Ein 44-Jähriger aus dem Harzkreis muss sich seit gestern vor dem Landgericht Magdeburg wegen der Tötung seiner Mutter verantworten. Die Staatsanwaltschaft Halberstadt wirft dem Arbeitslosen Totschlag vor. Thomas M. äußert sich nicht zu der Tat.

Ermsleben. Die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Magdeburg muss seit gestern einen Widerspruch aufklären. Einerseits gilt der Angeklagte in seinem Dorf Ermsleben, einem Ortsteil von Falkenstein, als mustergültiger Sohn, der seine demenzkranke Mutter seit Jahren aufopferungsvoll gepflegt und sein eigenes Leben hintenangestellt hat. Andererseits wird ihm vorgeworfen, im Herbst 2010 die 85-Jährige mit bloßen Händen erschlagen zu haben.

Staatsanwältin Eva Vogel schilderte in ihrer Anklage die letzten Stunden des Lebens der pflegebedürftigen Frau: "Am 14. November zwischen ein und zwei Uhr hat der Angeklagte seine Mutter Anni vom Bett zur Toilette gestützt. Wieder zurück brach die schwer Demenzkranke vor ihrem Pflegebett in der unteren Etage des Hauses zusammen."

Der alkoholisierte Sohn habe daraufhin mit Faustschlägen auf Gesicht und Körper der 85-Jährigen eingeschlagen. Dann habe er sie ins Bett gelegt und sei schlafen gegangen. "Erst gegen acht Uhr hat Thomas M. wieder nach seiner Mutter gesehen." Ihr Gesicht sei völlig zugeschwollen gewesen. Die Rentnerin habe keine Reaktion mehr gezeigt.

Der Angeklagte habe seine Mutter erneut zur Toilette gebracht und sie vor dem Bad geliegen gelassen. Dann habe er den kotverschmutzten Platz vor dem Pflegebett und den Weg bis ins Bad gereinigt.

Vogel: "Als er damit fertig war und er feststellte, dass seine Mutter nicht mehr atmete, rief er um 8.56 Uhr den Notarzt an."

Die Obduktion stellte als Todesursache Blutungen in der weichen Hirnhaut und ein Hirnödem nach Schlägen gegen Stirn und Schädeldach fest.

Auf die Frage der Kammervorsitzenden Claudia Methling, ob er sich zur Tat oder zur eigenen Person äußern wolle, sagte der Angeklagte: "Ich möchte nicht aussagen."

Das tat allerdings seine 48 Jahre alte Schwester Monika. Obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätte, die Aussage zu verweigern. Sie schilderte, wie Thomas M. "drei Jahre lang Mutti betreut und gepflegt" hatte. Sie selbst sei nicht in der Lage gewesen, das zu tun, obwohl sie im selben Ort wohnt. "Thomas hat alles getan: Mutti zum Arzt und zur Fußpflege gebracht, sie gewindelt, ihr Essen gekocht und der Zuckerkranken Insulin gespritzt", erzählte die Zahnarzthelferin. Seitdem der Vater vor drei Jahren gestorben sei, habe er ohne sich zu beklagen der Mutter eine "Rundumversorgung" angedeihen lassen und eigene Hobbys wie Kegeln aufgegeben. "In ein Pflegeheim hat er die Mutti nicht geben wollen." Der Versuch sei gescheitert, weil die Kranke auf den Sohn fixiert gewesen sei und im Heim "zugemacht" habe.

Eine Freundin der Familie, die die Demenzkranke hin und wieder einmal betreut hatte, wenn Thomas M. einen Termin hatte, sagte ebenfalls nur gutes über den Angeklagten. "Er hat sich rührend um seine Mutter gekümmert und sie nicht vernachlässigt. Hut ab!", so die 77-Jährige. Er sei "immer nett mit der Mutter umgegangen". Auch dann noch, als es mit ihr vor einem halben Jahr ganz schlimm wurde. "Ich kann nichts Schlechtes sagen. Im Ort haben ihn alle bewundert."

Um Arbeit habe er sich wohl nicht mehr bemüht, sagte die Rentnerin aus. Das sei praktisch auch gar nicht möglich gewesen. Obwohl es ihm laut Arbeitsamt zuzumuten war, sechs Stunden täglich zu arbeiten.