Die Ortschaft Stresow, unweit von Burg im Jerichower Land, hat schwere Zeiten hinter sich. Zur Landtagswahl Ende März hatte die NPD hier 25 Prozent erreicht. Das war der höchste Stimmenanteil für die Rechtsextremen in einem Wahllokal in Sachsen-Anhalt. Das Dorf geriet dadurch in der Volksstimme in die Schlagzeilen. Im Ort löste das Proteste aus. Volksstimme-Redakteur Andreas Mangiras sprach mit Ortsbürgermeisterin Petra Jarosch sowie mit Mitgliedern von Ortschaftsrat und Heimatverein.

Volksstimme: Was hat Sie am meisten betroffen gemacht?

Angelika Klemantowitz, stellvertretende Ortsbürgermeis-terin: Es standen so viele Unwahrheiten in dem Bericht. Tatsachen wurden verdreht. Das macht uns fassungslos. Wir sind kein rechtsgerichtetes Dorf.

Astrid Nagel, Ortschaftsrat und Heimatverein: Es war so negativ dargestellt, als wären wir seit Jahrzehnten eine NPD-Hochburg.

Petra Jarosch, Ortsbürgermeisterin: Zum Beispiel die Fußballturniere, was haben diese mit dem Wahlergebnis 2011 zu tun? Vier Orte haben sie über Jahre organisiert und ausgetragen, der sogenannte Lokalmatador Dennis W., der als Rechter gilt, hat an diesen Spielen schon Jahre nicht mehr teilgenommen. Ich kann da keine Verbindung sehen. Die Teilnehmer waren zum Teil schon als Kinder dabei. Es gab immer klare schriftliche Vereinbarungen, an die sich beide Seiten gehalten haben.

Klemantowitz: Auch das Innenministerium hatte damals keine klare Position. Was wirft man uns dann vor? Nach dem Bericht haben alle aus dem Ortschaftsrat überlegt, wirklich alles hinzuwerfen und zurückzutreten.

Edith Wachsmuth, Heimatverein: Ich bin gebürtige Stresowerin. Ich habe Anrufe bekommen – von Leuten, mit denen ich vor über 50 Jahren hier aufgewachsen bin oder gelernt habe. Die haben gefragt: Seid ihr das wirklich?

"Das macht uns einfach fassungslos"

Volksstimme: Was haben Sie dem entgegenzusetzen?

Klemantowitz: Stresow hatte mal gut 300 Einwohner, jetzt sind es noch die Hälfte. Aber wir haben viel bewegt, mit Petra Jarosch an der Spitze. Wir haben die Straßen gemacht, den Kinderspielplatz, die Parkanlage neu angelegt und den Friedhof an der Kirche in Pflege übernommen. Hier ist heute nichts mehr wie vor 20 Jahren. Das Entscheidende und Gute im Ort war und ist: Die Einwohner werden immer mitgenommen, wenn es um Entscheidungen geht, das Leben im Ort lebenswert zu machen – im guten Einvernehmen mit den jetzigen Besitzern des Gutes.

Wachsmuth: Vor der Wende haben auf dem Gut 220 Beschäftigte gearbeitet. Das ging mit der Wende auf fünf zurück. Das ist doch gravierend. Doch dank der neuen Besitzer, die enorm investiert haben, sind inzwischen wieder 35 Arbeitsplätze entstanden.

Klemantowitz: Eine Protestwahl gab es 1998, nicht 2002. Damals waren die Verhältnisse um das Gut und die dazugehörigen Wohnungen immer noch ungeklärt. Die Unsicherheit war groß.

Volksstimme: … und die Brandserien am Gut und im Ort wie jüngst im April wieder?

Klemantowitz: Nach der Wende hat vieles mit dem Gut nicht geklappt. Das Heim wurde geschlossen. Der Kreis hat nichts gemacht, weil der Rechtsstreit lief. Investoren wurden vergrämt und vertrieben. Es wäre bestimmt nicht so heruntergekommen. Als wir ab 2001 die Häuser kaufen konnten, haben wir seitdem viel vorangebracht.

Wachsmuth: Das Testament von Fräulein Gärtner, die 1942 verstorben ist, hatte verfügt, dass alles zusammenbleiben muss. Das hat das alles unheimlich erschwert.

Jarosch: Wir haben uns mit der Treuhand und den Verwaltern angelegt. Es fühlte sich niemand zuständig. Manchmal wussten Mieter gar nicht, wo sie ihre Rechnungen hinschicken sollten oder, wenn jemand wegziehen wollte, an wen er die Schlüssel abzugeben hatte. Die haben wir dann entgegengenommen. Wir sind sicher manchmal kleine Revoluzzis, wir lassen uns nicht alles gefallen. Aber wir halten zusammen. Wir haben vor dem Kreistag demonstriert. Wir hatten im Volksstimme-Stammtisch alle Streitparteien hier. Wir wollten vermitteln und etwas bewegen. Das war schwer, zumal die unterschiedliche Rechtsprechung in diesem Land dazu führte, dass mal der Erbschein dem Landkreis, dann wieder den Erben zugesprochen wurde, das ging hin und her und wir mittendrin. Dass dann die Leute irgendwann mal frustriert sind, ist doch nachvollziehbar.

Volksstimme: Können Sie das am Beispiel erklären?

Jarosch: Die Leute sollten etwa bei einem möglichen Hauskauf ihre eigenen Leistungen an den Häusern noch mal bezahlen. Das haben wir uns natürlich nicht gefallen lassen.

Volksstimme: Frau Jarosch, das "unpolitische Mädchen für alles". Das hat sie getroffen. Sie sind Mitte der 90er Jahre Bürgermeisterin geworden?

Jarosch: Ja, ich bin eher in das Amt geschubst worden durch die Verwaltung, nachdem mein Vorgänger krank wurde, habe ich es kommissarisch gemacht, bis zur Wahl.

Klemantowitz: Das haben die bestimmt schon manchmal bereut.

Jarosch: Das war 1994. Zuvor war ich in den Gemeinderat gewählt worden. Ich wollte einfach etwas für meine Kinder bewegen, wir hatten weder einen Spielplatz noch sonst irgendwas für die Jüngsten. Dann wurde ich Bürgermeisterin.

Volksstimme: Erinnern Sie sich an Ihre erste Amtshandlung?

Jarosch: Die Feuerwehrleute hatten teilweise ihre Ausweise auf den Tisch geschmissen. Sie wollten ein neues Gerätehaus, Fahrzeug und Technik. Ich war geschockt. Die nächste Versammlung habe ich einberufen und allen mit Zwangsverpflichtung gedroht. Wir haben dann aber einen Konsens gefunden, wenn der Straßenbau abgeschlossen ist, kommt die Feuerwehr dran.

Volksstimme: Und, ist es so gekommen?

Jarosch: Ja, inzwischen haben wir ein neues Gerätehaus, Fahrzeug und Technik. Die Feuerwehr ist jetzt gut aufgestellt. Wir hätten gern an den alten Wohnhäusern, die zum Gut gehörten, etwas gemacht – mit entsprechenden Partnern. Das ging aber nicht, wegen des Rechtsstreits. Darum haben wir Straßen gebaut, den Spielplatz und den Park. Heute versuchen wir, dies alles in Ordnung zu halten. Wenn man dann solche Artikel liest, dann … Aber wir haben was geschaffen, und wir lassen uns auch das nicht gefallen. Die Stresower haben mitgezogen. Damals konnte man als Bürgermeister noch etwas gestalten und bewegen. Heute macht der Job keinen Spaß mehr, wir haben nichts mehr zu melden.

Volksstimme: Das Gut, das tut Ihnen doch weh. Es steht leer, es brannte dort schon immer mal.

Jarosch: Ja, wir hatten hier eine Brandserie vor acht Jahren, alle sechs Wochen um 2.30 Uhr nachts. Dann riss sie ab, war Ruhe. Jetzt hat es wieder zweimal gebrannt, nach dem Bericht.

Wachsmuth: Wer eine Verbindung dazu hat, da stehen einem die Tränen in den Augen. Wie kann man sich so daran vergreifen? Es sieht verheerend aus. Die Versprechen von damals wurden nicht gehalten. Die Erwartungen von damals haben sich nicht erfüllt. Auch wenn Millionen nötig sind, dort etwas zu machen. Die Erben haben sie auch nicht, obwohl sie schon viel getan haben.

Klemantowitz: Unsicherheit und Sorge sind da, dass es wieder weitergeht mit Bränden.

Jarosch: Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Das bringt die Probleme. Der Kreis hat den Wald behalten, der bringt Geld. Das Gut steht leer und ist ohne Wald kaum zu vermarkten. Berichte, wie jetzt in der Volksstimme, ziehen uns Leute her, die wir hier nicht haben wollen, von der NPD. Die werden doch erst recht aufmerksam, wenn so ein Unsinn in der Zeitung steht. Diese Leute wollen wir hier nicht.

"Hier will niemand die Monsterstadt Möckern"

Volksstimme: Aus Protest NPD wählen? Ist das wirklich nur ein mathematisches Problem, wenn in Stresow 16 von 64 abgegebenen Stimmen auf die Rechtsextremen entfielen? 25 Prozent NPD in Magdeburg wären natürlich eine ganz andere Größe. 1998 war Protestwahl mit der Stimmabgabe für die DVU. Daraus haben viele Leute gelernt, dass das gar nichts bringt. Hätten Stresower oder andere aus Protest nicht zum Beispiel die Tierschutzpartei wählen können?

Klemantowitz: Die Konstellation in Stresow war eine andere. Wir haben eine Bürgerbefragung gemacht, ob die Stresower in eine Einheitsgemeinde mit Möckern wollen. Es gab eine klare Entscheidung. Nein, das wollen wir nicht. Von den 16 NPD-Wählern haben etliche bei den Erststimmen auf den Freie-Wähler-Kandidaten gesetzt, Herrn Latz. Der hat sich klar dafür ausgesprochen, was die Leute wollten, Eigenständigkeit und kommunale Mitbestimmung gegen die vom Land, von CDU und SPD, eingerichteten Großgemeinden. Wir klagen weiter, weil wir unsere Eigenständigkeit behalten wollen.

Jarosch: Hier will niemand die Monsterstadt Möckern. Die Leute haben sich schon Gedanken gemacht. Sie wollten CDU und SPD einen Schuss vor den Bug geben, die nur kommen, um Wahlflyer zu verteilen. Die sind so verselbständigt, wissen nicht, was an der Basis los ist. Parteien werden hier nicht wahrgenommen.

Klemantowitz: Hier hat uns bisher keiner geholfen. Wir haben es immer selbst gemacht.

Volksstimme: Und deshalb wird NPD gewählt?

Klemantowitz: Wären mehr zur Wahl gegangen, nicht nur 50 Prozent, hätte niemand über die 16 Stimmen gekräht.

Marita Kuckuck, Heimatverein: Die Wahl hatte nichts mit Rechts zu tun. Absolut nichts. Es war Protest. Wir wollen einfach nicht immer bevormundet werden. Wir wollen es nicht.

Volksstimme: Wogegen protestieren Sie so vehement?

Kuckuck: Wir wollten nicht zwangseingemeindet werden. Schopsdorf und wir trauen diesem Gebilde nicht, wir wollen unseren eigenen Weg gehen. Möckern ist mit 29 Orten und über 553 Quadratkilometern flächenmäßig viertgrößte Stadt Deutschlands. Das wollen wir nicht. Und darum haben einige Leute auch bei der NPD ihr Kreuz gemacht. Das stand jedem frei. Nur Herr Latz von den Freien Wählern hat angesprochen, wie wir es sehen. Ein Kreuz bei der Tierschutzpartei, das nimmt doch niemand wahr. Nur darum ging es. Aber das Ding ist nach hinten losgegangen, für uns, weil es anders interpretiert wurde.

Jarosch: Während in Burg oder Magdeburg Häuser mit politischen Parolen beschmiert sind, finden Sie das in Stresow nicht. Wir wären und sind für eine Einheitsgemeinde von Schopsdorf bis Grabow – so um die 6000 Einwohner. Das ist händelbar. Eine Monsterstadt wie Möckern ist es nicht. Die Gerichte in diesem Land haben Klagen anderer Kommunen bisher abgelehnt, sie begründen das mit dem Gemeinwohl. Da frage ich, wo leben diese Richter?

"Das Ding ist nach hinten losgegangen"

Volksstimme: Meinen Sie längere Wege zur Verwaltung und höhere Kosten?

Nagel: Der Bürgerservice ist doch nicht besser geworden. Da schafft man es über die weiten Strecken kaum zu den Öffnungszeiten nach Möckern, wenn man berufstätig ist. Für die, die kein Auto haben, ist es eine Tagesreise.

Jarosch: Nehmen Sie nur die Tatsache, dass man eine einheitliche Friedhofssatzung für alle Orte macht. In Möckern und Loburg übernimmt der Bauhof Pflegearbeiten, in Stresow haben wir ganz wenige Kosten. Wir machen das hier ehrenamtlich, aber Möckern und Loburg werden aus dem gemeinsamen Haushalt bezahlt, wir würden dann praktisch unsere eigene Arbeit bezahlen. Oder die Hundesteuer, sie hat sich verdoppelt.

Volksstimme: Sie klagen gegen die Gemeindereform vor dem Landesverfassungsgericht. Das zieht man sich doch nicht auf den Tisch, weil man ein wenig Spaß haben will. Sie machen die Ochsentour mit der Klage?

Jarosch: Ja, wir haben uns dazu entschlossen, die Klage vor dem Landesverfassungsgericht und auch den Weg bis zum Bundesverfassungsgericht zu gehen. Wir würden uns mit anderen zusammenschließen, aber nicht zu so einem Gebilde.

Volksstimme: Wie das?

Jarosch: Die Richter am Landesverfassungsgericht entscheiden hier, wie hier politisch entschieden wird. Sie sagen, dass sie im Interesse des öffentlichen Wohls entscheiden – und das bedeutet: höhere Kosten, Gebühren und weitere Wege für den Bürger. Wir verlieren Einfluss, etwa in Verbänden, weil dort nur noch die Einheitsgemeinde mit einer Stimme sitzt. Unsere Interessen sind so nicht gewahrt.

Volksstimme: Was macht Stresow aus? Ist es ein totes Dorf? Wie aktiv sind Sie, was zeichnet das Leben hier aus?

Kuckuck: Allein im vorigen Jahr haben wir neun Arbeitseinsätze gemacht. Von den 139 Einwohnern kommen da stets 25 bis 30 Leute im Alter von zehn bis 75 Jahren.

Klemantowitz: Das geht auch über den konkreten Einsatz hinaus. Da wird hinterher noch zusammengesessen. Man tauscht sich aus. Es entstehen neue Pläne. Das ist gut für den Zusammenhalt.

Volksstimme: Welche Rolle spielt der Heimatverein?

Nagel: Wir haben ihn im Januar 2010 gegründet. Er war eine Reaktion auf die Zwangseingemeindung. Bis dahin hatte die Gemeinde immer wieder die Organisation von Festen und Ähnlichem im Ort übernommen. Jetzt organisieren wir vom Heimatverein. Und das wird sehr gut angenommen. Das Sommerfest etwa war proppenvoll. Zu unserer ersten Winterwanderung kamen jede Menge Leute, selbst von auswärts.

Volksstimme: Wie geht es in Stresow weiter? Wie sind die Perspektiven?

Jarosch: Aus den schlechten Verhältnissen und Gegebenheiten mit unserem Zusammenhalt wie bisher das Beste für uns zu machen. Wir wollen kein Leben unter der Käseglocke der Big-City Möckern. Wir wollen selbst entscheiden, eigenständig, in einer Gemeinschaft, die überschaubar und händelbar ist. Wir wollen keine Vereinnahmung. Für diese Denke stand ein Schild "Willkommen in Möckern" als Begrüßung in Magdeburgerforth zum Fläming-Frühlingsfest, das kam bei den Menschen in Magdeburgerforth auch nicht gut an.

Wachsmuth: Wir wollen, dass jeder noch weiß, wer der andere ist, dass man sich besucht, dass es nicht anonym wird.

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