Am morgigen Mittwoch befasst sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erneut mit der Nordverlängerung der A 14. Gewinnt das Land Sachsen-Anhalt gegen einen klagenden Grundstückseigentümer den Prozess, kann der Abschnitt um Colbitz gebaut werden. Ende Oktober sollen die ersten Bagger anrollen. Der echte Stresstest für die Autobahnplaner steht aber noch aus.

Magdeburg. Eigentlich sollte das Urteil über den Abschnitt Colbitz Verkehrsgeschichte schreiben und Klarheit darüber schaffen, ob unter den verschärften Regeln des europäischen Naturschutzes Autobahnbau überhaupt noch machbar ist. Die Beamten im Verkehrsministerium hatten nämlich in den vergangenen Jahren die gesamte Trassenplanung überarbeitet und die A 14-Nord wegen der neuen Rechtsprechung ökologisch hochgerüstet. Die Planer versahen die Autobahn mit so vielen Wild- und Fledermausbrücken wie nie zuvor. Da der nördlichste Zipfel des Colbitzer Abschnitts der streng geschützten Heide sehr nahe kommt und die Umweltschützer vom BUND geklagt hatten, wäre ein Urteil richtungsweisend gewesen. Doch dazu kam es nicht. Bei der Verhandlung am 11. Mai vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einigten sich Land und Umweltverband auf einen Vergleich: Das Land nimmt den sensibleren Nordzipfel des beklagten Abschnitts heraus und beschränkt sich auf den Bau der ökologisch weniger gravierenden Trasse mit den Anschlüssen Wolmirstedt und Colbitz. Dieses Autobahnstück wäre dann eine Ortsumgehung für Colbitz – damit kann der Umweltverband leben. Er versuchte noch, das Stück auf eine zweispurige Straße herunterzuhandeln, doch darauf geht das Land nicht ein.

Auch wenn der Vergleich nicht die richtungsweisende Qualität hat, ist Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) mit dem Kompromiss zufrieden, da ein Baustart in Sichtnähe rücken könnte. Denn: Sollte auch die zweite Klage morgen für das Land glimpflich ausgehen, würde man im Herbst mit dem Bau der Autobahn loslegen. Läuft alles glatt, könnten 2014 die ersten Autos über die neue Piste rollen.

Bei der zweiten Klage geht es um die Beschwerde eines Privatmanns. Die Autobahn tangiert drei seiner Grundstücke, in dessen Erde abbauwürdige Bodenschätze wie Quarzsande und "montmonorolite Tone" schlummern. Muss die Trasse verschoben werden? Sollten die Richter dies abweisen, würde der Eigentümer gesetzeskonform enteignet und entschädigt.

Der richtige Stresstest steht den Planern also noch bevor. Schon der sich im Norden anschließende Abschnitt zwischen Colbitz und Dolle hat es in sich. Er streift das Flora-Fauna-Habitatgebiet "Colbitz-Letzlinger-Heide". FFH-Gebiete sind europäische Schutzareale höchsten Ranges. Zwischen Dolle und Lüderitz wird sogar ein FFH-Gebiet gequert, zwischen Seehausen und Wittenberge sind es zwei. Klagen der Umweltschützer sind sehr wahrscheinlich.

Vor allem die Fledermaus verlangte den Planern einiges ab. Die Heide ist Domizil von etwa 15 Arten. Da die nachtaktiven Tiere per Echolot Insekten jagen, brauchen sie zur Orientierung Bäume und Büsche. Also wurden über die Autobahn führende Brücken verbreitert, um sie üppig bepflanzen zu können. So sollen Braunes Langohr oder Mopsfledermaus über die A 14 hinweg von einem Revier ins andere gelangen. Für tieffliegende Arten wie die Zweifarbfledermaus werden Röhren unter die Straße verlegt, sogenannte Fledermausunterführungen. Hinzu kommen Grünbrücken und Wildunterführungen für Reh, Hirsch und Wildschwein. Zwischen Magdeburg und Wittenberge sind fast 30 solcher Tierpassagen geplant. Die eigentliche Straßenplanung sei dagegen schon fast ein Klacks, bemerkte eine Planerin. Und kein Detail darf vergessen werden. Für den Abschnitt Lüderitz - Uenglingen sehen die Planer "Bergung, Transport und Aufstellung" eines Baumstamms vor, der von Eremiten - einer Käferart - besiedelt ist. Auch an Nistkästen für den Gartenrotschwanz wurde gedacht.

Der Gesamtbau ist in drei Phasen unterteilt. Auf den Pisten der Phase eins - darunter von Wolmirstedt nach Stendal - sollten ab 2015 die Autos rollen. Doch das ist wegen der ausstehenden juristischen Auseinandersetzungen ungewiss.

Gesichert und mit dem Bund vereinbart sei aber die Finanzierung, sagte Webel. Für Phase eins sind 775 Millionen Euro geplant, davon steuert etwa 325 Millionen Euro die EU bei. Für den Weiterbau nach 2015 sind 500 Millionen Euro veranschlagt. Sollte sich die EU daran nicht wieder beteiligen, zahlt das der Bund aus den Straßenbautöpfen der drei A-14-Anrainer Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Der Bau anderer Schnellstraßen oder Ortsumfahrungen müsste dann möglicherweise warten.

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