Bundesweit ist gestern der millionenfachen Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden. In Sachsen-Anhalt hat es Veranstaltungen beispielsweise in Bernburg, Halle und Magdeburg gegeben. Auf der zentralen Feierstunde des Landes in Halberstadt hat Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) gemahnt: "Das Erinnern sind wir nicht nur den Opfern schuldig, auch uns selbst."

Halberstadt. Als einen "Tag des Nachdenkens über unsere eigene Geschichte" hat Ministerpräsident Wolfgang Böhmer den 27. Januar bezeichnet. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 diesen Tag zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt, weil Soldaten der sowjetischen Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit hatten, in dem mindestens 1,1 Millionen Kinder, Frauen und Männer von den Nazis ermordet wurden.

Böhmer betonte auf der zentralen Gedenkveranstaltung des Landes im Halberstädter Städtebundtheater: "Wir brauchen diesen heutigen Tag, um uns nicht nur der Opfer und ihres Leids zu erinnern. Wir brauchen ihn für uns selbst, auch um uns vor uns selbst zu schützen." Menschen seien stets verführbar gewesen und so werde es auch künftig sein. Der Christdemokrat zitierte aus seinem Lehrbuch für den "Wissenschaftlichen Kommunismus" aus dem Jahr 1985: "Gewalt gegen einzelne Menschengruppen ist legitim, wenn es dem Erhalt der Macht der Arbeiterklasse dient." An dieser Stelle applaudierten nicht alle Vertreter der Parteien.

"Wir müssen wachsam bleiben"

Böhmer sagte, für künftige Generationen werde dieser Tag zu einem Erinnern aus dem Geschichtsbuch ohne emotionale Bindungen. Das Bewahren an die Erinnerung der einzigartigen Verbrechen der Nationalsozialisten sei nicht nur eine staatliche Pflicht, sondern eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. "Wir müssen wachsam bleiben und den Anfängen wehren", forderte der Ministerpräsident. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus dürfe nicht enden, nur weil dessen Verbrechen schon Jahrzehnte zurückliegen. Wer seine Zukunft verantwortungsvoll gestalten wolle, müsse sich der Vergangenheit vorbehaltlos stellen.

"Wenn die Zeitzeugen verstummen, müssen wir Historiker sprechen." Mit diesem Satz eröffnete Wolfgang Benz seinen Vortrag. Er leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Er bezeichnete das Erinnern als einen "Teil unserer politischen Kultur". Allerdings bedürfe es dabei mehr als bloßer Betroffenheit, forderte Benz. Gefragt sei ebenso die Verpflichtung für Menschenrechte für jeden und überall einzutreten. "Auschwitz beginnt überall, in Halberstadt, in Magdeburg, in Wernigerode", sagte Benz und erklärte, in allen drei Städten habe es in der jüngsten Vergangenheit Übergriffe und Angriffe auf Menschen gegeben, nur weil diese eine andere Hautfarbe haben oder anderer politischer Auffassung sind. "Erinnern allein genügt nicht, man muss auch neues Unrecht verhindern." Benz widerholte seine Auffassung, wonach die aktuelle Muslimfeindlichkeit historischer Diskriminierung gleiche: "Alles Gedenken heute wäre umsonst, wenn an die Stelle der Juden eine andere Menschengruppe tritt."

Vor der Gedenkstunde im Theater fand in der nahegelegenen KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge eine Kranzniederlegung statt.

"Große Verantwortung für den Frieden"

Uniformierte Soldaten mit einem Kranz der Russischen Botschaft, der Landesverband der Jüdischen Gemeinden, Vertreter von Land, Kommunen, Landtag und Vereinen gedachten der von 1944 bis 1945 im dortigen Konzentrationslager ermorderten Häftlinge. An der Zeremonie nahmen auch Klassen aus dem Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt teil. Landtags-Vizepräsident Rüdiger Fikentscher (SPD) sagte, die Deutschen dürften angesichts ihrer Geschichte das eigene Versagen nicht verdrängen und vergessen: "Wir haben eine große Verantwortung für den Frieden. Bei uns zu Hause, in Deutschland und in der Welt."