Das Kernkraftwerk Stendal sollte das größte KKW Deutschlands werden und der DDR aus ihrer prekären Energiesituation heraushelfen. Seit der Planung, Mitte der 1970-er Jahre, war das "sozialistische Großprojekt" zudem ein wichtiges Betätigungsfeld des Ministeriums für Staatssicherheit. Ab 12. Mai informiert die Magdeburger Außenstelle der Jahn-Behörde durch eine Ausstellung in Wittenberge (Brandenburg) über die Stasi und das KKW.

Stendal. Am 12. August 1989 fährt ein Major des Volkspolizeikreisamts Magdeburg auf dem Weg zur Arbeit unweit der Großbaustelle des KKW Stendal an einem Acker vorbei. Er glaubt erst, seinen Augen nicht zu trauen. Etwa einen Kilometer von Sandau (Kreis Stendal)entfernt an der Fernstraße 107 springt ihn ein Plakat förmlich an. Die Aufschrift: "No Atomstrom in mein Wohnhome".

Der Protest gegen das KKW Stendal wird umgehend dem VPKA Havelberg gemeldet. Um 6.30 Uhr sind Polizisten vor Ort. Das Transparent wird entfernt und die gemeinsamen Ermittlungen von Polizei und Staatssicherheit beginnen. Derjenige, der das Plakat aufgestellt hat, wird allerdings nie ausfindig gemacht.

Ein kleine Episode aus der Bauphase des Kernkraftwerks Stendal, die deutlich macht, dass die Überwachung der Baustelle, der dort Beschäftigten und möglicher "staatsfeindlicher Störer" von Anfang an ganz oben in der Aufgabenliste des MfS stand.

Standort für drittes KKW sollte Hohenwarthe sein

Das erste Dokument stammt bereits aus dem Jahr 1972. Darin wird die Bezirksverwaltung des MfS von ihrer Burger Kreisdienststelle darüber informiert, dass für ein drittes DDR-KKW der Standort "Hohenwarthe-Ost" (Jerichower Land) ausgewählt wurde.

Doch dieser Vorschlag wird gekippt. Anfang 1973 steht Niedergörne bei Stendal als Standort fest. Die Begründung lautete, dass die Reaktoren "eine starke Ausstrahlung haben und dieses Gelände am besten dafür geeignet ist, weil hier eine äußerst niedrige Bevölkerungsdichte vorhanden ist".

Für die Überwachung der Bauarbeiten des sensiblen Objekts, 15 Kilometer von Stendal entfernt, wird ein Jahr später die "Operativgruppe KKW", bestehend aus drei Mitarbeitern, ins Leben gerufen. Zur "politisch-operativen Absicherung", wie es heißt. Anfang der 1980-er Jahre wird die Gruppe erweitert und zu einem Referat der Stasi-Kreisdienststelle Stendal ausgebaut.

1987 werden die Referate "Bau" und "Betreiber" mit sechs beziehungsweise vier Planstellen für "Hauptamtliche" geschaffen.

Aufgeboten wurde zudem ein großer Stab von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM).

Der geballten Geheimdienstkraft oblag es unter anderem, die KKW-Mitabeiter auf Sicherheit zu überprüfen sowie Einfluss auf Planung und Leitung der Arbeiten zu nehmen.

So arbeiteten Ende der 1980-er Jahre rund 1800 Ausländer auf der Baustelle. Darunter mehr als 800 Polen. Um diese Gastarbeiter unter Kontrolle zu haben, arbeitete die Stasi eng mit einem sogenannten Operativ-Posten des polnischen Innenministeriums zusammen.

Ein Hand-in-Hand beim Bespitzeln von Bauarbeitern, deren Familien und Bekannten gab es auch mit der Spionageabwehr, der für die Volkswirtschaft und die Verkehrswege zuständigen MfS-Abtei- lungen sowie mit der Abteilung 1 der Kriminalpolizei, die über ein eigenes Netz von verdeckt arbeitenden "Ehrenamtlichen" auf der Baustelle verfügte.

Ende 1988 spitzelten auf der 400 Hektar großen Baustelle rund 100 IM.

Immer wieder standen Baumängel und -verzögerungen im Fokus des DDR-Geheimdienstes. So legte das MfS im März 1989 den "Operativen Vorgang ,Kreislauf‘" gegen Unbekannt an. Hintergrund war, dass bei der Bau- und Montageausführung der Hauptanlagen des Kraftwerks über einen längeren Zeitraum schwerwiegende Mängel aufgetreten waren. Durch den "OV" sollten "Personen ausfindig gemacht werden, die persönlich für die Zustände haftbar gemacht werden könnten".

Bereits im Jahr zuvor, am 6. September 1988, hatte die ARD-Sendung "Report" das MfS aufgeschreckt. Der Ungar Karoly Ötvös hatte darin über die Zustände auf der Baustelle KKW III berichtet, nachdem er dort mehr als ein Jahr lang als Prüfingenieur der Technischen Kontrollorganisation tätig gewesen war. Der Titel des Beitrags: "Die bauen kein AKW – die basteln sich eins."

Unterlagen belegen, dass die Stasi den Wahrheitsgehalt der Angaben des Polit-Magazins überprüfte.

Spätestens seit Tschernobyl gab es im Umfeld der Baustelle verstärkt Proteste gegen das KKW Stendal. So forderte der Stendaler Friedenskreis in einer Eingabe an Erich Honecker den Stopp des Baus. Die Stasi begann umgehend mit sogenannten offensiven Maßnahmen gegen die Unterzeichner der Petition.

Doch bereits Anfang der 1980er Jahre landeten Proteste auf dem Tisch des Ministeriums. Der erste Protest datiert vom 21. Januar 1980. Eine Mitteilung an den MfS-Bezirkschef lautet: "... es ragt lediglich der anonyme Briefeschreiber (...) an den Rat des Kreises Stendal heraus, der sich offen gegen den Bau des KKW III aussprach."

1983 ging die Kreisdienststelle Stendal davon aus, "dass es im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks zu Aktivitäten im Rahmen des Umweltschutzes durch die Kirche kommen wird". Diesen Aktivitäten müsse entgegengewirkt werden.

Die Stasi listete alle Öko- und Friedensgruppen auf, um besser im "Zentralen Operativen Vorgang ,Widerstand‘" gegen die Anti-Atom-Aktivisten vorgehen zu können.

Friedenskreis Stendal: Deckname "Neurologe"

Zu den KKW-Gegnern gehörten der Stendaler Friedenskreis, Frieden-, Ökologie und 2/3-Weltgruppe Mieste, Friedensarbeitskreis der Evangelischen Martinsgemeinde Magdeburg, Öko-Kreis des Kirchenkreises Leitzkau/Zerbst und Öko-Gruppe der Magdeburger Domgemeinde.

Die Stendaler Stasi richtete 1987 ihr Augenmerk innerhalb des "Operativen Vorgangs ,Neurologe‘", verstärkt mit dem Friedenskreis Stendal, der sich "zu einem operativen Schwerpunkt der Inspirierung von Aktivitäten gegen die friedliche Kernpolitik der DDR entwickelt hat". 1987 machte der Leiter der KD Stendal den Vorgang zur Chefsache. Die Jagd auf die Stendaler Bürgerechtlerin Erika Drees und ihre Mitstreiter wurde eröffnet.

Von nun an scharten sich um die Friedensrechtlerin IM. Kaum ein Schritt der Stendalerin blieb unbeobachtet. So auch während eines Vortrags am 16. November 1987 im Dom der Altmarkstadt.

Der "Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit" (GMS – Vorstufe zum IM), Deckname "Klaus Herbst", der bei der Veranstaltung innerhalb der Friedensdekade anwesend war, berichtete seinen Auftraggebern unter anderem: "Frau Drees verteilte in ihrem Freundeskreis Handzettel." Seinem Bericht legte er zugleich eines dieser Anti-Atomkraft-Schreiben bei.

Zu den Überwachungsdokumenten des MfS gehört weiterhin der Bericht über den "Missbrauch einer öffentlichen Veranstaltung" am 9. Februar 1987. "Frau Drees nutzte eine öffentliche Veranstaltung des Bezirkshygieneinstituts Magdeburg, (...) um auf das Anliegen des ,Stendaler Friedenskreises‘ gegen den Bau des KKW aufmerksam zu machen."

Die Stasi-Abteilung 26 (Technische Abhörmaßnahmen) schnitt nach der Veranstaltung die Gespräche zwischen der Anti-Atomkraft- Aktivistin und Teilnehmern mit.

Inoffizielle Mitarbeiter des MfS waren auch dabei, als am 1. Mai 1988 im Demonstrationszug zum "Kampf- und Feiertag der internationalen Arbeiterklasse" ein Anti-Atomkraft-Plakat auftaucht. Im Bericht heißt es: "Frau Drees zeigte ein selbstgefertigtes Plakat während der Demonstration in Stendal, das sie in der Nacht zuvor in der Berliner Straße in der Nähe des Versorgungszentrums für Medizintechnik unter einer Treppe versteckt hatte." Das Plakat trug die Aufschrift: "Atomwaffen und Kernenergie FREIE ZONE in EUROPA, denn KKW SIND ZEITBOMBEN." Auf der Rückseite habe sich "das offizielle staatliche Kernenergiezeichen" befunden.

Ein zweites Plakat mit der Forderung "Abrüstung statt Kernenergie", der Abbildung einer weiblichen Person mit den Worten "Verfluchter Segen" sei nicht mehr gezeigt worden, "da Frau Drees von drei Angehörigen in Zivil aus dem Demonstrationszug herausgelöst und dem VPKA zugeführt wurde". Das Geschehen sei von einem Bürger fotografiert worden. "Der Film wurde beschlagnahmt und eingezogen und liegt dem MfS vor", heißt es weiter im Bericht.

Ende der 1980er Jahre fiel der Stasi immer mehr das Interesse am KKW durch Bürger auf. Beiträge westlicher Medien zeigten Wirkung. So wurden von März bis Mai 1989 durch "operative Kontrollen des MfS" 92 Bürger festgestellt, die sich "unberechtigt an der Baustelle aufgehalten" haben.

 

Bilder