Von Oliver Schlicht

Magdeburg. Das Grundwasser steigt, die Überflutungen, das Einbrechen von Wasser in sonst trockene Keller lassen die Nerven von Anwohnern blank liegen. In den Mittelpunkt der Diskussionen rücken zunehmend die offenbar überforderten Entwässerungsgräben entlang von Straßen und Feldern. Der Vorwurf: Das Wasser wird nicht ausreichend über die Gräben abgeführt, weil diese Grabenanlagen zugewachsen sind oder aus Spargründen teilweise zugeschüttet wurden. Diese Schuldzuweisungen zielen vor allem auf die sogenannten Unterhaltungsverbände, die finanziert von den Landbesitzern und Kommunen in den Regionen diese Gräben bewirtschaften. Aber auch der Landesbetrieb für Hochwasserschutz als übergeordnete Aufsichtsbehörde wäre an nicht funktionierenden Grabensystemen mit schuld.

Das Thema ist – dies sei vorweggestellt – sehr komplex. Um so mehr verwundert, dass der Linksfraktionschef Wulf Gallert die hoch emotionale Graben-Problematik am Dienstag in die Wahlkampfschlacht geworfen hat. "Das hat diese wirtschaftlich ja so angeschlagene und schwache DDR offensichtlich einigermaßen vernünftig in den Griff gekriegt", formulierte er schmissig zur Entwässerung und dem gestiegenen Grundwasser. Das hört sich prima und richtig an – auf den ersten Blick. Schließlich hat es zu DDR-Zeiten tatsächlich keine vergleichbare Grundwasser-Überflutung an Elbe und Saale gegeben.

Zu viel Wassermassen

Hat er Recht? Christian Jung, Flussbereichsleiter im Landesbetrieb für Hochwasserschutz für das mittlere Sachsen-Anhalt, weist den Graben-Vorwurf weit von sich. "Es stimmt einfach nicht, dass die Gräben nicht ausreichend gepflegt werden. Die sind in sehr gutem Zustand. Sie können aber die jetzt auftretenden Wassermassen einfach nicht ausreichend aufnehmen", sagt er. Und schon gar nicht seien Gräben, die es früher einmal gab, einfach zugeschüttet worden. "Wir verfügen im Landesbetrieb über Kartenmaterial bis ins 19. Jahrhundert. Daher wissen wir, dass es auch früher die gleichen Gräben gab wie heute." Das gestiegene Grundwasser, so Jung, sei ein Naturereignis, mit dem die Menschen lernen müssen umzugehen.

Gudrun Tulinski, Ortsbürgermeisterin vom Barbyer Ortsteil Wespen, will sich aber "nicht daran gewöhnen müssen, dass Keller, die seit 50 Jahren trocken sind, nun immer voll Wasser laufen". Die Behauptung, dass Gräben nicht zugeschüttet wurden, sei schlichtweg falsch. "Herr Jung hat das auch mir gegenüber behauptet. Da frage ich mich, ober er der richtige Mann in seiner Funktion ist", sagt die Ortsbürgermeisterin und breitet einen Gemarkungsplan von 1950 auf dem Tisch aus.

Dieser Plan verzeichnet die Grundstücksflächen südlich des Dorfes Wespen und listet ihre Eigentümer auf. 1950 waren das kleine Schläge mit etwa 20 Eigentümern. Tulinski zeigt eine kreisförmige Linie auf dem Acker: "Das ist nur einer von vielen Entwässerungsgräben, den es heute nicht mehr gibt. Zugeschüttet wurde der Graben im Zuge der Zwangskollektivierung in den 1950er und 1960er Jahren." Denn die sehr viel größeren Ackerflächen der sozialistischen Genossenschaften ließen sich besser bewirtschaften ohne lästige Gräben.

Der Bauer hat bestimmt

Tulinski: "Vor dem Krieg hat nicht das Umweltverträglichkeitsgutachten bestimmt, wo ein Graben angelegt wird, sondern der Bauer, weil Wasser auf seinem Feld stand. Das heute bestehende Grabensystem sollte in diesem Sinne überarbeitet werden." Apropos Umweltverträglichkeitsgutachten: 2003 wurde so etwas in Wespen wegen des Baus von neuen Versorgungswegen angefertigt. Tulinski: "Darin wird vorhergesagt, dass das Grundwasser zehn Jahre später um einen Meter gestiegen sein wird. Mehr oder andere Gräben wurden deshalb in unserer Gemeinde nicht gebaut."

Auch Thomas Warnecke, Ortsbürgermeister im wenige Kilometer entfernten Pömmelte, kennt Gräben aus der Vorkriegszeit, die zu DDR-Zeiten zugeschüttet wurden. Er tippt mit dem Zeigestock auf das große Luftbild in seinem Büro: "Da, da, da und auch da!" Rings um Pömmelte finden sich Grabenfragmente, die heute kaum noch sichtbar sind. "Wenn das Grundwasser steigt, zeichnen sich ihre Konturen wieder im Feld ab."

Aber wenn es in der DDR weniger Entwässerungsgräben als in der Vorkriegszeit gab, warum gab es dann weniger Überflutungen als heute? Warnecke: "Es gab mehrere Wasserwerke, die das Trinkwasser für die Bevölkerung hier im Kreis gefördert haben. Heute kommt das Trinkwasser aus der Colbitz-Letzlinger Heide." Und es gab das Dieselmotorenwerk, das Traktorenwerk, das Sprengstoffwerk, die Brauerei und andere Betriebe, die alle Wasser gebraucht und zum Teil auch aus eigenen Brunnen gefördert haben. "Das alles hat den Grundwasserspiegel deutlich absinken lassen", sagt er und nimmt die DDR ein bisschen in Schutz: "Deshalb waren auch weniger Entwässerungsgräben notwendig als in der Vorkriegszeit."

Doch was ist mit den zugewachsenen Gräben, die überlaufen, weil sie keine Abflüsse mehr haben? Hat Christian Jung Unrecht, wenn er behauptet, so etwas gebe es nicht? Warnecke nimmt Jung in Schutz: "Die Gräben, die von den Unterhaltungsverbänden bewirtschaftet werden, sind tatsächlich in Ordnung. Aber es gibt viele Stücke von Altgräben, die keiner mehr pflegt, die kaum noch sichtbar sind." Diese Altgräben – ohne Ende, ohne Anfang und wild zugewachsen – laufen jetzt bei dem hohen Grundwasser voll – und treten so wieder zu Tage. Warnecke: "Und dann fangen die Leute an zu schimpfen."

Und das wohl nicht ganz zu Unrecht. Das Grabensystem zur Entwässerung von flussnahen Gebieten scheint überarbeitungswürdig zu sein. Aus drei profanen Gründen: Die DDR ist Geschichte, das Wasser kommt aus Colbitz, und es regnet sehr viel mehr.

 

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