Wittenberg (dpa). Archäologen haben in Wittenberg ein 453 Jahre altes Kerbholz entdeckt. "Das ist in Europa ein sehr seltener Fund", sagte der Archäologe Andreas Hille vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle der dpa. Das gut erhaltene Stück kam bei Ausgrabungen in der Wittenberger Innenstadt zutage.

Kerbhölzer wurden im Mittelalter, als die Menschen meist nicht schreiben konnten, als Schuldscheine genutzt. "Die Schuld wurde in Form von Kerben in den Stock geritzt. Danach wurde der Stock längs gespalten, wobei jeweils eine Hälfte der Schuldner und der Gläubiger bekam", sagte Hille. Beim Vergleich der beiden Stücke am Zahltag war sofort zweifelsfrei erkenntlich, ob die beiden Hälften zusammengehörten.

In dem entdeckten etwa 30 Zentimeter langen Stock sind 23 Kerben, die Jahreszahl 1558 sowie ein Name erkennbar. Die Kerben stehen möglicherweise für eine Geldsumme. Wenn jemand etwas "auf dem Kerbholz hat" bedeute das heute, sich schuldig gemacht zu haben, erklärte der Historiker Andreas Stahl. Er forscht im Wittenberger Stadtarchiv nach dem Eigentümer des Kerbholzes. Die Stadt bewahre die mittelalterlichen Steuerlisten, die sogenannten Schoß-Listen, seit dem 14. Jahrhundert auf, erklärte er.

Allerdings kam bislang in den Listen der auf dem Kerbholz erkennbare Name als Steuerpflichtiger nicht vor. "Möglicherweise handelt es sich nicht um die Steuerschuld eines Einheimischen, sondern um ein größeres Geschäft mit einem Handelspartner außerhalb von Wittenberg", sagte der Wissenschaftler.