Von Bernd Kaufholz

Oschersleben. Als Sonn-abendnacht gegen 23.45 Uhr das Telefon bei den "Notfallbegleitern" Annette und Friedrich Biela (beide 41) klingelte und die Leitstelle in Haldensleben am anderen Ende der Leitung über ein schweres Eisenbahnunglück in Hordorf informierte, glaubten die beiden Oschersleber, dass es sich um eine Übung handelt. "Auch, als wir auf dem Weg waren, dachte ich noch, dass es eine dieser unangemeldeten Trainings ist", erzählt Friedrich Biela gestern.

Am Unfallort eingetroffen, habe er die zerfetzten Zugteile erst gar nicht wahrgenommen. "Man muss seine Arbeit machen und lässt den Schrecken und das Grauen nicht an sich heran. Das ist wohl so eine Art Selbstschutz, damit man in solchen Stresssituationen überhaupt arbeiten kann", versucht er zu erklären.

Und seine Ehefrau ergänzt: "Die schrecklichen Bilder braucht man nicht. Man muss Kraft für das haben, was die Opfer erzählen, für diejenigen, denen man seelisch helfen will. Und nicht dafür, sich selbst wieder einzukriegen." Man müsse mit den eigenen Kräften haushalten.

Der Pfarrer wurde dem Stab zugeteilt, seine Ehefrau, evangelische Schulbeauftragte in Magdeburg und ebenfalls Pfarrerin, kümmerte sich um die leichter Verletzten, die im Saal der Zeugen Jehovas auf ihren Abtransport in die Krankenhäuser warteten.

Nicht den Mut nehmen

"Gelassen" seien die Opfer gewesen. Die Fragen nach dem "Wohin, jetzt?" standen im Vordergrund. "Die leitende Notärztin kümmerte sich um die Verletzten und auch einige Rettungssanitäter."

Im Laufe der Nacht seien dann auch zwei Angehörige gekommen, die von dem Unfall gehört hatten und glaubten, dass Verwandte im Zug gewesen sein könnten. "Es war die Ungewissheit, die diesen Menschen zu schaffen machte. Sie hatten viele Fragen. Für uns bestand das Problem darin, ihnen nicht Genaues sagen zu können. Es war ja noch gar nicht klar, wer die Opfer waren", so Annette Biela. Man habe den Menschen weder den Mut nehmen noch ihnen unberechtigte Hoffnungen machen wollen.

Die Oschersleber "Notfallbegleitung" ist ein eingetragener Verein mit 18 Mitgliedern und gehört zur Feuerwehr. Friedrich Biela: "Weil unsere Ehrenamtlichen nicht alle christlich gebunden sind, haben wir uns nicht ,Notfallseelsorge‘ genannt. Aber unsere Aufgaben sind dieselben: Erste Hilfe für die Seelen."

Das Grauen erlebt

Doch nicht nur den Opfern hätten sie sich zugewandt – auch den Rettungskräften. Annette Biela spricht von einem jungen Polizisten. "Er hatte seine Vorgesetzten darum gebeten, dass er mit uns sprechen kann." Der Beamte habe unmittelbar an den Zugwracks gearbeitet und habe dort das Grauen gesehen und erlebt.

Das Ehepaar sagt, dass "nicht so viele Unfallbegleiter/-seelsorger wie möglich vor Ort eingesetzt" wurden, sondern so viele wie nötig. Denn: "Man muss mit den Kräften vernünftig umgehen und immer noch Einsatzreserven für den Notfall oder ein Schichtsystem in Reserve haben. Deshalb seien Helfer aus Quedlinburg, die sich angeboten hatten, auch nicht eingesetzt worden.

Annette Biela spricht von einem "stabilen Netzwerk", das sich einmal mehr bewährt habe.

Für die beiden Oschersleber Notfallbegleiter sei es das schrecklichste Ereignis gewesen, bei dem sie bisher eingesetzt worden waren. "Sonst sind es nach Unfällen mit getöteten Personen höchstens drei, vier nahe Angehörige, mit denen wir sprechen müssen", sagt Friedrich Biela.

Todesnachrichten mussten sie nach dem Zugunglück in Hordorf nicht überbringen: "Gott sei Dank!"

Nach sieben Stunden war für das Pfarrerehepaar am Sonntag im Morgengrauen der Einsatz beendet – jedenfalls direkt am Unfallort. Doch die Arbeit ging weiter: Drei Vereinsmitglieder blieben in Rufbereitschaft. Und auch für Annette und Friedrich Biela ist der Alltag bis heute noch lange nicht wieder in Sicht.