Magdeburg. Neue freie Schulen haben immer Auswirkungen auf die bestehende Schullandschaft – dennoch gebe es keinen Grund, Neugründungen zu erschweren. Mit dieser Aussage ist Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) in seinem gestern veröffentlichten Volksstimme-Interview auch auf das vielfältige Segment jener Einrichtungen eingegangen, welche in Sachsen-Anhalt beispielsweise in Trägerschaft von Vereinen und nicht von Kommunen oder dem Land agieren. Dass die freien Schulen in der öffentlichen Wahrnehmung eine Rolle spielen, begrüßt Jürgen Banse. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Privatschulen Sachsen-Anhalt (VDP) und sagt: "Positiv ist, dass die freien Schulen Berücksichtigung im Koalitionsvertrag gefunden haben."

Allerdings sei fraglich, ob die im Koalitionsvertrag genannten "verlässlichen Rahmenbedingungen" tatsächlich garantieren, dass es keine Verschlechterung bei den Regelungen für die freien Schulen geben werde. Ausdrücklich nennt der VDP-Geschäftsführer in diesem Zusammenhang die jeweiligen Landesvorschriften zur Genehmigung und Finanzierung, die in Sachsen-Anhalt wie in der ganzen Bundesrepublik immer wieder zu Konflikten zwischen Privatschulen und den Verwaltungen führen. Ein sachsen-anhaltisches Beispiel für Konfliktstoff zwischen Politik und freien Schulen sei der Umstand, dass Vereine, die eine Schule errichten wollen, in den ersten drei Jahren die Kosten für den Schulbetrieb komplett allein tragen müssen. "Wir werden intensiv verfolgen, ob die sicherlich richtigen Vorhaben zur ,eigenverantwortlichen Schule’ oder zur Schulbauförderung auch bei den freien Schulen – soweit erforderlich – Berücksichtigung finden", so Jürgen Banse weiter.

Als eine Bereicherung der Schullandschaft sei die Einführung der Gemeinschaftsschulen einzuschätzen, so der VDP-Geschäftsführer. Hier gelte auch das Verbandsmotto "Chancengleichheit durch Bildungsvielfalt". Allerdings sei noch nicht ganz klar, was die neuen Gemeinschaftsschulen von den bereits bestehenden Gesamtschulen unterscheiden soll. "Da bin ich gespannt", so Jürgen Banse. Gesamtschulen gibt es im Land Sachsen-Anhalt seit einigen Jahren sowohl in staatlicher als auch in freier Trägerschaft.

Abseits der allgemeinbildenden Schulen sehen die Privatschulen indes einen anderen Trend im Land Sachsen-Anhalt als Gefahr für das Nebeneinander von staatlichen und freien Schulen: "Als ernste Bedrohung insbesondere für die Arbeitsmarktdienstleister müssen die Vorhaben zu den staatlichen berufsbildenden Schulen und damit der Einstieg in die Weiterbildung angesehen werden", so Jürgen Banse. Hintergrund ist, dass in den Berufsschulzentren, die in den Landkreisen in den vergangenen beiden Jahrzehnten aufwändig errichtet wurden, jetzt im Zuge des demografischen Wandels die Schüler knapp werden. Mit einem Einstieg in die berufliche Weiterbildung sollen brachliegende Kapazitäten genutzt werden. Dies aber eben in einem Bereich, in dem die privaten Einrichtungen bereits seit Jahren ein Betätigungsfeld aufgebaut haben und laut Jürgen Banse beachtliche Erfolge vorweisen können: "In Programmen zur beruflichen Weiterbildung gelingt es uns im Schnitt, die Hälfte der Teilnehmer im Anschluss in versicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. In manchen Bereichen wie in der Altenpflege erreichen wir sogar einen Anteil von nahezu 100 Prozent", so der VDP-Geschäftsführer. Zwar würde ein Wettbewerb mit den staatlichen Schulen möglicherweise zu einer vielfältigeren Landschaft auf dem Markt der Weiterbildung führen – dies allerdings sei nur wünschenswert, wenn auch in diesem Bereich auf eine Chancengleichheit zwischen staatlichen und freien Trägern in Sachen Zulassung und Finanzierung geachtet werde.