Weil der Zivildienst ausgesetzt wird, soll der Bundesfreiwilligendienst den Wegfall von bundesweit 90000 Helfern kompensieren. Den Sozialeinrichtungen des Landes nutzt das derzeit wenig: Weil noch nicht alle Rahmenbedingungen geklärt sind, können sie Bewerbern keine Verträge anbieten. Ohnehin mangelt es an potentiellen Kandidaten.

Magdeburg/Oschersleben. Bundesfreiwilligendienst? Martin und Felix schütteln die Köpfe, nein, davon haben die Zehntklässler der Integrierten Gesamtschule "Willy Brandt" in Magdeburg noch nichts gehört. Wenn alles nach Plan läuft, halten sie bald die Abschlusszeugnisse ihres erweiterten Realschulabschlusses in den Händen, danach werden sie die Fachoberschule besuchen oder das Abitur ablegen. Aber im örtlichen Krankenhaus helfen oder Essen ausfahren? Das ist im Lebensplan der beiden Magdeburger noch nicht vorgesehen.

Muss es auch nicht. Denn mit der Aussetzung der Wehrpflicht endet am 1. Juli auch der Zivildienst. Mit Felix und Martin wächst zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert eine männliche Generation heran, die bei ihrer Karriere- und Familienplanung keine Rücksicht mehr auf staatsbürgerliche Pflichten zu nehmen braucht und beim Start ins Erwachsenenleben nach eigenem Gutdünken entscheiden darf.

Die Gleichung mit der Freiwilligkeit

Das ist zwar gut für die beiden Jungs, aber schlecht für alle sozialen Einrichtungen im Land, die bisher auf Zivildienstleistende setzten, um ihren Betrieb aufrecht zu erhalten. Zwar hat die Politik mit dem Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Eilverfahren einen Ersatzdienst geschaffen, den auch Frauen leisten dürfen. Doch ob genügend der etwa 14 000 Schüler, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen, ohne Notwendigkeit ein freiwilliges Jahr einlegen, ist die große Unbekannte in dieser Gleichung. Dass der neue Dienst bei der Zielgruppe ohnehin kaum bekannt ist und noch lange nicht alle Rahmenbedingungen geklärt sind, verschärft die Bedenken zusätzlich.

Die konnte auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder nicht weglächeln, als sie vor zwei Wochen medienwirksam Verträge mit den ersten "Bufdis" oder "BFDlern", wie die Bundesfreiwilligendienstleistenden genannt werden, unterzeichnete. Andreas Hohenberg, der für den sachsen-anhaltischen Landesverband des Paritätischen den BFD koordiniert, hat sich über Schröders Symbolik gewundert. "Ich habe mich gefragt, was da eigentlich unterschrieben worden ist", sagt er. Denn fünf Wochen vor dem Start sind noch immer nicht alle Rahmenrichtlinien geklärt. "In Wirklichkeit können wir deshalb noch gar keine Vereinbarungen mit potentiellen Kandidaten schließen", so Hohenberg.

Besonders finanzielle Unklarheiten bereiten den Einrichtungen Kopfzerbrechen. So soll ein BFDler maximal 330 Euro monatlich verdienen dürfen – wie viel er tatsächlich bekommt, entscheidet die Einsatzstelle. Die können aber nicht kalkulieren, weil sie nicht wissen, wie hoch die Zuschüsse des Bundes ausfallen werden. Doch ginge es nach Familienministerin Schröder, sollen in wenigen Wochen trotzdem 35000 BFDler ihren Dienst antreten, um den Wegfall der 90000 Zivis zumindest ansatzweise zu kompensieren.

Rund 180 Zivildienststellen gab es zuletzt beim Landesverband des Paritätischen. "Dafür, dass wir den Bundesfreiwilligendienst bisher kaum beworben haben, sind schon relativ viele Bewerbungen eingegangen", sagt Hohenberg. "Und zwar großteils von Menschen zwischen 45 und 65 Jahren." Denn den neuen Freiwilligendienst kann jeder leisten – unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität oder Art des Schulabschlusses. Was die Bewerber daran reizt? "Das Geld kann es nicht sein", sagt Hohenberg. "Eher der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun oder sich beruflich neu zu orientieren."

Seinen ganz eigenen Grund hat Fabian Tangermann gefunden. Der 19-Jährige, der derzeit in der Werkstatt für behinderte Menschen im Oscherslebener Matthias-Claudius-Haus arbeitet, macht’s freiwillig – zumindest ein bisschen. Im Herbst des vergangenen Jahres trat er hier seinen Zivildienst an, jetzt hat er ihn um drei Monate verlängert – obwohl er das nicht müsste. "Ich finde eine Auszeit zwischen Schule und dem, was danach kommt, unheimlich wichtig", sagt er.

Ein bisschen Selbstfindung

Ein heller Raum am Ende eines dunklen Flures ist seit neun Monaten die Einsatzstelle des gebürtigen Barnebergers. Zwischen 15 und 20 Behinderte arbeiten hier im Verpackungsbereich, sie stecken Stifte in dafür vorgesehene Verpackungen und kleben Feuchttücher-Päckchen mit Tragegriff aneinander. Gemeinsam mit der Leiterin lernt er die Behinderten an, überwacht die Produktion und springt ein, wenn’s brennt. Fabian ist zur Stelle, wenn einem seiner Schützlinge der Lieferkarton durchbricht und Dutzende grüner Feuchttücher-Päckchen auf dem Linoleumboden landen. "Reiner" mahnt er dann mit ruhiger Stimme zu mehr Vorsicht, und kauert sich hin, um die Sachen wieder einzusammeln. "Super, Chrissi", motiviert er einen blonden Mann, der ihm die zusammengeklebten Päckchen zeigt. "Und morgen bringst du deinen Ausweis mit", erinnert er einen anderen.

Ein Stück weit sei es auch "Selbstfindung", was er da macht, sagt der 19-Jährige. Und, dass er dieses Jahr auch ohne den verpflichtenden Zivildienst gemacht hätte. "Ich kann nicht verstehen, wer auf so eine Erfahrung verzichten will."

Auf Menschen wie Fabian, die ihren Zivildienst unter den bestehenden Bedingungen freiwillig verlängern, setzt die Diakonie Mitteldeutschland. Für den BFD sind bei der Wohlfahrtsorganisation der evangelischen Kirche bisher nämlich noch keine Bewerbungen eingegangen. Trotzdem ist Sprecher Frieder Weigmann zuversichtlich. "Unsere Einrichtungen mussten auch früher schon eine gewisse Fantasie entwickeln, um ihren Bedarf an Hilfskräften zu decken", sagt er. Und auch, wenn Weigmann der Politik vorwirft, sich "zu viel Zeit gelassen" und "zu wenig kommuniziert" zu haben, gewinnt er dem neuen Dienst etwas Positives ab: "Freiwillige wollen diese Arbeit wirklich, bei einigen Zivis war das nicht immer der Fall."

Doch was, wenn junge Menschen im Vorfeld nicht immer so genau abschätzen können, welche Erfahrungen gut für sie sind und welche nicht? "Wenn ich damals keinen Zivildienst hätte machen müssen, hätte ich ihn wohl auch nicht gemacht", gibt Roberto Hampel zögernd zu. Der 20-Jährige hat seinen Zivildienst ebenfalls in der Oscherslebener Behindertenwerkstatt geleistet, er war Fabians Vorgänger. Doch im Nachhinein sei er sehr froh über diese Erfahrung, die er zu einer Zeit machte, als es in Sachsen-Anhalt noch etwa 1300 Zivildienstleistende gab. Durch die Bundeswehrreform ist die Zahl inzwischen auf gut 500 gesunken.

Dass die Zahl der Helfer noch weiter einbricht, davon geht der Caritasverband für das Bistum Magdeburg aus. Von den rund 250 Zivi-Stellen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg konnten wegen schrumpfender Jahrgänge ohnehin nur 130 besetzt werden. "Tendenziell werden wir wohl nur etwa 10 Prozent dieser Stellen durch einen Bundesfreiwilligen besetzt bekommen", sagt Sprecher Stefan Malik. Derzeit sucht die Caritas noch 200 Freiwillige für den BFD und das FSJ. Um in fünf Wochen nicht ohne jegliche Unterstützung dazustehen, schwenken die Einsatzstellen verstärkt auf andere Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) um. "Krankenhäuser und Altenheime, in denen wir traditionell immer recht viele Zivis hatten, haben schon in der Vergangenheit zunehmend auf Helfer im Freiwilligen Sozialen Jahr gesetzt", so Malik. Solche Freiwilligendienste, die für Teilnehmer unter 27 Jahren offen stehen, wird es auch künftig geben.

Die Folge ist eine Doppelstruktur im Freiwilligensektor. "Dienste wie das Freiwillige Soziale Jahr wurden einst geschaffen, um Menschen die Möglichkeit zu geben, sich außerhalb von Bund und Zivildienst freiwillig zu engagieren. Das war eine ganz andere Zielrichtung als heute der Bundesfreiwilligendienst", erklärt Petra Grimm-Benne, Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Außerdem käme die Finanzierung beider Programme aus unterschiedlichen Fördertöpfen. Der BFD wird vom Bund bezuschusst, mit dem die Freiwilligen auch ihre Verträge schließen. Beim FSJ hingegen ist vordergründig das Land verantwortlich.

Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

90 Zivildienstleistende hatte die AWO bisher, und auf "mindestens genau so viele" BFDler hofft Grimm-Benne. "Wir werden keinen Notstand in Sachsen-Anhalt bekommen", sagt sie zuversichtlich. Das läge daran, dass die AWO sehr frühzeitig mit ihrer eigenen Werbekampagne für den neuen Freiwilligendienst geworben hat. Aber auch daran, dass sich junge Menschen durch den Freiwilligendienst durchaus bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt versprechen.

Für den 20-jährigen Tobias König, der zur Zeit seinen Zivildienst bei der Pfeifferschen Stiftung in Magdeburg leistet, hat sich das Engagement ausgezahlt. "Mir hat diese Erfahrung viel gegeben, menschlich bin ich gewachsen", sagt er.

Und doch gibt es kritische Stimmen, wie aus der Gewerkschaftsjugend Sachsen-Anhalt, die die Einführung des Bundesfreiwilligendienstes ablehnen. "Für das freiwillige Engagement von Jugendlichen gibt es schon jetzt genügend Möglichkeiten", sagt Landesjugendsekretärin Katrin Skirlo. Sie befürchtet eine Konkurrenz zur regulären Beschäftigung. "Mit dem Bundesfreiwilligendienst wird eine große Tür zum Prekariat geöffnet", sagt sie. Dabei gebe es schon zu viele Jugendliche, die in die prekäre Beschäftigung gingen.

Bilder