Der Dioxin-Skandal in Deutschland nimmt immer größere Ausmaße an. Inzwischen ist die Rede von 30 000 bis zu 150 000 Tonnen dioxinbelastetem Tierfutter, das deutschlandweit an tausende Bauernhöfe und Agrarbetriebe verkauft wurde. In Sachsen-Anhalt sind am Mittwoch neun weitere Agrarbetriebe gesperrt worden. Damit sind insgesamt 27 Betriebe im Land wegen dioxingepanschten Tierfutters geschlossen.

Magdeburg. Dabei handelt es sich nach Angaben des Agrarministeriums in Magdeburg um insgesamt 26 Schweinemast- und Masthähnchenchenbetriebe sowie einen Eierproduzenten. Dieser liefert allerdings seine Produkte nicht an den Handel, sondern an die Industrie zur Weiterverarbeitung. Die Namen der betroffenen Firmen nennt das Agrarministerium nicht. Unter den gesperrten Betrieben befinden sich keine Erzeuger, die den Handel direkt beliefern, begründete Sprecher Detlef Thiel das Vorgehen. Außerdem würden alle anderen Bundesländer mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen ebenfalls die Namen der betroffenen Produzenten nicht nennen. Lediglich in Nordrhein-Westfalen habe das Ministerium die Chargen der dioxinverseuchten Eier veröffentlicht.

Sowohl die Grünen Sachsen-Anhalts als auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderten die Landesregierung auf, die Namen der gesperrten Betriebe zu nennen. "Das Land stellt den vermeintlichen Schutz von Wirtschaftsinteressen über das berechtigte Interesse der Menschen auf gesunde Lebensmittel und eine schnelle, verlässliche Information der Verbraucher", erklärte BUND-Landeschef Oliver Wendenkampf. In einer Antwort an den BUND teilte das Agrarministerium mit, dass ein Futtermittelhersteller aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld, die Firma SAFU Zörbig (Agrarhandelsgesellschaft mbH und Co. aus Salzfurtkapelle) rund 55 Tonnen eines dioxinbelasteten Mischfetts erhalten und weiterverarbeitet hat. Ein Unternehmen aus dem Harzkreis habe Mischfett von der Firma Harles und Jentzsch aus Uetersen in Schleswig-Holstein erhalten. Ob dieses Fett dioxinbelastet ist, könne zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt werden.

Unterdessen fordern Landespolitiker schärfere Kontrollen bei der Herstellung von Futtermitteln. Der agrarpolitische Sprecher der Linken im Landtag, Hans-Jörg Krause: "Es zeigt sich einmal mehr, Transparenz und ein engmaschiges Netz von Kontrollmaßnahmen durch die öffentliche Hand sind unumgänglich." Sich auf Selbstkontrolle zu verlassen, sei mehr als Selbstbetrug. Der agrarpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Bernhard Daldrup fragte, was Zertifizierungen wert seien, wenn offenbar jahrelang Normen nicht eingehalten worden seien. Der entstandene Schaden dürfe keinesfalls an denjenigen Unternehmern hängen bleiben, die die Futtermittel gekauft haben.

Kurt-Henning Klamroth aus Westerhausen (Harzkreis), Chef des Deutschen Bauernbundes, sieht in dem "völlig überzogenen falschen Konzentrationsprozess" die Ursache für das Ausmaß des Dioxin-Skandals. Der Interessenverband der bäuerlichen Familienbetriebe weist dem Bauernverband und dem Raiffeisenverband eine Mitverantwortung für die Situation zu. Ihnen könnten die Konzentrationen nicht groß genug sein.

Vom Dioxin-Skandal sind elf Bundesländer betroffen. Bis zu 150 000 Tonnen Futter mit dem krebserregenden Gift hatten in Deutschland Unmengen Schweinefleisch und Geflügelprodukte verseucht. Mehr als 1000 Agrarbetriebe sind betroffen. Tausende Legehennen sind getötet worden. In Schleswig-Holstein wurde ein Schlachtverbot für Schweinemast-Betriebe erlassen.

Grund für die Verunreinigungen: Mischfettsäuren, die für technische Zwecke bestimmt waren, wurden in Futterfette gemischt. Ob dies durch "menschliches Versagen" geschah oder einen kriminellen Hintergrund hat, untersucht die Staatsanwaltschaft. Woher das Dioxin genau kommt, ist laut Bundesregierung immer noch unklar. Fest steht, dass die Dioxin-Grenzwerte für Futterfette der Firma Harles und Jentzsch deutlich überschritten wurden. Das von der Firma gelieferte Fett war von 25 Futterherstellern in vier Bundesländern eingemischt worden. Meinung