Die Hochwasserlage im Norden Sachsen-Anhalts bleibt angespannt. In der Aland-Niederung nordwestlich des altmärkischen Städtchens Seehausen bildete sich bis heute eine riesige Seenlandschaft. Mehr als 850 Hektar Land werden geflutet. Dabei hat der Scheitel des Elbhochwassers die Region noch nicht erreicht. Jetzt liegt alles an den Deichen, ob Orte wie Wahrenberg, Pollitz oder Groß Gartz vor dem Wasser geschützt werden können.

Von Holger Thiel

Seehausen. "Das Wasser steigt und steigt, aber wir werden von der Gemeinde alleine gelassen." Verzweifelt schleppten gestern Morgen Heike Winkelmann und ihre Tochter Marei einen Sandsack nach dem anderen. Der Hühnerstall steht unter Wasser, die Kaninchen wurden zur Sicherheit in der Garage untergebracht. Der Zehrengraben ist bei Bömen-zien breit über das Ufer getreten, genährt vom Hochwasser der Elbe. Die beiden Frauen versuchen, mit Dämmen ihr Grundstück zu sichern. Am Mittwochabend halfen noch Nachbarn, schilderte die 30-jährige Tochter. Einsatzkräfte der Feuerwehr oder des Technischen Hilfswerkes waren in Bömenzien nicht zu sehen. Der Ort wirkte wie ausgestorben.

Im wenige Kilometer entfernten Pollitz schippten derweil zwei Dutzend Helfer Sandsäcke voll. Seit Montag schon. "10 000 Sandsäcke haben wir gefüllt", erklärte Gemeindearbeiter Dieter Stahl. An Deichen wurden diese verlegt, bis Mittwoch noch mit Unterstützung der Bundeswehr aus Havelberg. Überhaupt die Deiche. Sie sind das größte Sorgenkind der Region. "Gestern hatten wir fünf Fähnchen an Sickerstellen gesteckt, heute waren es bereits gut 15", schilderten die Deichläuferinnen Silke Streuer und Christine Schawe aus Wahrenberg. Zehn Kilometer kontrollieren sie, acht Stunden am Tag. Erstmalig sind in Wahrenberg Frauen als Deichwachen eingesetzt. In der Verbandsgemeinde Seehausen, die im Norden von der Elbe begrenzt wird, sind 200 Frauen und Männer als Deichwachen unterwegs.

"Akute Gefahrenquellen gibt es derzeit nicht", beruhigte gestern Nachmittag Hans-Jörg Steingraf, zuständiger Flussbereichsleiter des Landesamtes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft. Mit Hochdruck war seit Montag unter anderem an der fast drei Kilometer langen Deichbaustelle zwischen Pollitz und Wanzer gearbeitet worden. 35 Sattelschlepper holten rund um die Uhr aus der Kiesgrube Wischer bei Stendal Sand heran. 15 Kubikmeter je Sattelschlepper. Sechs Dumper verteilten den Sand. Zwei Raupen und zwei Bagger waren zudem im Einsatz, schilderte Bernd Dreger von der beauftragten Baufirma. Der Abschnitt gilt jetzt als gesichert.

Doch Flussbereichsleiter Steingraf weiß auch, dass das eigentliche Hochwasser erst in den nächsten Tagen kommt. Am frühen Mittwochnachmittag ist das Alandwehr gesetzt worden. Die Elbe drohte über den Fluss, dessen Pegel so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr, in die Niederung zu schwappen. Die insgesamt 850 Hektar großen Polder Wrechow und Garbe laufen voll. Bis zu 21 Millionen Kubikmeter Wasser können sie aufnehmen. Gleichzeitig drückt die Elbe ihr Hochwasser, deren Scheitel die Region gestern noch nicht erreicht hatte, aber über die Seege, Schau- und Zehrengraben in die von Weiden und Feldern geprägte Region. Eine Region, die in den vergangenen Jahren Dank des Elbradwanderweges touristischen Aufschwung genommen hat.

Um Entlastung für Aulosen zu schaffen, stellten Mitglieder der Stendaler Ortsgruppe des Technischen Hilfswerkes ein Notstromaggregat auf, das mächtige Pumpen antreibt. Wasser des Schaugrabens wird in die Seege zurückgepumpt. Eine Sisyphusarbeit.

Einen ungewöhnlichen Hochwassereinsatz hatte gestern die Feuerwehr von Seehausen. Mit einem Boot rettete sie vier Emus bei Geestgottberg. Das Alandwasser hatte bereits die Beine der australischen Laufvögel umspült, berichtete Horst Sandmann vom Seehäuser Ordnungsamt und Einsatzleiter Hochwasser der Verbandsgemeinde.

Kritisch schaute Sandmann gestern auf den steigenden Pegelstand der Elbe. "Er ist höher als angekündigt." Und auch bei ihm sind es nicht die Elbdeiche, die Sorgenfalten ins Gesicht zeichnen. Es ist die Alandniederung mit ihren gut ein Dutzend Dörfern. Bis zur kommenden Woche werde die Situation ernst bleiben, schätzte Sandmann ein.

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