Entlang einer 64 Kilometer langen ICE-Neubaustrecke durch den Süden Sachsen-Anhalts sind zwischen 1994 und 2010 insgesamt mehr als 400 000 Funde aus rund 1000 Gräbern und früheren Siedlungen geborgen worden. Die ältesten Funde sind 7300 Jahre alte Keramikscherben aus der Jungsteinzeit.

Halle (dpa/pw). Mit einem wissenschaftlichen Hauskolloquium im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie geht demnächst die archäologische Betreuung der ICE-Neubaustrecke Erfurt – Leipzig/Halle zu Ende. Damit findet nach 17 Jahren das bislang längste Grabungsprojekt in Sachsen-Anhalt seinen Abschluss.

Bis zu 150 Mitarbeiter waren in teilweise mehrjährigen Grabungskampagnen auf den Grabungsflächen zwischen Unstrut und der Landesgrenze zu Sachsen tätig. Dabei wurde eine Fläche von rund 140 Hektar untersucht. 15 000 dokumentierte Befunde erbrachten weit mehr als 400 000 Fundstücke, teilte das Landesamt mit. Etwa 1070 Bestattungen gäben Zeugnis von der dichten Besiedlung des Gebietes über die vergangenen 7000 Jahre hinweg. Als ein Ergebnis der Ausgrabungen lasse sich schon jetzt einschätzen, dass die Vorstellungen von Siedlungsdichte, Siedlungsgröße und prähistorischer Infrastruktur in Mitteldeutschland neu betrachtet werden müssen, so das Landesamt.

Bei den Grabungen haben Archäologen auch ein 3400 Jahre altes Bronzeschwert aus dem Umfeld des Fundortes der Himmelsscheibe von Nebra gefunden. Die etwa 35 Zentimeter lange Waffe wurde gestern im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert und wird voraussichtlich ab dem kommenden Jahr in der Dauerausstellung des Museums zu sehen sein.

Landesarchäologe Harald Meller sagte: "Das Bronzeschwert lag als Beigabe im Grab eines regionalen Herrschers der mittleren Bronzezeit." Die Archäologen hatten über das bereits 2009 in Oechlitz (Saalekreis) gefundene Bronzeschwert bisher nicht berichtet. An anderer Stelle erstreckte sich in der Neubautrasse über mehr als einen halben Kilometer ein urgeschichtlicher Weg. Er konnte mit zwei Fahrspuren nachgewiesen werden. Wie Bronzefunde aus dem Hohlweg belegen, wurde er bereits um 1600 v. Chr. intensiv genutzt und war mindestens 400 Jahre lang in Benutzung.

"Die Funde sind ein Glücksfall, weil wir dadurch die Menschen der Himmelsscheibe besser verstehen", sagte Meller. "Diese Herrscher kontrollierten offenbar die Verkehrswege und damit auch die Warenströme durch das mitteldeutsche Gebiet." Aber nach dem Bedeutungsverlust der Scheibe vor 3600 Jahren sei die Macht der Herrscher vermutlich zurückgedrängt worden, was anhand der nicht mehr so prunkvollen Grabbeigaben erkennbar sei, sagte Meller.

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