Magdeburg. Die ostdeutsche Sportlerlegende "Täve" Schur soll nicht in die 2008 von der Deutschen Sporthilfe (DSH) initiierte "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen werden (Volksstimme berichtete). Diese Entscheidung einer Jury aus Sport-, Politik- und Wirtschaftsvertretern wird in Medien und von Politikern kontrovers diskutiert.

Bisher hielten 45 Sportler Einzug in die Ehrenhalle. Dazu gehören Steffi Graf, Katarina Witt, Heiner Brand, Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer. Bei einer zweiten Aufnahmewelle, bei der nun Athleten aufgenommen werden sollen, die ihre Erfolge zwischen 1949 und 1972 gefeiert haben, waren ursprünglich 200 Personen vorgeschlagen worden. 21 wurden nun ausgewählt, am 20. Mai im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff feierlich in die Ruhmeshalle einzuziehen – symbolisch, versteht sich.

Doch diese Symbolik ist im Fall "Täve" Schur von großer Bedeutung. DDR-Dopingopfer hatten den ehemaligen Radsportstar als eine "zentrale Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports" bezeichnet und damit für Diskussionen gesorgt.

Für die "Süddeutsche Zeitung" ist die Sache klar: "Vermutlich hätte das mit der Hall of Fame jetzt auch geklappt – hätte Schur nach Abwicklung des Arbeiter- und Bauernstaats öfter mal den Mund gehalten", heißt es in einem Beitrag vom 12. Mai. Schur sei nicht nur Sportler gewesen, sondern auch eine politische Figur: SED-Abgeordneter in der Volkskammer, später Sport-Sprecher der PDS im Bundestag. "In dieser Rolle hat er sich alle Mühe gegeben, die Aufklärung des DDR-Zwangsdopings zu torpedieren", so die "Süddeutsche". Das Blatt zitiert auch aus der gerade erschienenen Biografie von Täve Schur. Die Radsportlegende schreibt darin, dass beim Volksaufstand in Ungarn 1956 die sowjetischen Truppen einmarschiert seien, um "dem Morden konterrevolutionärer Putschisten ein Ende" zu machen. "Das war der Jury selbst für eine Ruhmeshalle ehemaliger Athleten zu viel Spinnerei", schlussfolgert die "Süddeutsche".

Bei der Entscheidung der Jury wären zwei Problemfelder in den Mittelpunkt gerückt: Die Rolle ostdeutscher Kandidaten im DDR-System und die Frage nach deren Doping-Vergangenheit. "In dieser Hinsicht ist nun vor allem Renate Stecher umstritten, die Sprint-Olympiasiegerin von 1972", schreibt die Zeitung. Im Gegensatz zu Schur soll Renate Stecher in die Hall of Fame. "Sie behauptet, nicht in den DDR-Staatsdoping eingebunden gewesen zu sein, Indizien widersprechen dieser Darstellung. Deshalb sei aus Sicht von DDR-Dopingopfern das ganze Projekt diskreditiert."

Die Fraktion der Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt reagierte gestern mit einer Stellungnahme auf die "Hall of Fame"-Diskussion. "Die Entscheidung macht in erschreckender Weise die Missachtung ostdeutscher Biografien und der Lebensleistung der Menschen in der DDR durch das Entscheidungsgremium deutlich", heißt es darin. An der sportlichen Leistung von "Täve" Schur dürfte niemand Zweifel hegen. Dopingvorwürfe gegen ihn seien nie erhoben worden und wären bei ihm wohl auch absurd. Für die Staatssicherheit habe er nachweislich nicht gearbeitet. Daraus schlussfolgert die Linke: "Der Vorwurf, er hätte sich politisch in der DDR instrumentalisieren lassen, ist insofern absurd, als dass dieser Vorwurf bei der intensiven Verbindung von Politik und Sport wohl gegen die Mehrheit von Leistungssportlern in der Vergangenheit erhoben werden könnte. Dann wäre die Hall of Fame des Sports bedeutend leerer."

Dass "Täve" Schur umstrittene politische Positionen vertritt, dürfe kein Grund dafür sein, dass man ihm die verdiente Ehrung seiner sportlichen Lebensleistung verwehrt. "Dass dies trotzdem geschieht, verstärkt nachdrücklich den Eindruck, dass Ostdeutsche Menschen 2. Klasse sind", so die Linke in ihrer Stellungnahme. Die Partei beklagt, dass die Entscheidung gegen Schur von einer "scheinbar ideologisch verblendeten Kommission" getroffen wurde.

"Täve" Schur selbst nahm im MDR-Fernsehen zu der Auseinandersetzung Stellung. Er sei sehr enttäuscht, nicht in die Ruhmeshalle aufgenommen zu werden. "Ich hätte es für besser gehalten, wenn sportkundige Personen entschieden hätten oder zumindest ein größeres Gremium. Am besten wäre eine Volksabstimmung gewesen", so der 80-Jährige in der Nachrichtensendung "Sachsen-Anhalt heute".