Als die Familie Potkura und Matzke im November 2010 eine Gewinnbenachrichtigung erhielten, die ihnen nicht nur 5000 Euro versprach, sondern auch die Besichtigung einer Schokoladenfabrik sowie einen Bummel über den Hallenser Weihnachtsmarkt, war die Überraschung groß. Trotz aufkeimender Skepsis meldeten sie sich zu der Fahrt an. Dass sie sich damit auf einen psychologischen Höllentrip einließen, war ihnen vorher nicht bewusst.

Dahlenwarsleben/Halle. Natürlich konnten sich weder Familie Potkura, noch das Ehepaar Matzke daran erinnern, jemals das Kreuzworträtsel "Schönes Europa" mit dem Lösungswort "Bargeld" ausgefüllt und eingeschickt zu haben. Dennoch, so stand es in der "Eilsendung" der Firma Luise Wilsa schwarz auf weiß: "Sie haben tatsächlich gewonnen. Die Auszahlung von 5000 Euro erfolgt am Dienstag, dem 30. November 2010, auf unserer wunderschönen Ausflugsfahrt."

Die Ausflugsfahrt, so wird in dem sehr persönlich formulierten Schreiben versprochen, beinhaltet einen Besuch der Halloren-Fabrik und des Weih-nachtsmarkts in Halle. Dazu gibt es noch Frühstück, Mittag-essen, eine Weinprobe und einen üppigen Präsentkorb mit hochwertigen Lebensmitteln. Alles gratis, versteht sich.

"Ich habe mir schon gedacht, dass wir das angekündigte Geld wahrscheinlich nicht bekommen werden. Aber es versprach ein schöner Ausflug zu werden, und die Schokoladenfabrik hat uns wirklich interessiert", erzählt der Rentner Roland Matzke jetzt der Volksstimme. Auch die Potkuras freuten sich auf einen schönen Tag in Halle. "So viele schöne Dinge an einem Tag, und dann auch noch eine Gewinnauszahlung. Das war schon ver- lockend."

Fühlten sich gefangen und ausgeliefert

Für viele Rentner sind solche Angebote eine willkommene Abwechslung vom Alltagstrott. Alles wirkt auf den ersten Blick gut organisiert, und die Aussicht, neue Menschen kennenzulernen, ist vielversprechend. Edeltraut und Herbert Potkura hatten sofort die Idee, ihre Tochter Madlon und ihre Enkelin Jeny mitzunehmen – ein Familienausflug zum Nulltarif. Und da in dem so freundlichen Schreiben extra betont wurde, dass es die letzte Gelegenheit für sie sei, ihren Gewinn zu erhalten, war die Antwortkarte schnell ausgefüllt und abgeschickt.

In den frühen Morgenstunden des 30. Novembers ging es los. Der Bus kam pünktlich, die Reiseleitung gab sich sympathisch und zuvorkommend. Die Matzkes und die Potkuras mit Tochter Madlon Bahrends und Enkelin Jeny hatten es sich bequem gemacht.

"Gegen 9.30 Uhr bogen wir in ein Gewerbegebiet ein. Vor der recht abgelegen wirkenden Gaststätte ,Zur Eiche‘ kamen wir zum Stehen. Mir kam das schon komisch vor", erinnert sich Madlon Bahrends. Dann tauchte "Achim" auf, der krampfhaft charmante Leiter der Veranstaltung. Die 30 Businsassen, hauptsächlich ältere Leute, wurden in den Stadtrand-Gasthof gebeten.

Madlon Bahrends bekam sofort zu spüren, was Sache ist: "Die Veranstalter haben mich und Jeny von meinen Eltern getrennt. Wir durften nicht bei ihnen sitzen." Dabei ist Herbert Potkura auf seine Tochter, die von Beruf Krankenschwester ist, angewiesen. Ihr Vater hat eine schwere Sehbehinderung und findet sich in einer fremden Umgebung schwer zurecht. Madlon Bahrends war völlig perplex, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie nahm es stillschweigend hin und hoffte, dass das Frühstück schnell vorbei ist, damit es endlich mit den Besichtigungen losgehen kann.

Doch "Achim" hatte ganz andere Absichten. Nach wenigen Minuten wurden die halbleeren Teller abgeräumt. Eine Verkaufsveranstaltung begann. Noch immer wussten die Matzkes und die Potkuras nicht, wie ihnen geschah. Sie fühlten sich gefangen und ausgeliefert, alleine mit "Achim", der die älteren Menschen erst unterschwellig und schließlich immer dreister unter Druck setzte. "Wir wurden regelrecht gedrängt, eine Art Gesundheitskoffer für 3000 Euro zu kaufen, der vor Schlaganfällen schützen soll", erzählt Monika Matzke.

Als keiner auf das Angebot einging, öffnete Achim sein Hemd und zeigte eine hässliche Narbe. Er erzählte eine mitleidserregende Geschichte von Darmkrebs, künstlichem Magen, Komazuständen. Ohne das Wundermittel wäre er schon tot. Kein Arzt könne diese Kur ersetzen. Die Menschen im Gastraum waren verunsichert. Wer Anstalten machte, den Raum zu verlassen, wurde barsch angefahren, wer mit seinem Nachbarn sprach, wurde als Störenfried zurechtgewiesen. Als Jeny, die mit Abstand Jüngste im Raum, sich draußen eine Zigarette anzünden wollte, wurde sie von einem Mitarbeiter verfolgt, der ihr zu verstehen gab, dass ihr Verhalten unmöglich sei. Gefangen im Gewerbegebiet.

Nach und nach wurde die Situation immer undurchschaubarer. "Ich habe nicht mehr gewagt, den Mund aufzumachen. Alle waren völlig eingeschüchtert. Ich wollte nur noch, dass das alles schnell vorbei ist und wir wieder auf dem Weg nach Hause im Bus sitzen", erzählt Monika Bahrends.

Um die angespannte Situation etwas zu lösen, wurden eine Bratpfanne für 30 Euro und eine Fußcreme für 15 Euro gekauft. Vermutlich gefälschte Produkte, schlecht verarbeitet, ohne Prüfsiegel, ohne Garantieschein. Achim ließ nicht locker, schien nicht einmal müde zu werden, demonstrierte weiterhin Macht und Überlegenheit. "Man bekommt nix geschenkt", sagte Achim immer wieder – und niemand im Raum wagte, ihn auf die versprochenen 5000 Euro oder die Ausflüge anzusprechen.

Auf einmal war der Vertrag unterschrieben

Das Schauspiel wurde immer skurriler. "Diese Verkäufer müssen richtig professionell psychologisch ausgebildet worden sein", bemerkt Roland Matzke. "Eine Schande, dass so etwas zum Betrügen eingesetzt wird."

Noch immer gab es kein Wort über den Gewinn, den Weihnachtsmarkt oder die Weinprobe. Stattdessen Mittagessen für 5,50 Euro. Es wurde immer später. "Wir begannen richtig zu frieren und dunkel wurde es auch schon." Achim machte von nun an mit seinem Kompagnon "Jochen" weiter – und zwar "mit dem Knüller". Auf eine Pappwand hatte er Reiseangebote geklebt: Türkei, Italien. Spanien. Diese konnte man mit dem Rund-um-Wohlfühlpaket buchen. Schnellentschlossene bekommen noch zwei Städtereisen und Bargeld obendrauf.

Die mürbe gewordenen Leute wurden hellhörig. Und auf einmal fand sich Monika Matzke dabei wieder, wie sie einen Vertrag unterschreibt. Eine Reisebuchung an die Blumenriviera für 600 Euro. Was das Wohlfühlpaket da jetzt genau bedeutete, wurde ihr nicht richtig klar. Der hektische Jochen machte sie so konfus, dass ein Durchblick nicht mehr möglich war. 40 Euro gab sie ihm in bar, den Rest sollte sie so schnell wie möglich per Rechnungsvorlage überweisen.

Gegen 17 Uhr waren Jochen und Achim endlich zufrieden. Fast neun Stunden waren die Potkuras, die Matzkes und die Anderen nun schon in dieser ungastlichen Gaststätte gefangen. Es wirkte fast wie Hohn, als jeder ein Lotto-Rubbellos auf den Tisch geknallt bekam, der tatsächlich die Chance bot, 5000 Euro zu gewinnen. Niemand gewann irgendetwas, aber damit wollten Achim und Jochen auch nichts mehr zu tun haben.

Um 18.30 Uhr stand der Bus zur Abfahrt bereit. Keine Schokoladenfabrik, kein Weihnachtsmarkt, keine Weinprobe, kein Präsentkorb. "Dann, als wir im Bus nach Hause saßen, kam der Aha-Effekt", erzählt Monika Matzke. "Die Reisebuchung war reiner Betrug. Der Vertrag in meinen Händen war undurchsichtig und widersprüchlich. Die Reise würde wahrscheinlich so nie zustande kommen. Ich beschloss, sofort zur Verbraucherzentrale zu gehen und auf keinen Fall das restliche Geld zu überweisen."

Die Menschen im Bus waren wütend, verstört und verärgert. Die Matzkes kamen mit den Potkuras ins Gespräch, beschlossen zu handeln und machten gegenseitig ihrem Ärger Luft. Doch am stärksten war der Ärger über sich selbst: "Wir haben schon so oft im Fernsehen über die Betrugsmaschen von diesen Kaffeefahrten gehört. Und immer habe ich gedacht: Uns kann das nicht passieren", sagt Madlon Bahrends. "Wie konnten wir nur so naiv sein?", fragt sich auch Monika Matzke immer wieder, und ihr Mann fügt hinzu: "Eigentlich sind wir skeptische Menschen und lassen uns nicht so leicht um den Finger wickeln. Wir haben die ganze Sache unterschätzt. Es war uns ein Lehrstück. Ich bin nur so enttäuscht, dass Menschen zu so etwas fähig sind."

Den Glauben an die Menschlichkeit verloren

Im Nachhinein betrachtet sind die Matzkes und die Potkuras noch glimpflich davon gekommen. Um die 100 Euro hat jede Familie bei den Betrügern gelassen, was noch vergleichsweise gering ist. Richtig gehandelt hat auch Monika Matzke, die ihre Erlebnisse beim Verbraucherschutz gemeldet hat. Die angezahlten 40 Euro für die Reise wird sie nun zwar nicht wieder bekommen, kann aber etwaigen Zahlungsaufforderungen und Drohbriefen gelassen entgegensehen.

Die Firma Luise Wilsa, die Gaststätte "Zur Eiche" und das vermeintliche Reiseunternehmen Swiss Media AG sind dem Verbraucherschutz bereits bekannt. Und selbst den perfiden Betrügern unterlaufen schon mal Fehler. So gab "Jochen" auf dem Überweisungsschein seinen tatsächlichen Namen, Arno K. an. Sein Facebookprofil, samt Fotos, war dank der Hilfe der Enkel schnell gefunden. "Das ist er! An seiner Narbe am Auge erkennen wir ihn sofort!", bestätigen die Familien und es fühlt sich fast an wie eine Genug- tuung. Inzwischen sind einige Wochen seit der "Gewinn-übergabe" vergangen.

Die Matzkes und die Potkuras sitzen am Kaffeetisch und betrachten ihr kleines Abenteuer inzwischen gelassen. "Wir sehen es auch jetzt ein bisschen als unsere Aufgabe an, die Menschen vor diesen Betrügern zu warnen. Niemals darf auf so ein Schreiben reagiert werden und sei es noch so verheißungsvoll. Gleich in den Müll damit." Man bekommt nichts geschenkt, da hatte der Achim schon recht.

Heute können alle drüber lachen und Monika Matzke sieht sogar noch etwas Gutes an der Geschichte: "Ohne die Fahrt hätten wir uns nicht kennengelernt und jetzt haben wir neue Freunde dazugewonnen. Trotzdem nie wieder!"

Das Ende einer Kaffeefahrt: In diesem Fall hat es Menschen zusammengebracht. Aber den Glauben an die Menschlichkeit haben alle ein wenig verloren.

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