In Gardelegen will er eine Produktionsstätte für Brettsperrholz aufbauen, will dort 44 Millionen Euro investieren, will forschen. Das Land wollte all dies fördern, die Stadt plant, das Industriegebiet zu erschließen. Der Mann, für den das alles passieren soll, ist ein verurteilter Betrüger und Urkundenfälscher. Inzwischen hat das Wirtschaftsministerium alle Förderaktivitäten gestoppt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Gardelegen. Ein Kaufmann aus Hamburg – das muss etwas Seriöses sein. Nicht nur in der Hansestadt Gardelegen denkt man so. Andreas Benken ist so ein Kaufmann aus Hamburg. Er ist Hoffnungsträger in Gardelegen, ein Mann offenbar mit viel Geld, ein Mann, der den Standort von Swedwood aufkaufte, in dem bis zum September 2009 Billy-Regale für IKEA produziert wurden. Ein Mann, der sympathisch ist, der überzeugend auftritt, der gern auch mal seine adelige Frau und seine Kinder in trautem Familienglück ablichten lässt. Andreas Benken, ein Macher – ein Glücksgriff für die Stadt.

Doch da ist mehr Schein als Sein. Der große Investor – in seinem unmittelbaren Vorleben war er ein Betrüger.

Rückblende. Im September 2009 schließt Swedwood nach 27 Jahren sein Werk in Gardelegen. Viele der 180 Arbeitnehmer hoffen auf einen Nachfolger. Der scheint in der ersten Jahreshälfte 2010 gefunden. Am 11. Februar folgt Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs (SPD) einem Anruf von Manfred Manthey. Der Referatsleiter Industrieansiedlung im Wirtschaftsministerium macht Fuchs mit Andreas Benken bekannt.

Noch aber wird weder sein Name noch das Produkt, das er fertigen will, öffentlich. Der Gardeleger Stadtrat stört sich daran nicht: Er beschließt im Juni 2010 auf Empfehlung der Stadtverwaltung, das Industriegebiet Ost für eine Million Euro zu erweitern – der neue Investor will nicht nur den Swedwood-Standort übernehmen, sondern auf der angrenzenden 15 Hektar großen Fläche seinen Betrieb weiter ausbauen. Im Gespräch sind 120 Arbeitsplätze und 50 Millionen Euro Investitionssumme. Große Zahlen, Hoffnung für die Stadt und die ehemaligen Swedwoodmitarbeiter – der Stadtrat stimmt zu.

Das Wirtschaftsministerium spricht von "mehreren Bewerbern", die alle "belastbare Unternehmenskonzepte" vorgelegt hätten. Am belastbarsten scheint wohl das von Andreas Benken zu sein. "Die Firma arbeitet seit September, aber noch ohne große Öffentlichkeit", berichtet Bürgermeister Konrad Fuchs (SPD) im Oktober im Stadtrat. Noch immer wird der Name des Inves-tors wie ein Geheimnis gehandelt. Niemand will schuld sein, wenn er doch noch abspringt.

Im November lernen die Mitglieder des Hauptausschusses den bis dahin Unsichtbaren dann doch kennen. Andreas Benken kommt in den nichtöffentlichen Teil der Sitzung – nicht, um sein Unternehmen vorzustellen, sondern um seine Kaufabsichten für das in Privathand befindliche Weteritzer Schloss zu offenbaren. Benken verbindet das mit der Forderung, den Schlosspark, der der Stadt gehört, kaufen zu können. Entstehen sollen dort ein Tagungshotel und die Holzakademie Sachsen-Anhalt.

Den Ausschuss beeindruckt Benken mit großen Zahlen: Zwölf Millionen Euro will er in Weteritz investieren – zusätzlich zu dem, was er für Schloss und Park ausgeben will. Aber der Hamburger betont: Ohne Park kein Tagungshotel, ohne Park keine Holzakademie.

Etwas Widerstand im Gemeinderat

Es regt sich im Rat vereinzelt Widerstand, weil Benken den Park nicht mehr öffentlich zugänglich lassen will. Doch die meisten Ratsmitglieder befürworten wie Bürgermeister Fuchs einen Verkauf des Parks. An den in Gardelegen geplanten Investitionen Benkens gibt es keinen Zweifel. "Ich bin sicher, dass Andreas Benken seine Pläne umsetzen wird", sagt Fuchs Ende November.

Und es sieht gut aus.

Denn am 14. Dezember ist großer Bahnhof in den Hallen des einstigen IKEA-Standortes. In einer Halle der neuen Benkenwood GmbH steht eine große Maschine, in einer anderen Partygarnituren. An den Wänden hängen Pläne von Maschinen. Firmenvertreter sind gekommen. Sie hoffen auf Großaufträge. Es geht um Millionen – wie so oft bei Andreas Benken. Das Unternehmen will Großelemente aus Brettsperrholz für den Haus- und Hallenbau produzieren.

Gekommen ist auch der damalige Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU), mit ihm weiteres Personal des Ministeriums, darunter der Referatsleiter für Industrieansiedlung, Manfred Manthey, der von Benken besonders gelobt wird.

Haseloff übergibt einen Fördermittelbescheid in Höhe von knapp einer Million Euro. Mit dem Geld soll der Aufbau der rund 2,7 Millionen Euro teuren Forschungs- und Entwicklungswerkstatt der Benkenwood Gardelegen GmbH gefördert werden. Der Minister hält viel von Benkens Plänen: Sein Ministerium werde die Hälfte der von Benken avisierten Investitionssumme von 44 Millionen Euro zum Aufbau der Produktion bewilligen, kündigt er an. Schließlich sei das "ein Standort, der auf Zukunft setzt". Im Wahlkampf sind solche Auftritte Gold wert. Benken hört es gern.

Im Sommer 2011 soll die Produktion beginnen, im Herbst auf der 16 Hektar großen Erweiterungsfläche, die die Stadt – zu 90 Prozent gefördert vom Land – erschließt, weitere Hallen und ein Verwaltungsgebäude entstehen. 2013 soll Benkenwood 120 Mitarbeiter haben. "Wir haben das Ziel erreicht, den Standort zu sichern", freut sich Haseloff.

Die Stadt ist glücklich, der Minister auch. Benken dankt allen: dem Minister ("Sie haben Benkenwood zu Ihrer Sache gemacht"), dem Staatssekretär Detlef Schubert ("Zupackender Macher"), dem Herrn Manthey ("Treibende Kraft für dieses Projekt"), dem Bürgermeister ("Dynamischer Mann"). Ja, freut sich Benken: "Ich bin mit offenen Armen empfangen worden."

Alles scheint gut geworden.

Fotos mit Minister, Landrat, Bürgermeister

Benken posiert für Fotos mit Minister, mit Landrat, mit Bürgermeister. Er zeigt, wie die bislang einzige Maschine, die etwas verloren in einer der Hallen steht, funktioniert. Alle wichtigen Leute dürfen mal ein Brett hineinschieben und sich dabei fotografieren lassen.

Gern lässt sich Benken auch mit seiner Frau und den drei jüngsten seiner vier Kinder fotografieren. Seine Frau stammt aus einem uralten Adelsgeschlecht mit Sitz im Landkreis Northeim (Niedersachsen). 2004 eröffnete sie als Franchise-Nehmerin ein Geschäft für Inneneinrichtung in der Hamburger Innenstadt. "Meine vier Söhne sollen den Betrieb irgendwann mal übernehmen", sagt Benken – und dankt mit Tränen in den Augen seiner Frau: "Du hast die Familie zusammengehalten und hast mir Kraft gegeben." Die Gäste sind gerührt. Beifall.

Wer zweifelt da an der Redlichkeit des Investors?

Doch beinahe hätte Benken an diesem Tag nicht in Gardelegen sein können. Seine Adresse wäre dann eine Haftanstalt in Hamburg gewesen – Knast statt Kanapees.

Denn etwa acht Wochen zuvor war der Mann, der als seriöser Hamburger Kaufmann, warmherziger Familienvater und professioneller Unternehmer alle überzeugt, unter anderem wegen Betruges und Urkundenfälschung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt worden. Drei Monate mehr, dann wäre eine Aussetzung zur Bewährung auf vier Jahre nicht mehr möglich gewesen. Dann wäre Benken inhaftiert worden, wenn das Urteil rechtskräftig geworden wäre. Ob dies inzwischen passiert ist, ist unklar. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wollte zum Verfahren und zum Urteil keinerlei Angaben machen.

Nach Informationen der Volksstimme hat Benken mit gefälschten Schriftstücken versucht, sich Kredite in sechsstelliger Höhe zu erschleichen. Benken soll dabei unter anderem ein gefälschtes Schreiben eines Notariats verwendet haben, um die Bankmitarbeiter von seiner Kreditwürdigkeit zu überzeugen. Darin lässt er das Notariat erklären, welch solventer Mann Herr Benken sei. Der erwarte nämlich aus der Testamentsvollstreckung seiner Mutter ein Erbe von 78 Immobilien unter anderem in Baden-Baden, Berlin, Bremen, Lübeck und Köln. Gesamtwert: 83 Millionen Euro. Das Schreiben erweckt den Eindruck, als ob der Notar bestätigt, dass das Vermögen tatsächlich vorliegt – eine Formulierung, die ein Notar so nicht schreiben würde. Doch das Papier erfüllte seinen Zweck: Es war mehr als nur die Eintrittskarte für die Gespräche mit den Banken. Es war ein entscheidender Baustein für den geplanten Betrug.

Geschäftsbeziehungen, die es nicht gab

Benken legte nach Informationen der Volksstimme auch Unterlagen von Steuerberatungskanzleien und Wirtschaftsprü- fungsunternehmen vor, die ebenfalls gefälscht waren. Benken verwendete dazu Briefköpfe und Unterschriften aus Briefen, die er von den Unternehmen erhalten hatte, mit denen er in anderen Angelegenheiten zu tun hatte – und kopierte einen von ihm geschriebenen Text hinein.

In einem anderen Fall benutzte Benken eine Bank und deren angebliche Unterlagen, um Geschäftsbeziehungen mit dem Kreditinstitut vorzugaukeln, die gar nicht bestanden. Die angeblichen Geschäftsbeziehungen sollten ihm wiederum bei anderen Geschäften helfen. Ein direkter materieller Schaden entstand der betroffenen Bank aber nach deren Angaben nicht. Ein Bankmitarbeiter: "Da scheint Systematik hinterzustecken. Unter Vorgabe falscher Tatsachen hat er den Eindruck erweckt, dass er mit uns zusammenarbeitet."

Inzwischen will Benken weiter aufkaufen. Er will ein großes Holzverarbeitungsunternehmen in Deutschland erwerben. Nach Informationen der Volksstimme handelt es sich um die Klenk Holz AG (Oberrot/Baden-Würt-temberg), 1250 Mitarbeiter, Jahresumsatz 363 Millionen Euro (2010).

Wenn der Kauf gelinge, müsse "finanztechnisch neu gewürfelt" werden, erklärte Benken im März. Deshalb auch ruhe sein Antrag auf Fördergeld. In Gardelegen aber wolle er auf jeden Fall investieren.

Inzwischen scheint klar: Es wird kein Fördergeld fließen – jedenfalls nicht für Benken. Denn das Wirtschaftsministerium hatte bereits wenige Tage nach der Übergabe des Fördermittelbescheides im Dezember einen Hinweis erhalten, sich doch mal genauer mit Herrn Benken zu befassen. Dem sei das Ministerium "unverzüglich nachgegangen", so die Pressestelle.

Ergebnis: "Das Wirtschaftsministerium hat alle Förderaktivitäten der Investitionsbank gestoppt", bestätigte Sprecherin Beate Hagen. Nicht nur das: "Darüber hinaus hat das Minis-terium selbst die Staatsanwaltschaft in Magdeburg eingeschaltet, nachdem hinreichende Anhaltspunkte für weitere Straftaten vorlagen." Bisher sei aber "kein Euro an öffentlichen Fördergeldern geflossen".

Das Ministerium vertraut bei der Prüfung von Investoren den deutschen Banken. "Bevor In-vestoren einen Fördermittelbescheid erhalten, müssen sie der Investitionsbank des Landes eine Gesamtfinanzierungsbestätigung einer deutschen Bank vorlegen", erläuterte Robin Baake aus der Pressestelle. Und "bevor eine Bank eine solche Bestätigung herausgibt, überprüft sie den potenziellen Investor auf Herz und Nieren".

Kein Gespräch, aber eine Bitte

Ob Benken bei seinen Anträgen im Ministerium auch – wie in Hamburg – mit gefälschten Unterlagen gearbeitet hatte, mochte im Ministerium niemand bestätigen. Das sei nun Sache der Magdeburger Staatsanwaltschaft. Die ermittelt gegen Benken wegen des Verdachtes auf Investitionsbetrug. Tatzeitpunkt sei der November 2010 gewesen.

Andreas Benken will nicht mit der Volksstimme sprechen. Über Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs bat er den zuständigen Redakteur am Mittwoch vergangener Woche, mit der Veröffentlichung doch bis Ende Mai zu warten. Dann sei auch die Sache mit Klenk erledigt.