Jährlich erkranken in Deutschland bis zu 600 000 Patienten an Infektionen, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme stehen. Bis zu 15 000 von ihnen sterben daran. Durch die Einhaltung von Hygienemaßnahmen könnten 20 bis 30 Prozent der Infektionen vermieden werden. Ein neues Gesetz soll dazu beitragen.

Magdeburg. Nicht selten heißt es, dass ein Patient im Krankenhaus kränker geworden ist, als er eingeliefert wurde. Die Zahl von jährlich 600000 Infektionserkrankungen belegt das sehr deutlich. Die Ärzte sprechen dabei von einer sogenannten nosokomialen Infektion, umgangssprachlich auch Krankenhausinfektion genannt. Grund- sätzlich sei es nicht vermeidbar, dass während der Behandlung in Krankenhäusern oder auch in Arztpraxen solche Infektionen auftreten, sagt Dr. Bernd Thriene, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und Leiter der Krankenhaushygiene im Universitätsklinikum Magdeburg. "Die Patienten haben meist ein geschwächtes Immunsystem und können Erreger nicht gut abwehren." Dazu komme, dass viele Infektionen durch resistente Erreger verur-sacht werden, die schwierig zu behandeln seien, weil zum Beispiel Antibiotika nicht anschlügen.

Mängel in der Hygiene sind die Ursache

Das Problem der zunehmenden Krankenhausinfektionen ist seit Jahren bekannt. Auch ein Weg zu ihrer Bekämpfung: Erhöhung der Hygienequalität. Die Infektionsgefahr hängt nämlich stark davon ab, ob in der medizinischen Einrichtung geeignete Hygienemaßnahmen getroffen wurden und davon, ob das Personal die Regeln im Klinik- oder Praxis-alltag auch einhält. Fast ein Drittel der Infektionen, schätzen Experten ein, wären durch die Einhaltung von Hygienemaßnahmen vermeidbar.

Dass es auch anders geht, zeigt die Gesundheitspolitik in den Niederlanden. Dort ist die Häufigkeit des bekanntesten Erregers mit einer speziellen Antibiotikaresistenz – des MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) – 20 Mal niedriger als in Deutschland. Erreicht wird das durch den geringeren Einsatz von Antibiotika, durch die Untersuchung aller Patienten und des Personals in Kliniken auf MRSA, die konsequente Isolierung von infizierten Patienten und die Betreuung der MRSA-Patienten nach der Entlassung durch die Krankenhäuser, weil es keine Trennung zwischen dem ambulanten und stationären Bereich gibt.

Eine Untersuchung aller Patienten vor und während des Krankenhausaufenthaltes auf die Erreger von Krankenhausinfektionen würde von Bernd Thriene sehr begrüßt. "Ein solches Screening scheitert jedoch an den hohen Kosten", sagt er. Ausreichend sei aber auch schon, wenn Risikogruppen von Patienten untersucht würden. Im Uniklinikum gebe es dafür bereits ein MRSA-Aufnahmescreening. "Je genauer die Checkliste bei den Risikopatienten ausgefüllt wird, umso nachhaltiger können Infektionen vermieden werden", sagt der Hygienearzt, der seit mehreren Jahren sehr erfolgreich ein strenges Hygieneregime am Universitätsklinikum aufbaut. Gilt nach der Checkliste ein Patient als möglicher Träger von Erregern, wird eine Laboruntersuchung angeordnet und bei einem positiven Ergebnis der Patient isoliert und entsprechend behandelt.

Thriene hat für das Uniklinikum einen umfangreichen Maßnahmekatalog zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen aufgestellt, der in dieser Form erstmals Eingang in den Qualitätsbericht des Klinikums finden soll. Damit erfüllt die Einrichtung schon Forderungen, die im Entwurf des "Gesetzes zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes und weiterer Gesetze" enthalten sind. Der Entwurf des Gesetzes, das Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) als einen "Meilenstein auf dem Weg zu besseren Hygienestandards" bezeichnet hat, wird nach seiner ersten Lesung im Bundestag jetzt in Ausschüssen behandelt. "Für den 9. Mai ist eine öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss geplant", sagt Jens Ackermann, FDP-Bundestagsabgeordneter aus der Börde, der die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes mit angestoßen hat.

Schwerpunkte des neuen Gesetzes sind:

r Vereinheitlichung der in Deutschland geltenden gesetzlichen Hygienevorschriften

r Stärkung dieser Vorschriften durch die Einführung von Bußgeldtatbeständen

r Hygieneempfehlungen sollen rechtsverbindlich sein

r Qualifikation des Personals in Fragen Infektionshygiene

r Schaffung von Transparenz im Bereich der Hygienequalität der Krankenhäuser

r bessere Bezahlung für die Behandlung infizierter Patienten im ambulanten Bereich.

Die Bundesländer werden verpflichtet, auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes Verordnungen zur Infektionshygiene und zur Prävention von resistenten Krankheitserregern in medizinischen Einrichtungen, darunter auch Senioren- und Pflegeheime, zu erlassen. Bisher haben nur sieben Länder Krankenhaushygieneverordnungen erlassen. Sachsen-Anhalt gehört nicht dazu. Mit dem Krankenhausgesetz seien die Krankenhäuser verpflichtet, die Empfehlungen zur Hygiene des Robert-Koch-Instituts einzuhalten, heißt es dazu aus dem sachsen-anhaltischen Gesundheitsministerium. Die Gesundheitsämter führten regelmäßig Kontrollen durch, ob diese Empfehlungen eingehalten werden. Das bestätigt Claudia Kohlstock vom Landesamt für Verbraucherschutz, die für den Fachbereich Hygiene zuständig ist. Sie ist maßgeblich am Aufbau des "Netzwerkes Hygiene in Sachsen-Anhalt" (HYSA) beteiligt, das zur Prävention und Reduktion nosokomialer Infektionen, die durch MRSA und andere multiresis-tente Erreger hervorgerufen werden, beitragen will. In dem erst vor wenigen Monaten gegründeten Netzwerk, das bundesweit beispielgebend ist, arbeiten Gesundheitsämter, Ärzte, Kassen, Krankenhäuser und die Liga der Freien Wohlfahrtspflege zusammen. Ziel sei es, so Kohlstock, Hygienemaßnahmen in den Einrichtungen zu vereinheitlichen, die Kommunikation zwischen den Einrichtungen zu optimieren und die Problemkeime einheitlich statistisch zu erfassen. Im zweiten Halbjahr sollen auch regionale Netzwerke gegründet werden.

Hände sind die häufigsten Überträger

Zur Bekämpfung der Krankenhausinfektionen wurde ges-tern am Uniklinikum zu einem Aktionstag "Saubere Hände" eingeladen. Neben Vorträgen wurden die Teilnehmer auch zu einer freiwilligen Untersuchung der Hände nach einer Händedesinfektion durch Dermatologen eingeladen. Und siehe da: Trotz des Einreibens mit einem Desinfektionsmittel zeigten sich an manchen Stellen im UV-Licht noch unbenetzte Hautpartien, die Träger von Keimen hätten sein können. Experten bestätigen, dass die Hände des medizinischen Personals die häufigsten Überträger von Krankenhausinfektionen sind. Mit Händewaschen alleine ist es nämlich nicht getan. Nach jedem Patientenkontakt ist es notwendig, die Hände durch eine genau definierte Einreibmethode zu desinfizieren, und zwar mindestens 30 Sekunden lang in sechs Schritten. "Leider wird diese Grundregel noch zu wenig beachtet", sagt Thriene. "70 Prozent der Schwestern halten sich daran, aber nur jeder zweite Jungarzt." Das Uniklinikum beteilige sich deshalb an der Aktion "Saubere Hände", wie 15 weitere Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt.

Das Dilemma der Krankenhaushygiene wird auch darin deutlich, dass im Uniklinikum dieser Bereich mit einer halben Stelle für einen Krankenhaushygieniker, zwei Fachhygieneschwestern und drei Assistentinnen besetzt ist. Bei der Zahl von 1000 Betten sollten es drei Hygieneärzte und fünf Schwes- tern sein, sagt der Entwurf des neuen Gesetzes. Thriene befürchtet, dass dieser Personalschlüssel erst 2020 erreicht wird.

 

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