Zweimal Totschlag, so urteilte das Landgericht Magdeburg gestern im Falle des sogenannten Doppelmordes vom Magdeburger Heumarkt. Allerdings billigte die erste Große Strafkammer dem Angeklagten Schuldunfähigkeit zu. Das bewahrte den 40-Jährigen vor einer lebenslangen Gefängnisstrafe. Dafür wurde er für unbegrenzte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Magdeburg. Das Urteil, das gestern im sogenannten Sicherungsverfahren gefällt wurde, ist zwar ungewöhnlich, jedoch ganz klar vom Gesetz gedeckt. Das Nichtalltägliche am Spruch des Landgerichts Magdeburg ist, dass Gary Alfred N. nicht nur zu einer Maßregel, sondern gleich zu zwei verurteilt wurde. Bevor er in Uchtspringe für unbestimmte Zeit psychiatrisch behandelt wird, muss er zur Suchttherapie hinter Anstaltsmauern – maximal zwei Jahre.

Die Kammer habe keine Zweifel daran, dass der Engländer unbehandelt weitere schwerwiegende, rechtswidrige Taten begehen werde, so die Vorsitzende Richterin Claudia Methling.

N. hatte bereits vor dem Prozess eingeräumt, am 22. Oktober 2010 seine unter ihm wohnende Nachbarin und deren Bekannten erstochen zu haben. Allerdings hatte er von "ein paar Messerstichen" gesprochen. Der Rechtsmediziner hatte später jedoch mehr als 80 beziehungsweise 20 Stiche in Brust und Bauch festgestellt und von "Übertötung" gesprochen.

Dies wiederum sei ein Anzeichen dafür, dass der Täter nicht bei sich gewesen ist, als er tötete. Das Gericht hatte sich der Meinung des Psychiaters angeschlossen, der eine drogenbedingte und schon seit mehreren Jahren bestehende Psychose bei N. diagnostiziert hatte.

2007 sei der mehrfach wegen sogenannter Drogenbeschaffungsdelikte und Körperverletzung vorbestrafte Angeklagte, zum ersten Mal psychisch aufgefallen. N., der bei London in einem sehr schlechten sozialen Umfeld aufgewachsen war und mit elf Jahren das erste Mal Benzin geschüffelt hatte, brachte sein exzessiver Drogenkonum, bei dem er kaum ein berauschendes Mittel ausließ, an den Rand des Wahnsinns. Im Drogenrausch fühlte er sich verfolgt und neigte zu "sinnlosen Aktionen".

So auch am Tattag. Der 40-Jährige, der in einer Einraumwohnung am Magdeburger Heumarkt lebte, war in einem Stimmungstief. Seine Freundin, die in der Wohnung gegenüber wohnte, hatte sich nach einem letzten – tätlichen – Streit endgültig von ihm losgesagt.

Der Angeklagte, der mehrere Entziehungsversuche unternommen hatte, hatte daraufhin erheblich getrunken, war dann in der Magdeburger Innenstadt in ein Café gegangen und hatte sich dort Drogen besorgt. Aufgrund des Alkohol-Drogen-Mixes hatte er die Orientierung verloren und war später auf einer Bank vor dem City-Carré wieder zu sich gekommen.

Weil er sein Fahrrad nicht mehr fand, ging er zu Fuß nach Hause. Bei der 52-Jährigen, die unter ihm wohnte, brannte gegen 23 Uhr noch Licht und N. wusste, dass er dort noch etwas Alkoholisches bekommen würde.

Nach ein paar weiteren Schnäpsen rastete er in der Wohnung der Nachbarin aus. Die Psychose gaukelte ihm vor, dass sich der ebenfalls anwesende Bekannte der Nachbarin "mit Menschen vor der Wohnungstür verabredet hatte, ihn umzubringen". Er erstach den 56-Jährigen. Als die Frau zu schreien begann, hatte er die Wahnidee, dass sie damit die vermeintlichen Mörder alarmieren wolle und stach mehr als 80-mal zu. Mit erheblicher Wucht, so dass sogar Rippen brachen.

Methling: "Als er am nächsten Tag aufwachte, war ihm schon bewusst, dass er getötet hatte." Er sei nach Budapest gefahren, um sich dort mit einer Überdosis den "goldenen Schuss" zu setzen. "Das misslang jedoch."

In Weinheim (Baden-Württemberg) offenbarte sich der Mann, der seit 2000 in Deutschland lebt, einem Freund. Dieser empfahl ihm, sich zu stellen. Gemeinsam mit einem Anwalt war N. zur Polizei gegangen.

Mit dem Urteil hat sich die Kammer gestern den Anträgen von Staatsanwaltschft, vom Nebenklagevertreter und des Verteidigers angeschlossen.