Magdeburg/Hamburg (dpa). Sachsen-Anhalts scheidender Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) hat die Schwatzhaftigkeit seiner Kollegen in der Politik kritisiert. Der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte er, ihn ärgere "wenn wir uns gegenseitig versichern, dass etwas nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sei und hinterher kann man es in der Zeitung lesen".

Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Gespräche zum Hartz-IV-Kompromiss Mitte Februar, als Ministerpräsidenten vor die Presse getreten seien und gesagt hätten, "dass wir über Kompromisslinien gesprochen hätten, die wir erst intern besprechen wollten. Trotzdem stand am nächsten Tag ziemlich viel davon in der Zeitung. Das finde ich ausgesprochen ärgerlich."

Böhmer sagte weiter: "Ich habe Politiker auf der Männertoilette angetroffen, die ziemlich lange und ausführlich telefoniert haben, angeblich mit ihrer Frau zu Hause. Dummerweise las ich in einer Zeitung am nächsten Morgen ziemlich genau die Sätze, die ich mithören musste. Da macht man sich schon so seine Gedanken."

Der heute 75-Jährige, der nach einer Chefarzt-Karriere nach der Wende als Quereinsteiger in die Politik kam, sprach sich zudem dafür aus, schonungsloser zu den Bürgern zu sein. "Ich habe oft gestaunt, wie viel Rücksicht bei Entscheidungen auf vermeintliche Stimmungen im Volk genommen wurde." Die Wähler regis-trierten sehr genau, ob jemand einen Standpunkt habe oder nicht. "Deswegen tun Politiker gut daran, ihre Überzeugungen zu haben und gleichzeitig offen die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu nennen. Ich bin damit immer gut gefahren", meinte Böhmer.