das Dienstzimmer ist am Morgen noch tabu für ihn. Der Kabinettssaal ist leergeräumt und ein sichtlich bewegter Wolfgang Böhmer verrichtet dort unter der Holztäfelung seine letzte Amtshandlung.

"Wo sind denn die Dankschreiben?", fragt es aus der Alt-Minister-Runde. Böhmer in seiner unnachahmlichen Art kontert: "Was heißt hier Dankschreiben – das sind Trostbriefe."

Der Abschieds-Sekt ist eingeschenkt, die Blumensträuße stehen im Wasser, die Dankes-Urkunden liegen bereit, einer Böhmer-Mitarbeiterin rollen ein paar Tränen über die Wangen – und Haseloff schaut auf die Uhr. Die Zeit. Eine fehlt noch: Kultusministerin Birgitta Wolff.

Dann doch: Halbkreis mit Dame. Böhmers Stimme klingt rau, als er seinen Kabinettsmitgliedern die Hände drückt. Für jeden hat er einen Satz in petto. Zu Haseloff: "Auf Sie kommt ja eine der schwierigsten Aufgaben zu. Ihre künftige Arbeit wird Sie sicherlich mehr fordern."

Der Neue verbeugt sich höflich vor dem Alten. Sekt oder Saft? Der Designierte greift zum Orangengetränk.

Dann drängt die Zeit. Zehn Minuten im Rückstand. Vor dem Palais wartet der Dienstwagen. Um 10 Uhr ist Fraktion angesagt, eine Stunde später der Landtag.

Haseloff wirft sich in den Sitz des Audis. Zwei Minuten Durchatmen bis zum Domplatz.

Vorm Landtagseingang stehen Gabriele Haseloff, die Söhne und deren Frauen für ein Familienfoto bereit.

 

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