Das Landesverwaltungsamt in Halle hat ein zunächst ruhendes Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Hähnchenschlachtbetrieb Wiesenhof Möckern wieder aktiviert. Die Vorwürfe: Die Temperatur der Schlachttiere sei zu hoch, und die vorgegebenen Fleischkontrollzeiten würden permanent unterschritten. Wiesenhof hatte in der Vorwoche alle Vorwürfe bestritten.

Möckern. "Alle Vorwürfe sind nachweislich falsch", hatte Wiesenhof-Geschäftsführer Michael Schnönewolf in der Vorwoche behauptet. Zuvor hatte das Magazin "Stern" eine Reihe von Hygienemängeln in dem zur PHW-Gruppe gehörenden Betrieb aufgelistet. So seien Schlachttiere mit Magen-Darm-Inhalt verunreinigt, es gebe Schimmel an Wand und Decke, und die Behörden hätten 2010 "erhebliche Verletzungen hygienerechtlicher Bestimmungen" erkannt.

Wiesenhof hatte gekontert, man habe alle Mängel abgestellt, es gebe lediglich bei zwei Sachverhalten "unterschiedliche Auffassungen". Unterstützt wurde die Firma durch Lothar Finzelberg, den parteilosen Landrat des Jerichower Landes, der gemeinsam mit den Wiesenhof-Chefs bei einem Pressetermin ostentativ ein Brathähnchen verzehrte. Finzelberg ist zugleich Dienstherr der zuständigen Veterinäraufsicht.

Wiesenhofs Lesart des Falles: Die Staatsanwaltschaft Stendal hat die Ermittlungen eingestellt, also ist an den Vorwürfen nichts dran.

"Doch das stimmt nicht", sagte Denise Vopel, Sprecherin des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt. In mehreren Schreiben hatten Finzelbergs Mitarbeiter in den vergangenen Jahren detailliert Verstöße gegen behördliche Auflagen aufgelistet. "In der EU-Zulassung von 2008 war etwa festgelegt worden, dass der Betrieb für die Fleischkontrolle mindestens 1,5 Sekunden Zeit pro Tier gewährleisten muss. Diese Zeit wird regelmäßig unterschritten", sagte die Sprecherin des Landesverwaltungsamtes. Nach amtlichen Unterlagen, die der Volksstimme vorliegen, blieb den Kontrolleuren zwischen dem 31. August und dem 22. Oktober 2010 meist weniger als eine Sekunde Zeit. Die Unterschreitungen resultieren daraus, dass Wiesenhof die Schlachtbänder schneller laufen lässt, um mehr Tiere schlachten zu können. Am 6. September 2010 etwa wurden laut Akten 163 856 Hähnchen geschlachtet. Den Kontrolleuren blieb an diesem Tag im Schnitt nur eine Kontrollzeit von 0,74 Sekunden pro Tier. In dem Zeitraum wurde lediglich an einem Tag eine durchschnittliche Kontrollzeit von einer Sekunde erreicht, an allen anderen Tagen weniger.

Nach Angaben des Landesverwaltungsamtes seien zudem in vielen Schlachttieren zu hohe Temperaturen festgestellt worden. Die Behörde hatte maximal vier Grad Celsius erlaubt. Dokumentiert wurden stattdessen bis zu 9,1 Grad.

Wegen Verstößen gegen andere Hygienemängel hatte das Landesverwaltungsamt gegen Wiesenhof 2010 bereits Zwangsgelder über 100 000 Euro verhängt, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet und für die Dauer der Ermittlungen das eingeleitete Bußgeldverfahren ruhen lassen. "Jetzt werden wir das stringent durchziehen", sagte Sprecherin Vopel. Wiesenhof klagt dagegen vor dem Verwaltungsgericht Magdeburg. Eine Entscheidung steht noch aus.

Ebenfalls vor Gericht dürfte das jetzt reaktivierte Bußgeldverfahren landen, falls die Behörde Strafen verhängen sollte. Möglich wären bis zu 50 000 Euro sowie eine Abschöpfung der zusätzlichen Gewinne.

Während Finzelberg sich öffentlich auf die Seite von Wiesenhof stellte, nimmt Agrar- und Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) die Kontrolleure gegen Kritik in Schutz. Der Volksstimme sagte Aeikens gestern: "Die staatliche Lebensmittelüberwachung muss eine ordnungsgemäße Fleischkontrolle gewährleisten, daran gibt es keinen Zweifel. Der Verbraucher muss sich auf unsere Produkte verlassen können."