Hohenwarthe. Ein Mann hält einem anderen eine Pistole an die Schläfe. Die Situation kannte Hans-Joachim Hoffmann bis Sonntag nur aus dem Fernsehen. Der Busfahrer war auf der zweiten Runde seiner Tour Burg – Magdeburg, als am Sportplatz von Hohenwarthe ein junges Mädchen und Mann unabhängig voneinander in den Bus einsteigen. Es ist 13.09 Uhr, Hoffmann im Fahrplan.

"Das Mädchen hat mir sein Ticket gezeigt und ist durchgegangen", erinnert sich der Busfahrer. "Der junge Mann war ganz plötzlich aufgetaucht." Er schien nervös und verlangte, kostenlos mitgenommen zu werden. "Er sagt immer wieder, ihm sei kalt, er habe Hunger und wolle nach Magdeburg", so der 58-jährige Fahrer. Hoffmann verweigert die Mitnahme: "Wenn eine Kontrolle kommt, bin ich am Ende meinen Job los und der Schwarzfahrer 40 Euro", versuchte er dem jungen Mann zu erklären.

Doch statt Einsicht zu zeigen, zog der eine Waffe und hält sie dem Busfahrer an den Kopf. "Ich dachte nur: ¿Was machst du jetzt? Wie schützt du die anderen?‘ Im Bus saß neben dem Mädchen auch eine ältere Frau", erinnert sich Hoffmann.

Doch sie war es, die die Situation entschärfte. Die 62-jährige Christine Walther aus Magdeburg war auf dem Rückweg von ihrem Garten in Burg. Sie sprach den jungen Mann an. "Ich hab gesagt, er habe doch noch sein ganzes Leben vor sich." Der Angreifer antwortete, er müsse demnächst eh für vier Jahre ins Gefängnis "Da wusste ich nicht weiter. Der wäre doch nicht wieder ausgestiegen. Also habe ich das Ticket für 2,20 Euro gekauft und ihm gesagt, er soll ruhig sein und sich hinsetzen", erzählt Christine Walther. Was der Angreifer auch tat. Der Busfahrer setzte die Tour fort. "Der saß die ganze Zeit schräg hinter mir, ich konnte ihn nicht mal im Spiegelbild sehen." Laut Hoffmann war der Bus mit einem neuen Funksystem ausgestattet, einen Notruf habe er nicht absetzen können.

In Magdeburg stieg Christine Walther am Zoo aus. Beim nächsten Halt, am Bahnhof Neustadt verließ auch der Angreifer den Bus. "Da erst habe ich die Polizei mit meinem Privathandy angerufen", sagt Hoffmann. Die Polizei war schnell vor Ort. Am Wartehäuschen der Straßenbahn wurde der Mann festgenommen. Der 20-Jährige ist bekannt. Diebstahl, Körperverletzung, Drogenmissbrauch, räuberische Erpressung: Das Register sei lang, erklärt Gunnar Krokotsch von der Polizeidirektion Nord in Magdeburg.

"Erst heute kam der Schock", sagte Christine Wolter gestern der Volksstimme. So ging es auch Hans-Joachim Hoffmann, der am Sonntag noch bis 23 Uhr seine Schicht zu Ende fuhr. Unterbrochen nur von der Vernehmung durch die Polizei.