Magdeburg. Akademische und industrielle Forschung unterscheiden sich für den ehemaligen Vizepräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Gerhard Wegner, nur in einem "r". Erstere sei mit ihrer Ausrichtung auf das Neue revolutionär, letztere mit der Nutzenorientierung evolutionär, sagte Wegner gestern bei einem Vortrag am Magdeburger Max-Planck-Institut (MPI). Der 71-Jährige eröffnete die neue Veranstaltungsreihe "Industrial Workshop", in der das MPI künftig alle zwei Jahre Projekte vorstellen will, die Brücken zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung schlagen.

Das Thema hat in Sachsen-Anhalt gerade eine besondere Aktualität, wird doch in politischen und ökonomischen Kreisen seit Monaten über eine wirtschaftsnähere Forschung nachgedacht und soll doch die Wissenschaft künftig unter dem gleichen Ministeriumsdach wie die Wirtschaft angesiedelt werden.

Wegner passt sich in diesen Trend nun allerdings gar nicht ein. Seiner Ansicht nach kann akademische Forschung niemals die "verlängerte Werkbank" der Industrie sein. Es sei auch sinnlos, überall und jederzeit die Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen herausstellen zu wollen, so der wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts für Mikrotechnik in Mainz und langjährige Direktor des dortigen MPI. Neben der Bring-Schuld der Wissenschaft gebe es auch eine Hol-Schuld der Industrie: Sie müsse den Wert neuer Erkenntnisse erkennen und in Innovationen ummünzen.

Wegner sieht die akademische und die industrielle Forschung völlig unterschiedlich motiviert. Auf akademischer Seite gehe es zuvorderst immer um den Drang nach Erkenntnis. Die Industrie hingegen richte sich an neuen Chancen am Markt aus. Der aber sei für den Wissenschaftler "völlig uninteressant". Jener müsse sich nicht mit der Komplexität der Wirtschaft auseinandersetzen, so Wegner, und das sei "auch gut so: Sonst würde er sich nicht auf seine revolutionäre Rolle konzentrieren".

Gleichwohl hält der Mainzer die Ungleichheit von akademischer Forschung und industrieller Praxis für wertvoll – sofern beide Seiten Verständnis für die jeweils andere aufbringen. Die Praxis könne eine "unerschöpfliche Quelle" für neue Forschungsansätze sein, meint Wegner. Daher sollten Forscher den Praktikern "mit niemals nachlassendem Interesse begegnen".