Magdeburg. Wenn ein Kind stirbt, hinterlässt es eine riesige Lücke. Das ganze Leben gerät durcheinander. Die Eltern wissen nicht mehr weiter. Viele fragen sich: "Soll ich weiterleben?", sagt Katrin Hartig, Landessprecherin des Vereins "Verwaiste Eltern". Auch sie hat sich diese Frage gestellt. Ihr Sohn Daniel starb vor acht Jahren bei einem Sportunfall. Daniel wurde 13 Jahre alt.

Ein Jahr hat Katrin Hartig gebraucht, um die Ohnmacht und Sprachloskeit zu überwinden. Sie traf Menschen, mit denen sie reden konnte, die sie in ihren Gefühlen bestärkten. Doch der erste Schritt ist zugleich der schwerste. Die Katastrophe beim Namen nennen. Zu sagen: "Mein Kind ist tot." Heute betreut Katrin Hartig selber Menschen, die ihre Kinder verloren haben.

Sie kann deren Schmerz nachempfinden. Im Kopf herrscht das Chaos; im Herzen die Zweifel: Darf ich glücklich sein, wenn mein Kind tot ist? Ihr Umfeld setzte Katrin Hartig damals unter enormen Druck. Viele mieden ihre Gesellschaft. Andere hatten "gute" Ratschläge: Geh wieder arbeiten! Lenk dich ab! "Aber das waren mehr Schläge", erinnert sie sich. Ihr hat nur eines geholfen. Zu hören: Es ist in Ordnung, wie du gerade fühlst.

Bei ihrer Arbeit hört die Trauerbegleiterin erst einmal zu. Indem die Menschen Worte finden, ordnen sie das Chaos für sich. "Trauer will nicht im Kopf bewegt werden." Katrin Hartig ermutigt sie, ihre Gefühle zu zeigen. Weinen darf kein Tabu sein. "Beim Weinen fließt die Traurigkeit aus einem heraus", zitiert sie Thomas von Aquin. Wenn die Trauernden das Ventil geöffnet haben, können sie ihre Luft rauslassen.

Sie selber sei mit dem Glauben groß geworden, immer stark sein zu müssen. "Aber das führt in dem Moment zu gar nichts. Man muss alle Gefühle zeigen, die man hat."

Trauer ist immer Schwerstarbeit. Doch die Trauer um ein Kind ist besonders schwer. Es ist ein Naturgesetz überschritten. Normalerweise sterben die Alten vor den Jungen. "Aber da stirbt dein Kind vor dir." Die eigene Endlichkeit wurde ihr bewusst.

Mit dem Tode Daniels änderte sich das komplette Familiengefüge. Alles geriet aus dem Gleichgewicht. Wie wenn bei einem Mobile ein Teil abgeschnitten wird. "Da spielt es auch keine Rolle, ob ein Mann an deiner Seite ist oder ob du weitere Kinder hast." Die Leere muss jeder für sich lernen auszuhalten. "Trauer kommt aus dem Altdeutschen und bedeutet: Die Augen schließen und in sich gehen. Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?"

Katrin Hartig musste lernen, an sich zu denken. Medikamente lehnte sie ab. "Es gibt keinen Umweg um die Trauer." Heute rät sie den Trauernden, sich jeden Tag etwas Schönes zu gönnen. "Streicheleinheiten" wie Blumen oder Tee. Den Tagen Struktur zu geben und täglich rausgehen. Nichts tun hilft nicht.

"Trauer muss ausgedrückt werden." Egal ob Malen, Tagebuch schreiben, Basteln oder jemanden vollnöhlen. "In dem Moment, wo sie etwas tun, sind sie diejenige, die etwas macht. Da macht nicht ihr Innenleben etwas mit ihnen, wie ferngesteuert." Doch auch wenn die Gesellschaft erwartet, dass der Mensch schnell wieder gut funktioniert: Trauer ist ein Prozess durch das ganze Leben. Und dieser Prozess läuft bei jedem anders ab.

Familienbegleiter für das Kinderhospiz

Katrin Hartig will die Menschen auf ihrem Weg begleiten. Sie arbeitet mit den Pfeifferschen Stiftungen zusammen und bildete Familienbegleiter für das Kinderhospiz Mitteldeutschland aus. In Tambach-Dietharz (Thüringen) entsteht ein Haus, in dem Familien beim Sterben ihrer todkranken Kinder begleitet werden.

Ansonsten gibt es eine solche Einrichtung für Kinder in den neuen Bundesländern lediglich in Berlin und Leipzig. In Magdeburg planen die Pfeifferschen Stiftungen den Aufbau einer stationären Kinderhospizeinheit. Jeweils eine Familie könnte dort vier bis sechs Wochen untergebracht werden. "Die Familien sind oft fertig und ausgepowert", sagt Tabea Friedersdorf, Leiterin der Hospizabteilung bei den Pfeifferschen Stiftungen. Im Hospiz könnten sie sich ein wenig erholen. Bis spätestens Anfang 2012 soll die stationäre Betreuung den Betrieb aufnehmen. Den notwendigen Umbau wollen die Stiftungen über Spenden finanzieren. Die Malteser bieten zudem seit diesem Jahr einen mobilen Kinderhospizdienst in einem Umkreis von 70 Kilometern um Magdeburg an. Einen solchen ambulanten Dienst gibt es bereits in Halle.

"Trau dich, dich mit der Trauer auseinanderzusetzen, solange du noch drüber sprechen kannst", rät Katrin Hartig Betroffenen. Sonst würden sie sich irgendwann Vorwürfe machen, wie: "Hätte ich ihn mal gefragt." Auch mit den Geschwistern soll über das Sterben gesprochen werden.

Die Trauerbegleiterin erinnert sich, als ihre Tochter einmal wissen wollte: "Und was passiert unter der Erde mit Daniel?" Wichtig ist eigentlich nur eine ehrliche Antwort. "Aber ich habe Schnappatmung bekommen. Sie wollte nur einen Satz hören", erzählt Katrin Hartig. Ihre Tochter war schon mit der Antwort: "Ich weiß es auch nicht" zufrieden.

Besonders schwer ist es mit der Trauer an besonderen Tagen umzugehen. Für Todestage oder Geburtstage, Silvester oder Weihnachten rät Katrin Hartig zu Ritualen. Als nach einem halben Jahr das erste Weihnachtsfest ohne Daniel anstand, wollte sie es erst ausfallen lassen. Doch gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter entschied sich Katrin Hartig, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Einen Ast schlugen sie raus und brachten ihn auf den Friedhof. "Was ist denn mit eurem Baum los", fragten die Bekannten. "Er zeigt hier fehlt ein Mensch."

Doch auch im Alltag denkt Katrin Hartig oft an ihren Sohn. Manchmal laufen ihr seine Freunde über den Weg – aus ihnen sind Männer geworden. Und, wenn sie etwas Besonderes erlebt, denkt Katrin Hartig: "Das würde ich dir gerne erzählen, Daniel."