Sachsen-Anhalts Schulen sollen mehr Entscheidungsfreiheit bei Budgets und Personalentscheidungen bekommen. Der neue Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) plädiert im Interview mit Winfried Borchert außerdem für die freiwillige Gründung von Gemeinschaftsschulen, verspricht aber zugleich, es werde keine Schulform bevorzugt oder benachteiligt.

Volksstimme: Herr Dorgerloh, das Thema Gemeinschaftsschule war zwischen CDU und SPD hart umkämpft, dann einigte man sich auf eine freiwillige Einführung. Was aber, wenn sich in den nächsten Jahren keine Schule freiwillig in eine Gemeinschaftsschule umwandelt?

Stephan Dorgerloh: Ich messe den Erfolg meiner Arbeit nicht daran, wie viele Gemeinschaftsschulen es 2016 im Land gibt. Da sind mir deutlich niedrigere Zahlen von Schulabbrechern und bessere Abschlüsse bedeutendere Gradmesser. Wichtig ist, die Schule aus ideologischen Debatten herauszuhalten. Die Gemeinschaftsschule darf nicht zu einer Glaubensfrage werden. Bildungspolitik eignet sich generell schlecht für ideologische Auseinandersetzungen. Die Crux ist, dass diese Tatsache oft missachtet wird.

Volksstimme: Warum hat die SPD so sehr für die Gemeinschaftschule gekämpft?

Dorgerloh: Aus sozialen Gründen, aber auch wegen der Bevölkerungsentwicklung. Das demografische Echo wird 2020 die Schulen erreichen. Die große Herausforderung wird sein, dann noch alle Schulabschlüsse in dünn besiedelten Regionen zu ermöglichen, ohne, dass Kinder noch mehr Zeit im Schulbus verbringen. In Schleswig-Holstein haben sich Gemeinschaftsschulen in ländlichen Regionen bewährt. Landräte kämpfen darum, egal ob von SPD oder CDU. Auch bei uns erlebe ich eine große Offenheit bei Kommunalpolitikern.

Die Gemeinschaftsschule ist zugleich eine Frage der Bildungsgerechtigkeit. Die Entscheidung über den Bildungsweg nach der vierten Klasse bedeutet eine sehr frühe Vorbestimmung. Studien zeigen, dass das für einen kleinen Teil der Kinder machbar ist, aber eben für den Großteil zu früh. Wir dürfen kein Kind verlieren und müssen deshalb versuchen, die Bildungswege so lange wie möglich offen zu halten. Ich glaube, die Gemeinschaftsschule wird als zusätzliches Angebot das Modell der Zukunft in Deutschland sein.

Volksstimme: Gegner der Gemeinschaftsschule argwöhnen, Sie wollten diese Schulform privilegieren, etwa über Ausnahmegenehmigungen für wacklige Sekundarschulen oder Gymnasien, die sich dann notgedrungen umwandeln. Ist etwas daran wahr?

Dorgerloh: Nein. Im Koalitionsvertrag ist verabredet, dass es keine Besser- und keine Schlechterstellung der Gemeinschaftsschule geben wird. Es darf keine Bevorzugung irgendeiner Schulform geben, weil dies zugleich eine Benachteiligung der anderen bedeuten würde.

Volksstimme: Im Koalitionsvertrag haben SPD und CDU viel zur Bildungspolitik aufgeschrieben. Etliches liest sich wie ein Wunschkatalog. Was lässt sich damit anfangen?

Dorgerloh: Wir haben längst nicht alles reingeschrieben, was wir uns wünschen, sondern geschaut, was ist nötig und machbar. Ein Koalitionsvertrag ist kein Gesetzestext. Hier geht es darum, politische Zielstellungen zu verabreden. Die Details sind Sache von Regierung und Parlament. Wir sind gerade dabei, die Zielrichtungen in ein Regierungsprogramm zu übersetzen mit konkreten Zeitplänen, sorgfältiger Vorbereitung und Konzentration auf das Schaffbare. Dafür hat der Bildungskonvent sehr durchdachte Grundlagen geschaffen. Bei allem werden wir immer mit Augenmaß versuchen, Dinge zu verbessern, Gutes weiter laufen zu lassen. Wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, irgendwelche Glaubenssätze zu verwirklichen.

"Nicht versuchen, das Kind dem System anzupassen"

Volksstimme: Im Koalitionsvertrag steht auch, die individuelle Förderung von Schülern soll verbessert werden. Zugleich sollen Ganztagsangebote ausgebaut werden. Wie soll das gehen ohne zusätzliches Personal und Geld?

Dorgerloh: Wir sind uns einig, dass Bildung für die Entwicklung des Landes – wirtschaftlich, sozial und zivilgesellschaftlich – eine zentrale Rolle spielt. Dabei dürfen wir die finanzielle Leistungsfähigkeit des Landes nicht aus dem Blick verlieren.

In der individuellen Förderung muss vieles allmählich wachsen, ausgehend von der Lehreraus- und -fortbildung. Wir wollen den gemeinsamen Unterricht stärken – ein Element individueller Förderung. Auch die Ausbildung und der Einsatz Pädagogischer Mitarbeiter brauchen ein neues Konzept. Es muss möglich sein, mit kleineren Gruppen sowie mit Unterstützern im Unterricht zu arbeiten. Nur dann kann individuelle Förderung gelingen.

Volksstimme: Bisweilen hat man heute den Eindruck, Kinder müssten für das Schulsystem passend gemacht werden. Soll sich das ändern?

Dorgerloh: Ja. Wir müssen noch mehr versuchen, vom Kind her zu denken, ganz gleich, ob mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit durchschnittlichen Fähigkeiten oder im Hochbegabtenbereich. Wir müssen für jeden die richtigen Methoden und Formate entwickeln und nicht das Kind dem System anpassen wollen. Für manche Lehrer ist das ein wirklicher Blickwechsel, viele machen das aber schon. Der Wandel wird sich mit dem vielfachen Neueinstieg junger Lehrerinnen und Lehrer in den nächsten Jahren beschleunigen. Wir wollen weniger Bürokratie wagen und streben so eine Qualitätssteigerung an; mehr Eigenständigkeit für die Schulen, eine verbesserte Lehreraus- und -fortbildung, engere Verknüpfungen zwischen frühkindlicher und schulischer Bildung und längeres gemeinsames Lernen. Außerdem brauchen wir bessere Diagnosemöglichkeiten und Netzwerke sowie engere Verzahnungen von Schule und anderen Institutionen.

Volksstimme: Bräuchte man nicht generell zwei Lehrer pro Unterrichtsstunde?

Dorgerloh: Nein, das ist nicht das Gebot der Stunde, und das gibt es ja auch in anderen Ländern nicht.

Volksstimme: Stichwort Schulabbrecher: Welches konkrete Ziel haben Sie sich gesetzt?

Dorgerloh: Wir müssen aus dem unteren Drittel im Bundesländer-Vergleich raus. Allerdings lassen sich Veränderungen im Bildungsbereich nicht auf Knopfdruck erzielen. Ein Kind ist zehn Jahre und länger in der Schule. So gesehen sind selbst fünf Jahre einer Legislatur ein kurzer Abschnitt. Veränderungen brauchen in der Tat eher zwölf Jahre. In der Bildung ist es manchmal wie beim Gärtnern; man sät und muss viel Geduld haben, bis man die Früchte ernten kann. Ich bin jedenfalls nicht der Meinung, dass die Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt grundsätzlich schlechter sind als anderswo.

Volksstimme: SPD und CDU haben erklärt, sie wollten die sogenannte Verantwortungsgemeinschaft von Eltern, Schule und Gesellschaft in die Pflicht nehmen. Was bedeutet das?

Dorgerloh: Eltern, Schule und ihre enge Zusammenarbeit spielen für den Bildungserfolg eine ganz wichtige Rolle, aber auch außerschulische Bildungsangebote. Auch deshalb sind zum Beispiel Ganztagsschulen stark dabei, sich außerschulischen Angeboten und anderen Lernerfahrungen und –wegen zu öffnen. Wir möchten erreichen, dass alle an Schule Beteiligten noch besser zusammenarbeiten.

Volksstimme: Lehrer klagen, viele Eltern wünschten keine enge Zusammenarbeit, lehnten beispielsweise Hausbesuche ab. Ebenso kritisieren Eltern, Lehrer würden zu wenig Engagement zeigen. Haben beide Seiten ein Kommunikationsproblem?

Dorgerloh: Da reden wir nach meiner Erfahrung über Einzelfälle. Wir sollten dort ansetzen, wo junge Leute beginnen, Eltern zu werden. Eltern-Kind-Zentren können einen wichtigen Beitrag leisten, Verantwortung in Familien wachsen zu lassen. Ich wünschte mir, dass Schule von Familien noch mehr als bisher als Partner wahrgenommen wird.

Volksstimme: Was hielten Sie von einer Hausbesuch-Pflicht?

Dorgerloh: Im fürsorgenden und bevormundenden DDR-Staat gab es den verpflichtenden Elternbesuch. Ich erinnere mich an einen solchen Besuch meiner damaligen Klassenlehrerin, die meinen Eltern sagte, Stephan stört den Unterricht durch Hinausschauen aus dem Fenster. Diese Art von Besuchen wünscht sich sicherlich niemand zurück. Es gibt aber heute eine moralische Pflicht von Eltern und Lehrern, die Bildungsbiografie von Kindern gemeinsam zu gestalten. Aber daraus gesetzliche Besuchspflichten abzuleiten, sehe ich sehr skeptisch.

Volksstimme: In einer Schul-Gesamtkonferenz haben Lehrer immer eine gesetzlich bestimmte Mehrheit gegenüber Eltern und Schülern. Wollen Sie dieses Verhältnis verändern?

Dorgerloh: Die Gesamtkonferenz spielt für die Ausgestaltung der Schule eine wichtige Rolle, daher ist eine mehrheitliche Akzeptanz sehr wichtig. Knappe Entscheidungen sind immer auch wacklig. Deswegen empfehle ich, wichtige Entscheidungen mit einer breiten Mehrheit zu treffen. Eine gesetzliche Veränderung der Quoren in der Gesamtkonferenz haben wir zwischen SPD und CDU nicht verabredet. Allerdings hat der Bildungskonvent Vorschläge für eine Stärkung der Mitbestimmungsrechte unterbreitet. Wir wollen uns zunächst um die Schulgesetznovelle über die veränderte Schullaufbahnempfehlung kümmern. Es wird keine bindende Schullaufbahnempfehlung am Ende der Grundschule mehr geben, aber ein verpflichtendes Beratungsgespräch. Damit wird die Eignungsfeststellung überflüssig, wenn die Empfehlung der Schule und der Wunsch der Eltern nicht übereinstimmen. Das Instrument hat sich nicht bewährt.

"Wir wollen den Schulen mehr Eigenständigkeit geben"

Volksstimme: Sie wollen den Schulen mehr Eigenständigkeit geben. Erhalten die Schulleiter auch mehr Mitsprache bei Personalfragen?

Dorgerloh: Nicht nur mehr Mitsprache für die Schulleiter, auch für die Schulkonferenzen. Das betrifft Entscheidungen über die Stundentafel ebenso wie Schulbudgets und die Einstellung von Lehrkräften. Dazu müssen wir zunächst eine Reihe von Details klären.

Volksstimme: Viele Schulleiter sehen sich heute am Gängelband des Landesverwaltungsamtes. Wie wollen Sie das ändern?

Dorgerloh: Im Koalitionsvertrag haben wir verabredet, die Schulaufsicht aus dem Geschäftsbereich des Landesverwaltungsamtes herauszunehmen und im Geschäftsbereich des Kultusministeriums neu auszurichten. Dies soll sich an der Frage orientieren, was ist an Schulaufsicht notwendig und wie kann sie die Schule vor Ort unterstützen. Beispiele anderer Länder zeigen, dass die Schulqualität in dem Maße steigt, wie die Schulen eigene Gestaltungsspielräume erhalten.

Volksstimme: Wollen Sie die Schulaufsicht wieder näher an die Schulen rücken oder im Kultusministerium zentralisieren?

Dorgerloh: Wir haben beschlossen, dass wir die Schulaufsicht neu ordnen. Inwieweit sie regional aufgestellt sein muss oder anders zu organisieren wäre, ist noch offen.

Volksstimme: Sachsen-Anhalts Schulen droht bald ein massives Personalproblem. Können erleichterte Bedingungen für Seiteneinsteiger eine Lösung sein?

Dorgerloh: Wenn uns all das gelingt, was im Koalitionsvertrag steht, wird unser Bildungssystem so attraktiv sein, dass ich diesbezüglich keine Sorgen habe. Wir müssen uns dem Wettbewerb mit anderen Bundesländern stellen. Das heißt, unsere Bedingungen dürfen nicht schlechter sein als anderswo. Sachsen-Anhalt kann mit seiner Geschichte und seinem kulturellen Reichtum Haltefaktoren für Lehrer entwickeln.

Volksstimme: Nach wie vor gibt es einen Run auf freie Schulen. Kann das eine Bedrohung für staatliche Schulen werden?

Dorgerloh: Das sehe ich nicht so. Es gab in Sachsen-Anhalt einen großen Nachholbedarf nach der Wende. Als Mitglied der Kirchenleitung habe ich daran mitgewirkt, dass konfessionelle Schulen gegründet werden. Eine kürzlich erschienene Bertelsmann-Studie hat gezeigt, dass sich öffentliche und private Schulen inhaltlich und was den Schulerfolg angeht nichts nehmen. Wir müssen aber die Entwicklung im Auge behalten, weil jede Gründung einer privaten Schule Auswirkungen auf die gesamte Schullandschaft hat. Es gibt aber keinen Anlass, die Neugründung privater Schulen zu erschweren.

Volksstimme: Die Schülerzahlen werden in den nächsten Jahren weiter zurückgehen. Ist es ein realistisches Ziel, Schulschließungen zu vermeiden?

Dorgerloh: Bis 2021 bleiben die Schülerzahlen stabil. Deshalb gilt das für die überwiegende Mehrheit der Schulstandorte. Derzeit liegen nur fünf Anträge auf Ausnahmeregelungen für die Eingangsklassenbildung an Grundschulen für das neue Schuljahr vor. Das heißt, dass sich die Situation entspannt hat. In der Koalition ist verabredet, dass das Schulnetz in seiner jetzigen Form grundsätzlich erhalten wird. Wir sind allerdings in einigen Grundschulen inzwischen bei einer Gesamtschülerzahl von 40 angekommen. Für Sachsen-Anhalt ist dort die Grenze von Personal- und Mitteleinsatz erreicht, eine noch weitere Verkleinerung wäre nicht mehr sinnvoll und ist auch pädagogisch nicht geboten. Daher kann ich auch nicht ausschließen, dass die eine oder andere Schule vom Schulträger aufgegeben werden muss.

Volksstimme: Demnächst beginnen die Haushaltsverhandlungen für 2012. Was meinen Sie, wie freigiebig wird Ihr Parteifreund, Finanzminister Jens Bullerjahn, für den Bildungsbereich sein?

Dorgerloh: Ich habe im Ohr den Satz des Finanzministers "Geld folgt Konzepten". Das ist generell ein sehr gutes Motto für eine Regierung. Daran halte ich mich.