Eingeschlossen vom Hochwasser der Havel standen bis gestern Abend 36 Rinder auf einer immer kleiner werdenden Insel bei Garz im Landkreis Stendal. Da niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, ob sie überflutet wird oder nicht, entschied sich Besitzer Fritz Kleemann, seine Tiere zu retten.

Garz. Nebel liegt über den überfluteten zugefrorenen Havelwiesen. Die 36 Rinder der Rasse Charolaise stehen wie jeden Tag auf ihrer Insel, kauen gelangweilt Futter vor sich hin. Sie ahnen nicht, welche Aufregung sie noch erwartet. Denn eine aufwändige Rettungsaktion läuft an.

Ein vom brandenburgischen Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) organisiertes Schubboot einer Berliner Firma dockt im Morgengrauen an die alte Sandauer Fähre an. Schon seit den 70er Jahren außer Betrieb, liegt sie nahe Havelberg an Land, gehört dem Toppeler Ronald Pleil. Als der von Ordnungsamtleiter Klaus Heidrich von der misslichen Lage der Tiere gehört hat, stellt er die Fähre sofort zur Verfügung.

Die nimmt mit Sondergenehmigung des WSA kurz nach 8 Uhr Fahrt auf. Dicht gefolgt von der Wasserschutzpolizei, die den ganzen Tag über ein wachsames Auge auf die Aktion hat, geht es 15 Kilometer flussaufwärts. Weil der Garzer Schleusenkanal, von dem aus man nur noch an die Insel herankommt, zugefroren ist, macht sich auch der Eisbrecher "Seeadler" auf, den Rettern den Weg zu bahnen. Zunächst geht es an eine Stelle des alten Havelarms, wo Technik und Gitterzäune an Bord kommen. Auch Fritz Kleemann aus Molkenberg, dem die Rinder gehören, steigt zu. Außerdem ein paar Helfer und Fernseh-Journalisten. Dass die Rettungsaktion so öffentlich wird, ist dem 79-Jährigen nicht gerade recht. Denn natürlich wird die Frage gestellt, warum die Tiere nicht eher in Sicherheit gebracht wurden. "Die Verhältnisse waren durch den frühen Wintereinbruch und beinahe ununterbrochenes Hochwasser nicht gerade einfach. Plötzlich war das Hochwasser gefroren und über Eis gehen die bis zu 500 Kilo schweren Rinder nicht. In den letzten zwei Wochen stieg das Wasser immer mehr. Und keiner kann uns versichern, dass die Anhöhe in den kommenden Tagen nicht überflutet wird", erzählt Gunda Tanne, die Tochter des Rinderzüchters. Zu Wochenbeginn wurde die Ungewissheit zu groß – nichts wäre schlimmer, als wenn die Tiere plötzlich im Wasser stehen! Also wandte sich der Molkenberger hilfesuchend an die Verbandsgemeinde in Schönhausen. Bürgermeister Bernd Witt nahm Kontakt zu Bundeswehr, Wasserschutzpolizei und den Amtskollegen der Einheitsgemeinde Havelberg auf. Nach einer Begutachtung der Situation vor Ort und unzähligen Telefonaten stand fest, dass die Rettung funktionieren könnte.

Dass am Ende alles so reibungslos klappt, hätte Fritz Kleemann nicht zu hoffen gewagt. Denn alles läuft wie am Schnürchen: Der Viehtransporter erreicht gegen 13 Uhr die Insel. Die in das eilig aufgebaute Gatter zusammengetriebenen Rinder gehen mit ein wenig Nachhilfe auf den Anhänger. Bis zu sechs Tiere passen rein. Klappe zu! Abfahrt auf die Fähre. Die legt ab und schiebt sich durch die Eisschollen 200 Meter flussaufwärts bis kurz vor die Garzer Schleuse.

Hier kann die Fracht von Bord. Ein Stück weiter steht ein Viehtransporter bereit. Umladen. Die Charolaise kommen auf eine Wiese bei Warnau, die hochwassersicher sein soll. Für etliche Rinder ist hier Endstation und die idyllische Zeit auf den Havelwiesen bald vorbei. Fritz Kleemann nutzt die Gelegenheit, die Herde zu verkleinern – mit fast 80 Jahren will er nur noch ein paar Rinder halten. Und mit dem Verkauf der Tiere kann er auch die Kosten begleichen, die die Rettung verursacht haben.

Noch ein paar Mal fährt die Fähre hin und her, bis die Insel leer ist. Als es dunkelt, sind alle Tiere an Land und damit ist für Fritz Kleemann auch die sprichwörtliche Kuh vom Eis. Nun kann er ganz beruhigt das Havelhochwasser beobachten. Denn ob die Insel überflutet wird oder nicht – seine Tiere sind in Sicherheit!

 

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