Die Hunde werden als Mantrailer bezeichnet und sind die Supernasen der Supernasen. Denn die Spezialisten unter den Fährtenhunden erschnuppern Menschen noch nach Monaten. Kürzlich waren einige dieser vierbeinigen Detektive zum ersten Mal für die Mordkommission der Polizeidirektion Nord (Magdeburg) im Einsatz.

Magdeburg. Andrea Freiin von Buddenbrock lässt am 8. Dezember 2010 "Qincy" vor dem Treppenaufgang des Mordhauses am Magdeburger Heumarkt an einem Wattetupfer schnuppern. Das sterile Stäbchen war einige Stunden zuvor mit dem Zopf, den sich der Tatverdächtige abgeschnitten und in seiner Wohnung aufbewahrt hatte, in eine Plastiktüte gelegt worden.

Der Gordon Setter nimmt die Witterung des mutmaßlichen Doppelmörders auf und führt sein "Frauchen" in Polizeibegleitung zwei Stunden durch das verschneite Magdeburg. Die Nase witternd nach oben und nicht wie normale Fährtenhunde über dem Boden. Von Cracau über die Brücken bis zum Allee Center, weiter zum Job Center und City Carré, durch den Bahnhof, die Olvenstedter Straße, durchs Glacis bis zum Gefängnis.

Dort saß damals der tatverdächtige Engländer, der sich kurz zuvor der Polizei gestellt hatte, in Untersuchungshaft. Er war mit dem Auto von Frankfurt in die Haftanstalt überführt worden. Von Buddenbrock: "Quincy hätte uns bis vor die Zellentür geführt, wenn man uns eingelassen hätte."

"... ohne dass sie die Aussagen des Angeklagten kannten"

Emil, Ella und Paul aus der Mantrailer-Schule von Andrea von Buddenbrock und Susan Miller im nordrhein-westfälischen Ratingen führen die Mordermittler am selben beziehungsweise einen Tag später unter anderem an der Suchtberatung Kielstein (dort war der Engländer in Behandlung) vorbei bis zum Hasselbachplatz und zu einem Innenstadt-Café (Täter Gary N.: "Dort habe ich mir am Tattag Drogen besorgt.") bis zum Bahnhof.

Harald Meier, Chef der Mordkommission für das nördliche Sachsen-Anhalt: "Die Hunde haben uns alle Anlaufpunkte gezeigt, die auch der Tatverdächtige angegeben hatte. Darüber hinaus weitere, an die sich der Drogensüchtige selbst gar nicht mehr erinnern konnte."

Eine erfolgreiche Suche, mehr als zwei Monate nach der Tötung von zwei Menschen in Magdeburg-Cracau. Obwohl es geschneit hatte, die Stadt mit Weihnachtsmarktbesuchern und Menschen, die Geschenke für das kommende Fest einkaufen wollten, voll war, trotz der vielen Gerüche, die die Spur des Täters seit dem 22. Oktober überdeckt hatten. Die Mantrailer ließen sich davon jedoch nicht ablenken.

Selbst die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Magdeburg, die den Fall in diesem Monat verhandelte, war beeindruckt. So sehr, dass die Vorsitzende Richterin Claudia Methling in ihrer Urteilsbegründung hervorhob, dass die Hunde, "ohne dass sie die Aussagen des Angeklagten kannten, die Polizei an seine Aufenthaltsorte geführt haben".

Auf die Spur der Mantrailer war Andreas Rasehorn von der Magdeburger Mordkommission gekommen. Der Kommissar hatte im Oktober des vergangenen Jahres in Bremen an einer Veranstaltung zum Thema "Todesermittlungen" teilgenommen.

"Unter anderem ging es dabei um den Leipziger Mordfall Michelle (Die Achtjährige war am 21. August 2008 missbraucht und ermordet worden). Dabei kam auch die hervorragende Rolle zur Sprache, die die Spezialhunde aus Ratingen gespielt hatten."

Rasehorn kam einen Tag nach den Heumarkt-Morden nach Magdeburg zurück. Und das Team des 2. Fachkommissariats entschloss sich, das Können der Maintrailer für den aktuellen Fall zu nutzen – zum ersten Mal im Norden Sachsen-Anhalts. In Halle waren die Hunde zuvor schon einmal eingesetzt worden.

"Mussten erst die Staatsanwaltschaft überzeugen"

"Natürlich war die ganze Sache auch eine Geldfrage", sagt der erste Kriminalhauptkommissar Harald Meier. "Deshalb mussten wir erst die Staatsanwaltschaft davon überzeugen, dass die Mantrailer zum Joker bei der – damals noch – Suche nach Gary N. sein könnten." Die Anklagebehörde nickte letztlich ab.

Nachdem der Vertrag mit von Buddenbrock/Miller geschlossen worden war, hatte sich der Engländer zwar selbst gestellt. Aber es seien noch Fragen offen geblieben, so Meier. "Wir wollten das Tatmesser finden und auch die blutige Kleidung. Außerdem war es wichtig für uns abzugleichen, ob die Angaben des Engländers zum sogenannten Bewegungsbild mit dem Bewegungsbild, das die Hunde erschnüffeln, übereinstimmen."

Messer und Bekleidung wurden allerdings nicht gefunden. Der inzwischen aufgrund von Schuldunfähigkeit in die Psychiatrie eingewiesene Täter will Tatwaffe und Kleidung in eine Plastiktüte verpackt und in die Elbe geworfen haben.

Alle anderen Orte – einschließlich des Hauptbahnhofs, von wo aus Gary N. nach Halle gefahren war, "nannten" die Hunde den Frauen aus Ratingen.

Andrea von Buddenbrock ist die Trainerin von Mantrailern in Deutschland. 180 Tage im Jahr sind ihre Hunde im Einsatz und die Suche nach Straftätern sei inzwischen fast zu ihrem Hauptjob geworden, sagt die 39-jährige Anästhesie-Ärztin, die mehrere Bücher über Mantrailing veröffentlicht hat.

Begonnen habe der "Hauptnebenjob" vor elf Jahren. "Mein Gordon Setter ,Anton‘ hatte sich einen Lendenwirbel gebrochen. Deshalb konnte der Suchhund nicht mehr in unwegsamem Gelände arbeiten." Aus den USA habe sie von Spezialhunden gehört, die selbst noch nach Wochen Spuren aufnehmen können.

"Ich habe ,Anton‘ ausgebildet.Er wurde mein erster Mantrailer." 2007 dann der erste Einsatz. "Am Niederrhein war ein Serienvergewaltiger unterwegs. Die örtliche Polizeibehörde wollte den Versuch mit den bis dato in Deutschland unbekannten Hunden wagen." Und der sei erfolgreich gewesen. ",Anton‘ hat ein Bewegungsbild erstellt und verraten, welche Wege der Täter bevorzugt. Dort legte sich das Mobile Einsatzkommando auf die Lauer und stellte den Mann."

"Hoher Ausbildungsaufwand nicht gerechtfertigt"

Noch im selben Jahr führte der Spezialhund die Ermittler im Falle des Sexualmords Hannah in Königswinter bei Bonn bis vor die Haustür des Täters.

Ganz gleich ob "Ehrenmorde" oder die Tötung der neunjährigen Corinna in Eilenburg bei Leipzig – Quincy, Emil, Ella, Robin, Paul und Till haben in Ermittlerkreisen inzwischen einen Namen.

"Einige Bundesländer wie Thüringen und Nordrhein-Westfalen haben eigene Mantrailer", sagt von Buddenbrock. "Ihr Mangel ist jedoch, dass sie nicht in der Lage sind, die Spur von Personen aufzunehmen, die in einem Auto saßen. Wie im Magdeburger Fall des Engländers.

Sachsen-Anhalt gehört zu den Ländern, in denen es keine Mantrailer gibt. Wie das Innenministerium mitteilte, sei "der hohe Ausbildungsaufwand für landeseigene Mantrailer gegenüber den wenigen Einsatzfällen mit einem nicht sicheren Erfolg nicht gerechtfertigt".

Man bevorzuge Hunde, die sowohl als Schutz- als auch als Fährtenhund ausgebildet werden. Nach Einschätzung der Landes-Diensthundeführerschule seien sogenannte Bloodhounds oder Mantrailer weniger als Schutzhund geeignet.

Somit werden wohl die Hunde aus Ratingen demnächst wohl wieder in Sachsen-Anhalt anzutreffen sein. Ob das jedoch preiswerter ist, ist fraglich.