Magdeburg. Ein Projekt unter dem Titel "Amnesie" ist in Magdeburg gestartet worden. Als erster Nutzer hat sich am Dienstag Magdeburgs Kulturbeigeordneter Rüdiger Koch in das Angebot eingewählt. Auf dem Display des Smartphones wurde ihm dazu eine Route durch die Innenstadt mit einzelnen Stationen für den Rundgang aufgelistet. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine interaktive Stadtführung, geht über das Bekannte hinaus. Corinna Pape ist Dozentin an der Otto-von-Guericke-Universität und erklärt: "Zwar gibt es schon andere Städte, in denen man Audioführungen durch die Stadt abrufen kann. Bei uns geht es aber darum, dass Einheimische und Gäste selbst ihre Erinnerungen einbringen." Voraussetzung für eine Einwahl in die Routen ist ein Smartphone mit Internetzugang und eine kostenlose Applikation – kurz App genannt. Den Link zum Download gibt es auf der Homepage des Projektes.

Der Charme der Idee: Die Besucher sind zum einen nicht angewiesen auf Hochglanzbroschüren, Reiseführer oder klassische Stadtführungen. Sie können sich die Stadt selber erobern. Zum anderen können sie in den Erinnerungen anderer stöbern und selber aktiv werden.

Um die Erinnerungsorte zu strukturieren, haben die Akteure des Projektes zunächst fünf Routen angelegt. Die Akteure – das sind Daniel Maurer (28) und Dominik Trzmielewski (26). Beide studieren an der Magdeburger Universität Medienbildung im vierten Semester und werden die Magdeburger Amnesie im ersten Jahr weiterbetreuen. Trzmielewski erklärt einige der Details: "Nutzer brauchen etwa anderthalb Stunden für jede Strecke." Zwischendurch können Aufgaben gelöst werden, mit deren Hilfe man sein Wissen testen kann. Zudem ist es möglich, zwischen den Routen hin und her zu springen oder an beliebigen Stellen einzusteigen.

Da es sich ausdrücklich um ein Mitmach-Projekt handelt, geht es nicht allein um Kommentare zu Punkten und eigene Erinnerungen. Daniel Maurer sagt: "Wir wollen auch neue Tourenvorschläge in unsere Internetseite mit einarbeiten."

Rüdiger Koch ist auf der Premierentour derweil am Magdeburger Universitätsplatz angekommen. Hier trägt er per Handy den ersten Nutzerkommentar ein. Die Initiatoren haben sich hier mit dem ehemaligen Zirkus auf der Ostseite des Platzes beschäftigt. Koch hinterlässt einen Verweis zum Circusmuseum im Stadtteil Buckau. Vielleicht ist das ja der Anstoß, eine neue Route einzurichten. Und Koch erinnert an die Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an die Betreiber des Circus‘, an emotionale Erinnerungen der Angehörigen: Solche Erinnerungen seien Beispiele dafür, wie die Geschichten Einzelner im Rahmen des Projektes zur Geschichtscollage über die Stadt beitragen können.

Nicht jeder ist allerdings mit dem Internet, mit Smartphones oder mit interaktiven Rundgängen vertraut. Corinna Pape ermuntert aber auch diese Menschen, mitzumachen: "In der Pilotphase stellen wir zunächst entsprechende Telefone zur Verfügung. Und wer das wünscht, wird bei seiner Runde durch die Stadt auch von einem ehrenamtlichen Helfer begleitet, der beispielsweise die Technik erklären kann." Interessierte können sich unter Telefon (0177) 5974016 melden.

Der Name des Projektes – Amnesie – wirkt zunächst befremdlich. Ist Amnesie doch der griechische Ausdruck für eine Art von Gedächtnisverlust. Dominik Trzmielewski erklärt: "Uns geht es aber vielmehr darum, dass die Menschen ihre Erinnerungen, die irgendwann für sie und damit auch für alle anderen Menschen verloren gehen würden, hier elektronisch hinterlegen."

www.amnesie-md.de

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