In Kollegenkreisen nannte man sie eine Zeit lang "Schamanen" oder "Knochenleser", manchmal sogar "postmortale Klugscheißer". Doch gehört das längst der Vergangenheit an. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die operativen Fallanalytiker des Landeskriminalamts mit ihren Ermittlungshinweisen bei ungeklärten Kriminalfällen die Anerkennung der Mordkommissionen im Lande erkämpft.

Magdeburg. Am Ostersonntag 2007 wurden drei Spaziergänger am Badesee in Sandersdorf (Anhalt-Bitterfeld) auf einen blauen Müllsack aufmerksam. Er war auf die flache Steinböschung des Gewässers gespült worden. Der Sohn der Familie öffnete ihn und prallte entsetzt zurück. In dem Behältnis lag eine Babyleiche.

Kriminalhauptkommissar Knut Petsche – Chef der kleinen Abteilung für Operative Fallanalyse beim Landeskriminalamt – erinnert sich noch ganz genau an diese Ausgangssituation und erklärt die Vorgehensweise seiner Spezialtruppe: "Wir wurden von Anfang an in die Sache einbezogen, und wir machten uns mit den Fakten vertraut."

Das neugeborene Mädchen war abgenabelt und gesäubert worden. "Dieser Umstand sagte uns, dass es sich nicht um eine Spontangeburt gehandelt haben konnte und die Täterin vermutlich keine Erstgebärende war", so Petsche, der seit 34 Jahren bei der Kripo ist.

Die Frage, ob der Fund- auch der Geburtsort, ob der Sack dort abgelegt oder durch Tiere dorthin gezerrt worden war, wurde diskutiert und das Team entschied sich für Variante 1.

"Das Kind hatte mehrere Stunden gelebt"

Dass es sich nicht um eine Totgeburt gehandelt hatte, zeigte die Obduktion. "Das Kind hatte mehrere Stunden gelebt", berichtet Petsche weiter.

Nun ging es darum, zu erkennen, wie die Leiche an den See gebracht worden war: zu Fuß, mit dem Fahrrad/Moped oder dem Pkw? Petsche: "Wäre ein Auto im Spiel gewesen, wäre das Baby viel weiter weg ,entsorgt‘ worden. Fahrrad und Moped kamen kurz nach der Geburt kaum in Frage – also blieb zu Fuß." Und somit habe Vieles darauf hingedeutet, dass die Frau im "Nahbereich" zu suchen ist.

Wenige hundert Meter vom See entfernt gab es eine Plattenbausiedlung. Die OFA empfahl den Kollegen vom zuständigen Morddezernat, dort "den Ermittlungsdruck" zu erhöhen – von Tür zu Tür zu gehen, einen Hund einzusetzen – deutliche Präsenz zu zeigen. "Und das hatte Erfolg: Drei Tage später meldete sich die Mutter der Täterin bei der Polizei und fragte: Sie suchen doch meine Tochter ...?"

Die junge Frau wurde wegen Mordes zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Seit knapp zehn Jahren kümmern sich die OFA-Leute des LKA um zumeist hoffnungslose Kapitalverbrechen – Morde und Sexualdelikte, die bereits mehrere Jahre ungeklärt sind, bei denen es vermeintlich keine Ermittlungsansätze mehr gibt.

Petsche: "Langjähriger Verfechter der operativen Fallanalyse ist der Psychologe Thomas Müller aus Österreich. Er hat Anfang der 1990er Jahre die Profiling-Methode von der FBI-Akademie in Quantico, Virginia, nach Europa gebracht."

Vorher sei immer der Modus operandi – die Tatbegehungsweise – Ausgangspunkt gewesen. Bei der operativen Fallanalyse werden Täterverhalten am Tatort und Opferverhalten bewertet, um ein möglichst deutliches Persönlichkeitsbild des Täters zu erhalten.

Nachdem die Konferenz der Landesinnenminister 1999 grünes Licht für diese neue Kriminalistik-Methode gegeben hatte, wurde es auch für Petsche, der sich jahrzehntelang mit Kapitalverbrechen befasst hatte, Ernst. Und er hatte das große Glück, bei Thomas Müller in die Lehre zu gehen.

"Vier bis fünf Jahre braucht man, bis man ausgelernt hat", sagt der 55-Jährige. Voraussetzungen für einen Fallanalytiker seien, dass er aus dem Tötungs-/Sexualdeliktsbereich komme, rechtsmedizinische und psychologische Kenntnisse besitze.

Sich Zeit zu nehmen, um sich in die Psyche des Täters hineinzuversetzen, in den Akten möglicherweise neue Ansätze zu finden, ist unerlässlich", meint Petsche. Und genau diese Zeit hätten die Mordermittler zumeist nicht. Sie stünden "unter Dampf": "Druck von den Vorgesetzten, von den Angehörigen der Opfer und der Presse."

Das OFA-Team geht "in Klausur", wenn es sich mit einem Fall beschäftigt. "Dann packen wir Akten, Fotos, alles, was es zum Fall gibt, zusammen und verschwinden unter anderem nach Pretsch auf das Gelände der Diensthundeführerschule." Dort, völlig ungestört, werde der Fall neu aufgerollt.

Doch eine Allzweckwaffe gegen ungeklärte Fälle sei die OFA auch nicht, räumt Kriminaloberkommissarin Cornelia Behrendt ein. Und Petsche erinnert sich in diesem Zusammenhang an seinen ersten Fall.

Im Juli 1996 wurde eine Frau von Bauarbeitern tot in einem Zeitzer Keller gefunden. Die "schwarze Witwe" – so genannt, weil sich die 53-Jährige immer schwarz gekleidet und sich als eine Nachfahrin der Herren der Moritzburg bezeichnet hatte. Die Frau war vergewaltigt und erwürgt worden.

Im Januar 2001 landete der Fall auf Anforderung der damaligen Polizeidirektion Merseburg auf dem Tisch der Analytiker. Doch konnte das Team nicht weiterhelfen. Der Sexualmörder läuft heute noch frei herum.

"Na klar, jeder will seinen Fall selbst lösen"

"Die Akzeptanz der neuen Einheit war bis 2003 nicht sonderlich groß bei der Polizei", sagt Petsche. "Na klar, jeder will seinen Fall selbst lösen und hört es nicht gern, wenn der Vorgesetzte fragt: Warum haben die das geschafft und ihr nicht?" Doch inzwischen gebe es kaum noch Vorbehalte.

Behrendt: "Wir halten uns im Hintergrund, treten nie öffentlich in Erscheinung. Es ermitteln die Mordkommissionen. Und sie lösen den Fall letztlich auch. Möglicherweise aufgrund unserer Empfehlungen."

Inzwischen gebe es sogar eine Warteliste. "Vier Fälle bearbeiten wir gerade, vier weitere stehen in der Warteschleife", sagt Petsche. Zu Letzteren gehörten der sogenannte Valentinstagmord in Magdeburg aus dem Jahr 2006 und die Ermordung des Bauunternehmers Hartmut Felix Bürger aus Harzgerode (Harzkreis) vor zehn Jahren.

Behrendt: "Bis zu einem Jahr bereiten wir uns auf die Fälle vor, dann werten wir drei bis fünf Tage die Unterlagen aus." Grundsätzlich werde der Tatort angeschaut – auch wenn sich die Gegend inzwischen verändert habe. "Die Veränderungen werden genau aufgelistet."

Petsche deutet auf eine Tafel, auf der einige Schlüsselworte der OFA geschrieben stehen: Tat, darunter Tatort und Opfer, Rekonstruktion der Tat, Täterpersönlichkeit/Täterprofil.

Anhand dieser Schlüsselworte – die objektiven Tatortspuren und Spuren am Opfer immer im Hinterkopf – hangelt sich die OFA in ihren Überlegungen. War das Täterverhalten geplant oder ungeplant? Gibt es Besonderheiten? Gibt der Knoten einer Fesselung Auskunft über die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe wie Seemann, Bauarbeiter? Welche Fantasien oder Bedürfnisse des Täters lassen sich anhand der Spuren deuten? So könnte das abgedeckte Gesicht eines Vergewaltigungsopfers den Hinweis auf ein bestimmtes Mutter-Sohn-Verhält- nis geben.

Eine fehlende Haarlocke oder mitgenommene Unterwäsche könnte darauf hindeuten, dass es sich um eine tickende Zeitbombe handelt. Um einen Täter, der, nachdem ihm diese Fetische nicht mehr ausreichen, erneut zuschlägt.

Bei der Rekonstruktion der Tat werden Hypothesen zur Frage aufgestellt: Was ist wie abgelaufen?

"Wenn es optimal läuft, erstellen wir ein Täterprofil"

Wichtig auch das "Vortat-, Tat- und Nachtatverhalten". Wie ist der Mörder zum Tatort gelangt, wie ist er dort vorgegangen, wie hat er das Opfer nach der Tat abgelegt? Hat er es bedeckt oder ihm die Hände gefaltet?

Wenn es optimal läuft, können die Analytiker Aussagen zum Geschlecht des Täters treffen, eine Altersspanne angeben, etwas zur Mobilität, zur Beziehung, Beruf oder Tätigkeit sagen.

Zu den Fällen, an deren Aufklärung die Spezialkriminalisten des LKA großen Anteil hatten, gehört auch das Geschehen um den "schwarzen Mann" am 6. April 2007 in Wolfen. Ein 68 Jahre alter Mann war erstochen worden.

Zwei Hausbewohnerinnen hatten Lärm im Hausflur gehört, und als sie nachsahen einen Mann – schwarzes Gesicht, schwarze Hände – mit einem Schlüsselbund an sich vorbeilaufen gesehen. Sekunden später war er zurückgekommen, weil er aus der verschlossenen Haustür nicht hinauskam und wollte wissen, welcher Schlüssel der Richtige ist.

Doch vor Angst kriegten die Zeuginnen kein Wort heraus. Der junge Mann probierte daraufhin alle Schlüssel durch und lief über die Vorwiese. Dabei wurde der "Schwarze" von einem Pärchen im gegenüberliegenden Haus gesehen. Ihm fiel auf, dass der Mann eigenartig hüpfte, als er auf dem Schotterparkplatz lief.

Die OFA-Analyse ergab: Das alleinstehende, homosexuelle Opfer hatte den Täter selbst hereingelassen. In der Wohnung musste ein Streit eskaliert sein. Die Tatwaffe war ein Messer, das der Täter ständig bei sich trug. Es war eine ungeplante Tat.

Die Schwarzfärbung des Täters ließ sich damit erklären, dass das Opfer während des Kampfes zu einer Lacksprayflasche gegriffen hatte. Das eigenartige Gehen des Täters damit, dass er durch die Aufregung nach der Tat vergessen hatte, seine Schuhe anzuziehen und das erst bemerkt hatte, als er auf dem Schotter lief.

In der Tatwohnung wurden Schuhe gefunden, die zwei Nummern größer waren als die des Opfers und im Gegensatz zu allen anderen Schuhen in der Wohnung nicht aufgeschnürt waren.

Die Schuh-DNA in Verbindung mit umfangreichen Ermittlungen entlarvte den Täter.

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