Bundesweit wird in diesen Tagen mit einer Aktionswoche auf das Thema Alkoholmissbrauch aufmerksam gemacht. Nach Expertenschätzungen gelten 40000 Menschen in Sachsen-Anhalt als alkoholabhängig. Wer sich helfen lassen möchte, findet Unterstützung zum Beispiel in der Fachklinik für Suchtkranke "Alte Ölmühle" in Magdeburg.

Magdeburg. Das Licht der Frühlingssonne spiegelt sich im hellen Parkett des Therapieraumes. Draußen im Garten weht eine steife Brise durch das frische Grün der Bäume. "Man hat endlich wieder ein Ohr für den Vogelgesang", ist so ein Satz, der im Raum gesprochen wird. Oder: "Ich wusste zwar, wie rein äußerlich ein schöner Sonnenuntergang aussieht, aber er hat mich nicht emotional berührt."

Zwei Frauen, vier Männer und Therapeut Jan-Hinrich Obendiek haben sich an diesem Vormittag zu einem Gesprächskreis zusammengefunden. Sie kommen aus Halle, Schönebeck, Naumburg, Osterburg, Chemnitz und Leipzig. Zwölf Wochen weit weg von zu Hause. Drei Monate für den Neustart ins Leben. Zwei Männer sind schon mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Die anderen sind nur einfach an ihrem Alltag gescheitert. Ihr gemeinsames Leiden heißt: Alkohol.

Da ist die Leipzigerin, schlank, freundliches Wesen, wache Augen, 42 Jahre, Mutter von drei Kindern, geschieden. "Mich haben die Depressionen in den Alkohol getrieben", erzählt sie. Anfangs war es der Sekt, immer mal ein Glas den ganzen Tag. "Dann Schnaps. Zum Schluss habe ich zwei Flaschen Schnaps am Tag getrunken. Schon am Morgen brauchte ich das, sonst war ich zu nervös." Man habe ihr den Schnapskonsum nicht angemerkt, sagt sie. Zwei Jungs hat sie und ein Mädchen. Der Große, jetzt 23 Jahre, hat sie angeschrien, konnte es zum Schluss nicht mehr mit ansehen und ist ausgezogen. Die Kleinen, heute 14 und 15 Jahre, haben "es besser weggesteckt", glaubt die Leipzigerin.

Die Schönebeckerin, 51 Jahre, heute im Sozialdienst der Klinik tätig, sagt, ihr sei erst spät klar geworden, was sie mit ihrer Alkoholsucht der Familie angetan habe. Ihr Kind habe mal zu ihr gesagt: "Mama, ich konnte niemals jemand einfach so nach Hause mitbringen, weil ich nicht wusste, wie betrunken du gerade warst."

Zwei Flaschen Schnaps am Tag als Mutter von drei Kindern – wie kauft und versteckt man so viel Schnaps? Die Schönebeckerin: "Ich habe immer Schnaps im Karton gekauft, weil das nach einer großen Feier aussieht." Die Leipzigerin: "Ich habe Schnaps in verschiedene Limonadenflaschen umgefüllt. Braunen kann man zum Beispiel gut in Apfelschorle-Flaschen verstecken." Allerdings habe eines ihrer Kinder auch mal versehentlich zur falschen Apfelschorle gegriffen. "Die hat sich vielleicht geschüttelt." Sie schmunzelt.

Die Offenheit, mit der in der Runde die Alkoholprobleme besprochen werden, mag auf Außenstehende befremdlich wirken. Aus Sicht der Therapeuten ist der freie Blick auf das eigene Leben und die ehrliche Auseinandersetzung damit aber die Grundlage eines Neubeginns.

Da ist der Mann mit Vorstrafenregister, der am ganzen Körper tätowiert ist. Ein Typ, dem Frau lieber nicht nachts im Park begegnen würde. Die Angst sei ihm hier in der Klinik genommen worden, sagt er. Er spricht davon, wie froh er ist, endlich Hilfe zu bekommen. "Wenn ich den Briefkasten aufgemacht habe und es lag wieder ein Brief vom Gericht drin oder eine Rechnung, habe ich erst einmal ein paar Bier getrunken, um meine Angst loszuwerden", erzählt er. 49 Jahre ist er. Stahlarbeiter, Schlosser. Im Winter, wenn es nichts zu tun gab, hat ihn die Langeweile in den Alkohol getrieben. Saufen mit den Kumpels oder einfach so. 2010 hat sich auch die zweite Frau von ihm scheiden lassen. Zusammenbruch, Krampfanfälle, Entgiftung. Wie wird das sein, wenn er bald wieder zu Hause ist und im Briefkasten eine Rechnung liegt? "Dann gehe ich zur AWO-Schuldenberatung. Ich habe jetzt einen klaren Kopf."

Wieviel von den guten Vorsätzen tatsächlich umgesetzt werden, die sich diese Frauen und Männer vorgenommen haben, weiß niemand. Aber der Wunsch, das Leben wieder aktiv zu gestalten und einen Richtungswechsel zu vollziehen, ist deutlich spürbar. Da ist der stämmige Herr aus Naumburg, der seinen 14 Jahre alten Sohn "jetzt da rausholen will", wie er sagt. Gemeint ist die Wohnung seiner von ihm getrennt lebenden Frau, die auch trinkt. "Früher hat er so gern Fußball gespielt. Jetzt hockt er nur noch herum", erzählt er. "Das mache ich jetzt. Ich hole den da raus."

Ist ein Alkoholiker nach der Ölmühlen-Therapie im Alltag überlebensfähig – ohne "Stoff"? Jan-Hinrich Obendiek, leitender Therapeut in der Suchtklinik "Alte Ölmühle", sagt, wichtig sei, wieder ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Entspannung zu finden. "Entspannung kann bedeuten, wieder mal ins Kino zu gehen oder zu joggen. Das können viele Alkoholiker nicht." Spannung kann bedeuten, wieder den Wert einer Tätigkeit zu erleben. Selbstwertgefühl zurückerlangen.

In der Werkstatt der Suchtklinik steht ein alter Mercedes, Baujahr 1962. Dutzende Suchtkranke haben an dem schon geschraubt. Wird er irgendwann wieder in alter Schönheit erstrahlen? Unwichtig. Der Weg ist das Ziel. "Manche kommen lange nach ihrer Therapie noch zu unseren Treffen und wollen als Erstes wissen, wie weit der alte Benz ist", erzählt der Therapeut.

Wer Hilfe braucht, kann in der "Ölmühle" einfach anrufen. Niemand wird abgewiesen. Jeder bekommt Hilfe. Ab wann braucht man Hilfe? Therapeut Obendiek: "Wenn Alkohol Probleme macht, ist Alkohol ein Problem."

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