Von Oliver Schlicht

Magdeburg. Im Dorf Tornitz bei Calbe/Saale kann sich der Besucher ein Bild davon machen, wie es auch in anderen Orten entlang der Elbe und Saale bald aussehen wird: Gartenschläuche kommen aus Kellerfenstern oder führen unter Gehöfttoren hindurch an den Bordstein der Straße heran. Die Tornitzer pumpen das Wasser aus ihren Kellern. "Alle sechs Stunden schalte ich die Pumpe an, damit das Wasser nicht noch höher steigt", erzählt Elke Lehmann in ihrem Hausfenster lehnend. "So hoch", sagt sie und spreizt Daumen und Zeigerfinger weit auseinander, "so hoch steht das Wasser bei uns".

Für die Tornitzer sind feuchte Keller und Wasser auf den Feldern alle paar Jahre ein Normalzustand. Das Dorf liegt nur unweit der Saale. Aber auch Hausbesitzer in Dörfern, die weiter weg von den Flüssen Elbe und Saale liegen, sollten sich in diesem Winter schon Gartenschlauch und Pumpe bereitstellen. Denn das Grundwasser wird weiter steigen.

"Es steht schon im Bereich Barby zwei Meter über dem normalen Pegel. In den nächsten Wochen werden noch 30 bis 70 Zentimeter hinzukommen", erzählt der auch für die Region Barby zuständige Flussbereichsleiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz (LHW), Christian Jung. Wenn das Frühjahrshochwasser auch noch sehr hoch ausfällt, könnte der Grundwasserspiegel sogar noch höher steigen.

Für Panik bestehe trotzdem kein Grund. "Im Normalfall muss niemand evakuiert werden. Die Leute können in ihren Häusern wohnen bleiben, auch wenn der Keller voll Wasser steht", so Jung. Nur die Waschmaschine oder die Tiefkühltruhe müssen "höhergelegt" werden, sonst droht die Gefahr von elektrischen Kurzschlüssen. Aus seiner Sicht mache es auch keinen Sinn, das Wasser aus dem Keller zu pumpen. "Das Wasser kehrt sowieso zurück. In Venedig leben die Leute ja auch mit Wasser im Keller."

Ein bisschen scheint sich das Leben an Elbe und Saale tatsächlich dem feuchten Alltag der italienischen Lagunenstadt anzugleichen. In den vergangenen drei Jahren ist der Grundwasserspiegel hierzulande durch immer mehr Niederschläge stetig angestiegen. 2009 fielen um 500 Liter auf den Quadratmeter (l/qm), 2010 waren es 850 l/qm, 2011 könnten es erstmals über 1000 l/qm werden. Ende Oktober steht der Grundwasserspiegel traditionell am niedrigsten. Christian Jung: "Wir haben Ende Oktober 2010 bei Barby den höchsten Grundwasserstand seit Aufzeichnung gemessen." Am 22. Dezember war der Pegelstand dort 1,75 Meter über normal, gestern 2,05 Meter über normal. "Wir rechnen damit, dass dieser Pegel das ganze Jahr 2011 nicht mehr unter den Normalwert fällt."

Dagegen etwas tun könne man kaum. "Das ist ein Naturereignis. Damit werden wir leben müssen." Er sei in den vergangenen Tagen viel gefragt worden, warum nicht mehr Pumpen in Betrieb genommen werden. Jung schüttelt den Kopf: "Es nützt wenig, das Wasser von einem Feld auf das andere zu pumpen. Am Ende pumpt man es im Kreis herum." Und er formuliert dies nicht resignierend, sondern eher als Einsicht in die Notwendigkeit.

Bleibt zu hoffen, dass am Ende die Bauern nicht die Hauptleidtragenden der feuchten Witterung sind. Auf vielen Feldern stehen Wasserflächen so groß wie Seen. In den nächsten Wochen werden wohl noch mehr Felder überflutet. "Wenn dann noch der Dauerfrost zurückkommt, gehen die Anpflanzungen dort kaputt", weiß Christian Jung. Seine Hoffnung hat einen Namen: Frühling. Dann nehmen die Pflanzen wieder Wasser auf, und die Sonne trocknet die Felder. Doch der Frühling ist noch weit weg.

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