Ganz im Stillen beging die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt ihr 20-jähriges Bestehen. Die Entwicklung der Einrichtung war von einigen Höhen und Tiefen geprägt.

Halberstadt. Mauern, Zäune, eine Einlasskontrolle, drei große Blöcke. Der erste bekommt gerade einen dunkelgrauen Anstrich, aufgelockert von freundlichen roten Streifen. Die beiden Nachbargebäude hinter ihm zeigen triste, abbröckelnde gelbliche Fassaden. Manche Fenster zieren Gardinen, andere Zeitungspapier. Es wirkt trostlos hier. Nur vereinzelt sieht man Menschen – offenkundig arabischer oder afrikanischer Herkunft. Im letzten Block sind einige Fenster mit Sternen und Bildern versehen – dort befindet sich die Kindertagesstätte der Einrichtung. "Das ist ebenso ein freiwillig von uns vorgehaltenes Angebot wie die Krankenschwester, die im Haus tätig ist", berichtet Rolf Harder.

"Die meisten Ankommenden bleiben nicht lange"

Seit 18 Jahren leitet er die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber, kurz ZASt. Seit 20 Jahren werden hier am Rande Halberstadts Menschen aufgenommen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Den Kasernencharakter werden auch die Farbe und Dämmung an den Häusern nicht wegretuschieren können, das weiß Harder. Aber er weiß auch, dass die meisten der hier Ankommenden nicht sehr lange bleiben. Etwa zwölf Wochen ist der Schnitt – jedenfalls für die meisten Asylsuchenden.

Unter dem Dach der ZASt sind mittlerweile mehrere Unterbringungsprojekte vereint, berichtet Harder. In der Erstaufnahme müssen alle Ankommenden mit der Kasernensituation leben. Sie leben in kargen Zwei-Bett-Zimmern, in denen ein Tisch, drei Stühle, zwei Spinde stehen. Einige Zimmer haben auch Kühlschränke. Auf den Pritschen liegen blaukarierte Bettwäsche, zwei Handtücher, eine Rolle Klopapier, Plastikbesteck. "Herbergscharakter", sagt Harder dazu. Gardinen können sich die Bewohner aus der Kleiderkammer der Einrichtung holen.

Wer länger bleibt und nicht auf andere Landkreise in Sachsen-Anhalt aufgeteilt wird, zieht oft in die "Gemeinschaftsunterkunft ZASt". Für Asylsuchende, die dem Landkreis Harz zugeteilt werden, sind hier 75 Plätze vorhanden. Seit 2002 existiert diese "GU", aber der Landkreis bemühe sich um eine neue Lösung, ist vom ZASt-Leiter zu erfahren. In den Zimmern der GU finden sich auch mal Fernseher, es wirkt wohnlicher – wenn auch nicht unbedingt anheimelnd. Mancher spricht gar von Gefängnisatmosphäre. Empfindsame Gemüter haben es nicht leicht hier.

Dennoch bemühen sich die fünf Sozialarbeiter der ZASt um jeden, der hier ankommt. Sie haben ihre Büros auf den Wohn-etagen, sind so schnell zu erreichen für die Flüchtlinge und die Sozialarbeiter bekommen auch mit, wenn es zwischen einzelnen Gruppen zu Spannungen kommt. "Wir versuchen schon, Landsleute zu Landsleuten zu legen oder Nationalitäten, deren Verfeindung uns bekannt ist, nicht zu dicht zusammenzulegen", berichtet Harder.

Inzwischen geht das ganz gut, aber es gab Zeiten, da kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen. Mit Grausen erinnern sich die Mitarbeiter an die Zeit Anfang und Mitte der 1990er Jahre, als zum Teil fast 16 000 Menschen im Jahr durch die Einrichtung mussten. "Im August 1992 hatten wir über 2000 Neuaufnahmen. Ein unhaltbarer Zustand", erinnert sich Harder. Ausgelegt ist die Einrichtung für die Unterbringung von 1200 Menschen, bei voller Auslastung hat jeder 7,5 Quadratmeter reinen Wohnraum zur Verfügung.

"Zum Glück hat sich das gegeben"

Damals kam es in der Stadt zu Übergriffen auf Ausländer. "Zum Glück hat sich das gegeben", sagt Harder. 2005 gab es den letzten – den Behörden bekanntgewordenen – Angriff auf einen Ausländer in der Stadt. "Wir arbeiten eng mit Stadt, Kreis und Polizei zusammen", so Harder. Wozu auch gehört, dass es in der ZASt eine kleine Polizeistation gibt. "Eine Reaktion auf die Brandstiftung damals in Rostock-Lichtenhagen." Ansonsten sorgt ein privater Sicherheitsdienst für die Bewachung des Objektes.

Mit dem Asylkompromiss 1993 fiel die Zahl der Neuaufnahmen deutlich. Dennoch sind in den vergangenen 20 Jahren rund 94 000 Menschen in der ZASt betreut worden. Bis zum Jahr 2001 waren rund 5000 Neuaufnahmen im Jahr die Regel, dann sanken die Zahlen drastisch. "So sehr, dass sich schon viele Mitarbeiter Sorge um ihren Arbeitsplatz machten", berichtet der ZASt-Chef. Den Tiefpunkt gab es 2007 mit 845 registrierten Personen. Da keimten Überlegungen auf, die zentrale Einrichtung aufzulösen und mit anderen Bundesländern zu kooperieren.

Damals fiel die Entscheidung, einen Häuserblock "in Reserve" zu nehmen. Er wird jetzt als Lager genutzt und im Erdgeschoss befinden sich die Arzträume. Jeder Neuankömmling wird auf ansteckende Krankheiten untersucht und bei Bedarf auch medizinisch versorgt.

Die Versorgung mit Essen erfolgt über eine im Jahr 2001 sanierte Großküche, da gibt es auch Metallbesteck. Gekocht werde täglich frisch, sagt Harder, aber ohne Schweinefleisch. Schließlich befolgen viele der Flüchtlinge strenge Speisevorschriften. Einen Gebetsraum gibt es zurzeit in der Einrichtung nicht, eine Zeit lang gab es einen solchen Raum, der von den ZASt-Bewohnern selbst verwaltet wurde. Die Christen unter den Flüchtlingen besuchen die Gottesdienste in den Kirchen der Stadt. Anhänger anderer Religionen müssen sich anders behelfen.

Seit 2007 steigt die Zahl der Flüchtlinge wieder, im vergangenen Jahr waren es 1545 Menschen, für die in den Gebäuden des ehemaligen Grenzregiments das Asylverfahren begann. Direkt auf dem Gelände, in einem kleineren Gebäude, sind Mitarbeiter des Bundesamtes für Flüchtlinge und Migration untergebracht, damit sind die Wege für die Asylsuchenden kurz.

Weil das Verfahren oft kompliziert ist, finanziert das Land unabhängige Verfahrensberater. In Halberstadt arbeitet ein Mitarbeiter der Caritas für 20 Stunden in der Woche in der Verfahrensberatung, auch das Diakonische Werk ist anerkannter Träger dieser Beratungsleistung. Ein Büro haben die Diakonie-Mitarbeiter aber noch nicht auf dem Gelände, vielleicht lässt sich in Zusammenarbeit mit der Caritas das Beratungsangebot in der ZASt selbst verbessern.

"Die Zahl der Familien nimmt zu"

In einem Hauseingang spielen Kinder Ball. In jüngster Zeit steigt die Zahl von Familien, die um Asyl bitten. "Das belegt ein Blick auf die Statistik. Im vergangenen Jahr waren 29,3 Prozent der Asylsuchenden Kinder, 22,7 Prozent Frauen und 48 Prozent Männer", berichtet Rolf Harder. Im Jahr 2009 lag der Kinderanteil bei 25 Prozent.

Größte Gruppe der Flüchtlinge sind aber nach wie vor "alleinreisende Männer", wenn auch nicht mehr so in Überzahl wie in den 1990er Jahren. Es gibt auch alleinreisende Kinder, im vergangenen Jahr waren 67 Antragsteller minderjährig, zehn von ihnen waren unter 16. "Dann schalten wir sofort das Vormundschaftsgericht ein", so Harder. Eine sogenannte Clearingstelle kümmert sich um die Identitätsfeststellung und der Verein Refugium übernimmt oft die Betreuung der Minderjährigen, berichtet Susi Möbbecke, Integrationsbeauftragte des Landes.

Vereine sind auch in Halberstadt aktiv, um den Flüchtlingen zu helfen. Neben Caritas und Diakonie gibt es den Flüchtlingshilfeverein, das sozio-kulturelle Zentrum Zora und auch der Unabhängige Frauenverband pflegen Kontakte, organisieren Veranstaltungen. Gemeinsam wird im Frühjahr und Sommer ein Fest organisiert, zu Weihnachten trifft man sich, mit den Kindern wird gespielt und auch Sprachkurse werden über Ehrenamtliche angeboten. Den Ankommenden soll so ein Gefühl vom Leben in Deutschland vermittelt werden – und sie sollen sich nicht alleingelassen fühlen.

Zur ZASt gehört auch eine sogenannte Ausreiseeinrichtung. Hier werden Flüchtlinge untergebracht, deren Status unklar ist. "Aber wir schließen hier niemanden ein. Es ist keine Abschiebehaft, damit möchten wir hier nichts zu tun haben", betont Harder. Dafür sind andere Stellen im Land zuständig. Von der Integrationsbeauftragen Susi Möbbecke ist zu erfahren, dass weniger als zehn Männer derzeit auf ihre Abschiebung in der Justizvollzugsanstalt Volkstedt warten.

In Halberstadt kümmert man sich derweil wieder um Neuankömmlinge, die die Tore und Zäune passieren, um hier ihren Antrag auf Bleiberecht zu stellen. Denn neben dem politischen Asyl, das nur in weniger als zwei Prozent der Fälle gewährt wird, kann der Aufenthalt in Deutschland auch über das Flüchtingsgesetz, das Zuwanderungsgesetz oder die Genfer Konventionen gewährt werden. Zuständig dafür ist die Bundesanstalt für Flüchtlinge und Migration.

 

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